Die Berliner Schullandschaft ist im Umbruch. Ab Herbst gibt es nur noch zwei Schulformen nach der Grundschule. Deshalb wollen Eltern mehr denn je auf Nummer sicher gehen und ihrem Kind einen Platz auf der Wunschschule sichern. Notfalls auch per Gerichtsverfahren. Rund 80 Eilverfahren gegen die Zuweisung der Schule durch das Schulamt sind bereits beim Verwaltungsgericht anhängig. Zudem flatterten den bezirklichen Schulämtern, die über den Wechsel der rund 23.000 Berliner Schüler in die siebten Klassen entscheiden, Hunderte von Widersprüchen auf den Tisch.
Und es könnten noch mehr werden. In einigen Bezirken ist die vierwöchige Widerspruchsfrist noch nicht abgelaufen. Wird der Widerspruch vom Schulamt abgewiesen, haben die Eltern das Recht zu klagen. Dabei zeigt sich, dass einzelne Schulen in der Innenstadt besonders begehrt sind. Während die Widersprüche mit rund 20 in Spandau oder rund 100 in Steglitz-Zehlendorf nicht signifikant gestiegen sind, gibt es in Charlottenburg-Wilmersdorf 181 Widersprüche. Im Vorjahr waren es nach Auskunft von Schulstadtrat Reinhard Naumann (SPD) 109. Seiner Einschätzung nach liegt die Häufung daran, dass die Sekundarschule für viele Eltern noch unbekannt ist und die Gymnasien in Charlottenburg-Wilmersdorf nach wie vor am beliebtesten sind.
Martin Sand, Sprecher der Senatsschulverwaltung, sagte, dass es auch schon in den Vorjahren an einzelnen Schulen eine besonders große Nachfrage gegeben habe, sodass nicht alle Eltern einen Platz für ihr Kind bekamen. Insgesamt gebe es aber genügend Plätze. Einen Zusammenhang zwischen Schulreform und Widersprüchen sieht Sand nicht. Es hapere hauptsächlich an der Akzeptanz der konkreten Schule.
GEW: Reformen brauchen Zeit
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) rät angesichts der Umbruchsituation zu Gelassenheit: „Gerade die Entwicklung der zusammengelegten Schulen muss man abwarten. Sie sind hoffentlich gut vorbereitet, damit sie sich das Vertrauen der Eltern im Kiez erarbeiten können“, sagte GEW-Sprecher Peter Sinram. Die neu eingeführten Integrierten Sekundarschulen bräuchten Zeit. Habe eine Schule einen guten Ruf, sei es immer so gewesen, dass mehr Plätze als vorhanden nachgefragt wurden.
Schulstadtrat Naumann beobachtete in den letzten Jahren, dass zunehmend auch Eltern mit Migrationshintergrund aus Neukölln oder Wedding für ihre Kinder eine Schule im eher bürgerlichen Charlottenburg-Wilmersdorf anstrebten. Das würden sie als Argument für den Schulwunsch auch angeben, was aber nicht berücksichtigt werden könne. Wichtig hingegen sei, dass die Sprachenfolge fortgesetzt werde, die die Kinder in der Grundschule begonnen hätten. Auch persönliche Bindungen und die jeweiligen Profile der Schule, wie Sport- oder Musikbetonung, spielten bei der Entscheidung eine Rolle. Froh ist Naumann, dass ab dem nächsten Jahr immerhin das Kriterium der Schulentfernung wegfällt. Manchmal habe eine Minute Unterschied den Ausschlag dafür gegeben, ob ein Kind angenommen oder abgewiesen wurde. Ab 2011 werden die Schulen selbst zwei Drittel der Kinder aussuchen, der Rest wird per Losverfahren ermittelt, wenn es mehr Bewerber als Plätze gibt.
Die Zunahme der Widersprüche in Neukölln von 50 (2009) auf aktuell 71 bei 2200 Schulwechseln in die weiterführenden Schulen in diesem Jahr geht nach Auskunft von Stadtrat Wolfgang Schimmang auf die Umwandlung der Fritz-Karsen-Schule von einer Gesamtschule zur Gemeinschaftsschule zurück. War im Gesamtschulsystem ein Drittel der Plätze für Kinder mit Gymnasialempfehlung reserviert, sind bei der jetzigen Schulform Realschüler und Hauptschüler gleichberechtigt. Da es zu viele Bewerber gab, sei gelost worden. Daraus resultierten allein 20 Widersprüche.
Ganztagsgymnasium verschmäht
In Friedrichshain-Kreuzberg seien Eltern von jeher klagefreudig, sagte Schulstadträtin Monika Herrmann (Grüne). „Traditionell wollen Rechtsanwälte die Akten sehen.“ Die Zahl der Widersprüche habe sich nur geringfügig erhöht. Die Dezernentin hat jedoch eine andere Beobachtung gemacht: Zum kommenden Schuljahr sind auch die Gymnasien im Bezirk ausgelastet, die in früheren Jahren noch freie Plätze anbieten konnten. Grund dafür sei, dass viele Eltern ihre Kinder zunächst in gefragten Einrichtungen anderer Bezirke unterbringen wollten und dort abgelehnt wurden, sagte Monika Herrmann. Besonders begehrt waren das John-Lennon-Gymnasium und die Sophie-Scholl-Schule in Mitte. In Friedrichshain-Kreuzberg sei es das Leibniz-Gymnasium, das wesentlich mehr Anmeldungen als Plätze registriere – „obwohl wir einen vierten Zug aufgemacht haben“. Dagegen wurde das Ganztagsgymnasium, das der Bezirk anbietet, zunächst nicht gut angenommen. Herrmann: „Aber jetzt ist es ausgelastet.“



