Ermordet vor fünf Jahren

Warum Hatun Sürücü sterben musste

Vor genau fünf Jahren, am 7. Februar 2005, wurde in Tempelhof an einer Bushaltestelle die Leiche einer 23-jährigen Frau gefunden, Hatun Sürücü. Ihr Mörder war schnell gefasst: Es war ihr Bruder. Bis heute spricht vieles dafür, dass es nicht die Tat eines Einzelnen war. Und dass Hatun Sürücü sterben musste, weil sie nicht so leben sollte, wie sie lebte.

Brigitte Kermer könnte schwören, dass es mindestens fünf Schüsse waren. Die Rentnerin saß an diesem 7. Februar 2005 gegen 21 Uhr vor dem Fernsehgerät. Sie weiß noch genau, dass eine Wiederholung der ZDF-Serie „Das Traumschiff“ gesendet wurde. Und dass sie zusammengezuckt war, als sie es draußen knallen hörte. Anfangs hatte sie gedacht, es seien verspätete Silvesterböller. Unruhig war sie erst geworden, als sie auf der Straße plötzlich flackerndes Blaulicht sah und aufgeregte Stimmen hörte. „Ich bin sonst nicht so“, sagt sie, „ich hasse es, wenn Leute bei einem Verkehrsunfall stehen bleiben und gaffen“.

Aber an diesem Abend habe es sie nach unten gezogen, hin zu der Bushaltestelle, vor der mehrere Polizeibeamte standen. Und dann hatte sie die schmale Gestalt entdeckt. Auf dem Rücken liegend, die Arme ausgebreitet. Nur die Schuhe waren zu sehen und eine Blutlache in Höhe des Kopfes, die langsam größer wurde. Und daneben, auch das wird Brigitte Kermer nie vergessen, lag eine zerschlagene Porzellantasse.

Die Rentnerin erfuhr erst am nächsten Tag durch einen Radiobericht, dass es sich bei der toten jungen Frau um eine Nachbarin aus der Bacharacher Straße handelte: Eine alleinerziehende Mutter, die einen fünfjährigen Sohn hatte und ganz oben im dritten Stock wohnte. Ihr Name war Hatun Sürücü. Aber von Landsleuten wurde die 23-Jährige eigentlich immer nur Aynur genannt. Ein Kosename, er heißt übersetzt: „So hell leuchtend wie der Mond“.

Drei Schüsse aus der Nähe

Hatuns Mörder schoss drei Mal aus kurzer Distanz. Zwei Projektile zerrissen ihr Gesicht, das dritte durchschlug den Schädel am rechten Ohr. Ein Zeuge, der am 7. Februar etwa 50 Meter von der Bushaltestelle entfernt sein Motorrad in Gang zu bringen versuchte, beschrieb den Ermittlern der 7. Mordkommission einen schlanken, dunkelhaarigen Mann. Der Täter, sagte er, habe sich prüfend über sein Opfer gebeugt, bevor er den letzten Schuss abgegeben habe. Andere Anwohner wollen einen schwarzen BMW gesehen haben, aus dem wild geschossen wurde. Er sei mit kreischenden Reifen davon gefahren, dann aber sogar noch einmal zurückgekehrt. Ein weiterer Zeuge beobachtete, wie gegen 20.50 Uhr, also kurz vor den Schüssen, ein Mann und eine Frau gemeinsam zur Bushaltestelle gelaufen seien. Sie hätten wohl auch miteinander geredet.

So sprach schon nach den ersten Befragungen vieles dafür, dass die junge Frau einen vertrauten Menschen arglos aus ihrer Wohnung hinunter zur Bushaltestelle begleitet hatte. Für ein paar Minuten nur. Als wolle sie den Abschied noch ein wenig verlängern. Sie war ja auch viel zu dünn bekleidet für diesen Winterabend. Und oben, in der Wohnung, wartete allein der kleine Sohn Can. Morde geschehen nicht selten aus verschmähter Liebe oder krankhafter Eifersucht. Und genau in diese Richtung wird zunächst auch ermittelt. Andere Beamte der Mordkommission befassen sich mit Hatun Sürücüs Familie und deren Bekannten. Auch das ist üblich, weil Mörder sehr oft im Umkreis der Familie des Opfers zu finden sind.

Spannungen in der Familie

Hatun Sürücüs Eltern haben kurdisch-sunnitische Wurzeln. 1971 kommt Vater Kerem mit 29 Jahren aus einem kleinen verarmten Dorf der ostanatolischen Provinz Erzurum als Gastarbeiter nach Deutschland. Er arbeitet als Hilfsarbeiter in einer Kuchenfabrik. 1978 holt er seine Ehefrau Hanim und die zwei ältesten Söhne nach. Acht weitere Kinder werden in Berlin geboren.

Als die Polizei wegen des Mordes an Hatun zu ermitteln beginnt, leben noch vier eigene Kinder und zwei Enkel in der Vier-Zimmer-Wohnung der Sürücüs unweit des U-Bahnhofs Kottbusser Tor. Die Familie gilt im Kiez als traditionell und streng religiös. Der Vater ist das Oberhaupt. Nach ihm folgen die Söhne. Weibliche Familienmitglieder tragen das Kopftuch. Wenn Besuch kommt, halten sich Frauen und Männer in separaten Räumen auf. Vor allem unverheiratete junge Frauen werden vor den Blicken der Männer geschützt.

