Unterrichtsausfall

Stress macht viele Lehrer dauerhaft krank

Der Lehrerberuf wird immer anstrengender. Aggressive Schüler und Eltern machen den Pädagogen das Leben schwer. Die Folge ist oft der nervliche Zusammenbruch, Burn-out genannt. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft beklagt nun, dass sich die Zahl der dauerkranken Lehrer verdreifacht habe.

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Wenn nichts mehr geht, bleibt nur die Krankschreibung. „Viele Kollegen sind fix und fertig – einfach am Ende“, bringt es Peter Sinram, Sprecher der Lehrergewerkschaft GEW in Berlin, auf den Punkt. Überalterung der Kollegien, Stress und die Aggressivität mancher Kinder und deren Eltern machen den Lehrern zu schaffen – und zunehmend machen sie die Pädagogen krank.

Die Folge: Nach Einschätzung der Gewerkschaft ist die Zahl der dauerkranken Lehrer in Berlin seit dem Sommer 2008 deutlich gestiegen. GEW-Gesundheitsexperte Peter Triebe geht aktuell von mehr als 1500 Lehrern aus, die mehr als drei Monate nicht arbeitsfähig sind – wegen Krankheit, allerdings auch wegen Schwangerschaft oder Mutterschutz. Überwiegend, so Triebe, litten die dauerkranken Kollegen unter dem Burn-out-Syndrom mit völliger Erschöpfung, ein großer Teil auch an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Statistisch belegt sind die Zahlen nicht, wie Triebe einräumt. Allerdings entsprächen sie dem langjährigen Trend. Binnen fünf Jahren habe sich die Zahl der Dauerkranken verdreifacht. Die Senatsverwaltung für Bildung kommentiert diese Zahl nicht. Sie verweist auf die jüngste Statistik. Demnach waren zu Beginn des laufenden Schuljahres 1270 Lehrer wegen Krankheit, Schwangerschaft oder Mutterschutz mehr als drei Monate nicht arbeitsfähig, etwa vier Prozent der Lehrerschaft. Eine Quote, die sich seit Jahren kaum verändert habe, betont ein Sprecher. Um Unterrichtsausfälle zu verhindern, könnten die Schulen – nötigenfalls auch mitten im Schuljahr – für Vertretungen sorgen.

Eine Einschätzung, die nach Erfahrungen von Wolfgang Harnischfeger, Vorsitzender der Vereinigung der Berliner Schulleiterinnen und Schulleiter, nur bedingt stimmt. Zumindest in den naturwissenschaftlichen Fächern sei es nahezu unmöglich, einen Vertretungslehrer zu bekommen, sagt der Schulleiter des Beethoven-Gymnasiums in Lankwitz. Klassenzusammenlegungen, fachfremde Vertretungsstunden und Mehrarbeit für die verbleibenden Lehrer seien daher immer noch zu oft nötig. Mit der Folge, dass die gesundheitliche Belastung auch für den Rest des Kollegiums wachse. Ein zusätzliches Problem sei der hohe Altersdurchschnitt der Lehrerschaft. „Ältere Kollegen werden nicht häufiger krank, aber sie bleiben es oft länger.“

Hauptproblem Überalterung

Letzteres bestätigt André Schindler, Vorsitzender des Landeselternausschusses. Die Arbeitsbelastung der Lehrerschaft sei gar nicht so stark gewachsen, sagt er. Hauptproblem sei die Überalterung.

Beim dritten Gesundheitstag für die Berliner Schulen, der von der Gewerkschaft und der Senatsbildungsverwaltung am Donnerstag veranstaltet wird, steht der Kampf gegen Lärm ebenso auf dem Programm wie Entspannungsübungen. Schwerpunkte seien die Beratungsform Supervision und Coaching, die gezielte Begleitung der Kollegen für eine bessere Lern- und Leistungsfähigkeit.

Vor allem der Umgang mit schwierigen, oft aggressiven Schülern gestalte sich zunehmend problematisch, betont GEW-Experte Triebe. Die Lehrer müssten oft zugleich Sozialpädagogen, Sexual- und Drogenberater, Elternbetreuer und Mediatoren sein.