Appell der Dirigenten und Intendanten

Berlins Bildungssenator erstaunt über Brandbrief

Der Brandbrief der Berliner Kulturschaffende, darunter Dirigenten wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle oder Donald Runnicles, findet breite Unterstützung. Bildungssenator Jürgen Zöllner hat die Kritik mit Unverständnis aufgenommen. Dabei warten allein 6500 Kinder auf einen Platz an einer Musikschule.

Carl St. Clair, Generalmusikdirektor der Komischen Oper, kann nur mit dem Kopf schütteln. „Wer nichts für seinen Nachwuchs tut, der stirbt irgendwann aus“, sagt der Amerikaner. Die Pläne von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), den Musikunterricht an den künftigen Sekundarschulen zu kürzen, sorgen für breiten Protest. Pamela Rosenberg, Intendantin der Berliner Philharmoniker, sieht die Gefahr, dass „die Allgemeinbildung auf ökonomische Inhalte reduziert werden soll“.

Nach dem offenen Brief der Berliner Kulturschaffenden an die zuständige Senatsverwaltung, in dem sie 1,5 Stunden Musikunterricht fordern statt nur einer Stunde pro Woche, haben sich auch Musiklehrer und Musikschulleiter für einen Erhalt der musikalischen Ausbildung ausgesprochen. Christian Höppner, Präsident des Landesmusikrates, des Dachverbandes der Musiker und musikalischen Laien, betont, dass es höchste Zeit sei, dass sich die professionelle Musikszene äußert. „Berlin trägt in diesem Bereich bundesweit die rote Laterne“, sagt Höppner.

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) reagierte nach Auskunft seines Sprechers Jens Stiller mit „Erstaunen und Unverständnis“ auf den Brief. Zöllner werde auf die Betroffenen zugehen und ihnen aufzeigen, welche Möglichkeiten sich für die Fächer durch die Veränderung an der Sekundarschule ergeben.

Doch die Kritiker bleiben dabei. Erhebungen von Fachverbänden zufolge fielen an den Berliner Grundschulen 80 Prozent des Musikunterrichts aus oder würden fachfremd erteilt, so Höppner. „Dabei ist die musikalische Erziehung in der Grundschule für eine entsprechende Prägung der Schüler von größter Bedeutung.“

Höppner bezeichnete es überdies als Skandal, dass mehr als 6500 Berliner Schüler auf den Wartelisten der bezirklichen Musikschulen stehen: „Das sind nur die, die dran bleiben und mehr als drei Jahre warten. Die Dunkelziffer ist weit höher.“

Hubert Kolland vom Verband deutscher Schulmusiker kritisiert, dass das Angebot an Musikstunden an den neuen Sekundarschulen noch geringer ausfallen wird. Während die Berliner Kulturträger mindestens 1,5 Stunden pro Woche Musikunterricht fordern, will der Vorsitzende des Landesverbandes sogar wieder zwei Musikstunden pro Woche auf dem Stundenplan sehen. „Sonst ist zu befürchten, dass die qualitative Beschäftigung mit Musik nachlässt“, sagt Kolland. Wenn Zöllner schon der Meinung sei, dass Sekundarschüler mehr Zeit bis zum Abitur bräuchten, dann sollten sie diese Zeit auch für künstlerische Angebote nutzen. Mit der Kürzung der Musikstunden beraube der Bildungssenator die Schüler dieser Möglichkeit.

Das Problem sieht auch Chris Berghäuser, Leiter der Musikschule Pankow und Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Berliner Musikschulen. „Wir sind als Kooperationspartner vorgesehen und wollen nicht den regulären Musikunterricht ersetzen“, sagt er. Der Musikunterricht gehöre zur Allgemeinbildung und beeinflusse die Persönlichkeitsentwicklung. „Die musikalische Grundausbildung muss daher mindestens in demselben Umfang wie bisher fortgesetzt werden.“ Auf diesen Impulsen könne dann die qualifizierte Vokal- und Instrumentalausbildung an der Musikschule aufbauen.

Klaus Seifried vom Berufsverband Deutscher Psychologen verweist auf empirische Studien, die eine enge Verbindung von musikalischer Grundausbildung und mathematischer Leistungen festgestellt haben. „ Die Fähigkeit Noten zu lesen und musikalisch zu denken fordert das logische Denken und damit die kognitive Entwicklung der Kinder“, sagt Seifried. Breite Angebote im musikalischen Bereich seien zudem ein wichtiger Ausgleich für die sehr stark sprachlich theoretisch ausgerichtete Ausbildung in der Schule.

Auch René Faccin von der Landeselternvertretung Berlin schließt sich dem Protest der Dirigenten und Intendanten an. „Die Kinder brauchen eine breite humanistische Ausbildung, dazu gehört auch Musikunterricht.“ Faccin plädiert für ein interdisziplinäres Unterrichtssystem: „Dann können einzelne Fächer nicht gegeneinander ausgespielt werden.“ Erst kürzlich habe es Proteste gegen die Reduzierung des naturwissenschaftlichen Unterrichts gegeben. Auch mehr Sportunterricht sowie mehr praktisches Lernen werde gefordert. „All diese Bereiche könnten fächerübergreifend unterrichtet werden“, sagt der Elternvertreter.

Für Kirsten Harms, die als Intendantin der Deutschen Oper Berlin den Offenen Brief mit unterzeichnete, ist das Ganze „ein Riesenthema“. Wer Kinder beobachte, wüsste, dass sie täglich sowohl Sport als auch Musik bräuchten. „Die Verknüpfung von Musik, Tanz und Spiel ist lebenswichtig. Wir würden uns wünschen, dass künftig aus einer tieferen Zusammenarbeit zwischen Schulen, Opernhäusern, Orchestern oder Theatern Angebote hervorgehen, die den Kindern bei ihrer Entwicklung helfen. Uns bricht der kulturelle Boden weg, wenn er nicht gehegt wird.“

Generalmusikdirektor St. Clair kann nur warnend auf sein Heimatland verweisen: „Seit Jahren wird in den USA der Musik- und Kunstunterricht zusammengestrichen, und es ist kein Ende in Sicht. Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, irgendwann der Wert von Kultur in Frage gestellt wird. Wer Kindern und Jugendlichen keine Kultur vermittelt, der ist dafür verantwortlich, dass eine Gesellschaft auseinander fällt. Schaut einfach mal über den Teich. Wollt Ihr das?“