Schulreport Berlin

Bewährtes soll Sekundarschule zum Erfolg machen

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Regina Köhler

Foto: Reto Klar

Mit dem kommenden Unterrichtsjahr wird in Berlin die vom rot-roten Senat beschlossene Schulreform umgesetzt. Haupt-, Real- und Gesamtschulen gehen dann in der Sekundarschule auf. In Wilmersdorf sehen Kinder und Lehrer den anstehenden Veränderungen hoffnungsvoll entgegen.

Andre lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Konzentriert handhabt er den kleinen Schraubenzieher. Vorsichtig befestigt er damit die beiden Leuchtdioden an der Lüsterklemme. Der 16-Jährige will unbedingt alles richtig machen. Schließlich hat ihn sein Lehrer gerade sehr gelobt. "Andre stellt jede Schaltung auf Anhieb fehlerfrei fertig", sagt Physiklehrer Rolf Banholzer nicht ohne Stolz. Einen solchen Schüler habe er noch nie gehabt.

Gleichwohl schwärmt Banholzer auch von den anderen Teilnehmern des Physikkurses, zu denen Alexander, Steven, Jessica und Pascal gehören. "Alle sind mit Eifer bei der Sache. Die Arbeitsatmosphäre im Kurs ist richtig gut", sagt er. An diesem Freitag sollen die Zehnklässler einen Doppelblinker, das ist eine Schaltung mit zwei Transistoren, zusammenbasteln. "Das funktioniert wie der Blinker beim Auto", sagt Lehrer Banholzer. Spätestens mit dieser Bemerkung hat er das Interesse der Schüler geweckt. In dieser Unterrichtsstunde sind sie nur zu siebt. Die andere Hälfte der Gruppe befindet sich auf einer Exkursion im Reuter-Kraftwerk in Siemensstadt. "Wir versuchen, bei jedem Thema Theorie und Praxis miteinander zu verbinden, damit die Schüler am Ball bleiben", sagt Banholzer.

Naturwissenschaften gehören zum Profil der Schmargendorfer Marienburg-Realschule. Das Gebäude an der Kranzer Straße ist großzügig mit verschiedenen Fachräumen ausgestattet. Allein für Physik stehen zwei besondere Räume und ein Hörsaal zur Verfügung.

Schulleiterin Martina Schult berichtet zudem von zusätzlichen Sportstunden, denn auch dieses Fach gehört zum Profil ihrer Schule. "Beide Schwerpunkte werden wir beibehalten, wenn wir zum kommenden Schuljahr zur Sekundarschule werden", betont sie.

Fusion von Real- und Hauptschule

Die Marienburg-Realschule wird mit der Otto-von-Guericke-Realschule und der Rudolf-Diesel-Hauptschule fusionieren. Die neue Schule soll Sekundarschule Wilmersdorf heißen und künftig in zwei Gebäuden zu Hause sein. Hauptgebäude wird das der jetzigen Otto-von-Guericke-Schule an der Eisenzahnstraße. Filiale wird das Haus der Marienburg-Realschule. Der Standort Rudolf-Diesel-Schule soll aufgegeben werden, wenn die Schüler der jetzigen siebten Klassen dort ihren Abschluss gemacht haben.

Andre, Pascal und die anderen werden die Schule im Sommer verlassen haben, wenn sie als Sekundarschule startet. So froh sie darüber sind, dann ihren Abschluss in der Tasche zu haben, hätten sie doch gern miterlebt, wie ihre Schule sich ändert. "Mich hat das neugierig gemacht", sagt Pascal.

Neugierig auf die neue Schule ist auch der zwölfjährige Malik. Gemeinsam mit seinen Eltern hat er entschieden, sich für eine der siebten Klassen an der Sekundarschule Wilmersdorf anzumelden. "Mir gefällt das Schulgebäude an der Kranzer Straße", sagt Malik. Er hat sich am Tag der offenen Tür dort umgesehen. Auch die Lehrer seien ihm sympathisch gewesen. Malik, der später einmal Polizist werden will, möchte sein Abitur an einem der Oberstufenzentren machen, mit denen die Sekundarschule Wilmersdorf zusammenarbeiten wird.

Maliks Mutter Nawal Zreig ist ebenfalls von der neuen Schule überzeugt. Was ihr nicht gefällt, ist allein die Tatsache, dass noch nicht feststeht, an welchem der beiden Standorte die Siebklässler aufgenommen werden. Frau Zreig bevorzugt das Gebäude der Marienburg-Realschule. "Das ist in einem guten Zustand und nicht so groß."

Erfahrung mit dem Ganztagsbetrieb

Schulleiterin Martina Schult, die auch die Leitung der neuen Sekundarschule übernehmen wird, betont indes, dass geplant sei, an beiden Standorten siebten Klassen aufzumachen. "Das hängt aber davon ab, wie viele Eltern ihre Kinder bei uns anmelden werden", sagt sie. Sind es nicht genug für vier siebte Klassen, werde man nur an der Eisenzahnstraße starten. Alle Eltern könnten bei der Anmeldung einen Standortwunsch angeben.

Das Konzept der neuen Schule ist hingegen klar: "Wir machen Inventur und nehmen von jedem der drei Standorte Bewahrenswertes mit", sagt Schulleiterin Schult. Zum Profil der Sekundarschule Wilmersdorf werden neben dem naturwissenschaftlich-sportlichen Schwerpunkt der Marienburg-Realschule, die musische Orientierung der Otto-von-Guericke-Schule sowie die Erfahrungen mit dem dualen Lernen der Rudolf-Diesel-Schule gehören. Außerdem wird ein Ganztagsbetrieb mit Mittagsversorgung angeboten.

Diesbezüglich hat die Marienburg-Schule bereits gute Erfahrungen. Dort werden die Schüler seit zwei Jahren bis 15.30 Uhr betreut. Nachmittags ist viel Zeit für Förderunterricht und Hausaufgaben. "Die Schüler sind einfach viel motivierter, wenn sie die Hausaufgaben zusammen mit ihren Freunden machen, sich gegenseitig helfen oder auch mal einen Lehrer fragen können", sagt Schulleiterin Schult. Vergessene Aufgaben seien kein Thema mehr.

Neues Modell nur für neue Klassen

Die neue Schulform gilt zunächst nur für die künftigen siebten Klassen. "Alle anderen Schüler der drei Schulen werden ihre Schullaufbahn innerhalb des alten Modells beenden", sagt Martina Schult. Das bedeutet, dass die drei Standorte noch drei Jahre lang erhalten bleiben.

Für das Kollegium der neuen Sekundarschule wird das nicht leicht werden. Die Lehrer müssen zusammenwachsen, obwohl sie zunächst in ihrer alten Umgebung bleiben. "Wir haben uns aber schon öfter getroffen und auch Weiterbildungsveranstaltungen gemeinsam besucht", sagt Martina Schult. Das Wichtigste sei jetzt, dass die Eltern Vertrauen in die neue Schulform haben und ihre Kinder dort anmelden. Schult hofft, dass nicht nur haupt- und realschulempfohlene Kinder Interesse haben, sondern auch solche, die das Abitur machen wollen. "Eine gute Mischung ist für alle förderlich."