Nach ersten Recherchen wird aber auch schon deutlich, dass es sich keineswegs um eine monolithische Großfamilie handelt, deren Mitglieder sich konsequent der archaischen Hierarchie unterwerfen: Emrah, der älteste Sohn, saß wegen Drogenhandels für mehrere Jahre im Gefängnis Tegel. Der zweitälteste Sohn Engin hat sich von der Familie losgesagt und studiert in Köln Jura. Ein anderer Sohn ist geschieden. Und große Spannungen soll es auch mit der ältesten Tochter gegeben haben – mit Hatun Sürücü.

Erschütternde Details

Viele Journalisten beginnen sehr früh, das richtige Motiv zu ahnen. „Musste Hatun sterben, weil sie ihren Mann verlassen hatte?“, lautet schon am 9. Februar 2005 die Schlagzeile der Boulevardzeitung „Berliner Kurier“. Die „Berliner Zeitung“ titelt mit „Hinrichtung auf offener Straße“. Und die „Berliner Morgenpost“ informiert zwei Tage nach dem Mord über erschütternde Details aus Hatuns Biografie.

Sie sind typisch für türkische und kurdische Mädchen, die in Berlin geboren und aufwachsen sind, und die leben müssen in einem Spagat zwischen anatolischer Dorf-Tradition und großstädtischer Moderne. Mädchen, die in der Schule sehr gute Leistungen zeigen, oft weitaus bessere als ihre Brüder. Mädchen, die dann aber zum Schwimmunterricht einen Entschuldigungszettel mitbringen, weil nach Meinung ihrer Eltern zu viel von ihrem Körper zu sehen sein könnte. Und die bei Klassenfahrten fehlen, weil der Vater um ihre Jungfräulichkeit bangt. Denn dass sie geschützt wird, diese Jungfräulichkeit, ist ein Teil der ehernen Vereinbarung mit dem Vater des Bräutigams. Und die muss eingehalten werden, weil ansonsten, so heißt es, die Ehre der Familie in Gefahr gerät.

Unglücklich in Istanbul

Hatun Sürücü ist 15 und hat die neunte Klasse des Gymnasiums beendet, als sie in den Sommerferien mit dem Vater zu Verwandten in die Türkei reist. Sie war schon oft dort. Aber diesmal ist alles anders. Sie wird in Istanbul feierlich ihrem Cousin Ismail vorgestellt, den sie vorher noch nie gesehen hat. Er ist neun Jahre älter als sie. Und sie muss ihn heiraten. Das ist die Vereinbarung. Und die muss eingehalten werden, egal, ob es Braut und Bräutigam gefällt.

Hatun ist nicht glücklich in Istanbul. Später wird dann auch die Rede von Schlägen sein und von einem unerträglichen Leben in dieser fremden Familie mit diesem fremden Mann. Mit 17, sie ist schwanger, flieht sie zurück nach Berlin. Zurück zu den Eltern, die sie zunächst auch wieder aufnehmen. Die Ehe gilt als getrennt. Mit Ismail hat Hatun fortan keinen Kontakt mehr. Und in Kreuzberg wird am 8. Mai 1999 dann auch ihr Sohn Can geboren.

Nach der Geburt soll es in der Wohnung der Eltern einen schlimmen Vorfall gegeben haben. Die Beschreibungen schwanken zwischen versuchter Vergewaltigung und sexueller Belästigung. Täter, das ist nicht unerheblich für die späteren Ermittlungen der Mordkommission, soll der viertälteste Sohn Alpaslan Sürücü gewesen sein, das Opfer seine Schwester Hatun.

Gegen den Willen des Vaters

Söhne haben eine ganz besondere Rolle in türkischen und kurdischen Familien. Söhne dürfen sich, im Gegensatz zu den Töchtern, fast alles erlauben. Und dem Sohn Alpaslan glaubt Vater Kerem Sürücü dann auch, als sich Hatun wegen des sexuellen Übergriffs beklagt. So folgt nach der Flucht aus der Türkei ihr zweiter, diesmal noch konsequenterer Ausbruch. Sie verlässt die elterliche Wohnung und zieht mit ihrem Söhnchen Can nach Lichterfelde in ein Mutter-Kind-Heim des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks. Diese Trennung geschieht im Streit und gegen den Willen des Vaters. Sie ist eine Lossagung vom Familienoberhaupt, also letztlich von der ganzen Familie. Das ist für eine junge Frau mit kurdischen Wurzeln mit Sicherheit ein quälender, schmerzhafter Prozess. Die Richter, die später den Mord an Hatun Sürücü verhandelten, schreiben dazu ins Urteil: „Vor dem Hintergrund ihres damaligen Alters, ihrer Erziehung und allgemeinen Sozialisation“ habe Hatun Sürücü „einen ungewöhnlichen und bemerkenswerten Schritt vollzogen“.

Wie groß damals die innere Zerrissenheit und die Sehnsucht der jungen Frau zumindest nach der Mutter und den Schwestern war, zeigt sich in einer Reportage, die im Dezember 1999 in der „Tageszeitung“ (TAZ) erscheint. Thema sind Schicksale minderjähriger Mütter. Und zitieren lässt sich auch ein 17-jähriges kurdischstämmiges Mädchen, das auf einem Foto ein Kleinkind auf dem Arm hält und damals auch noch ein weißes Kopftuch und einen weißen Umhang trägt. Es ist Hatun Sürücü, die offenbar davon ausgeht, dass auch Vater Kerem oder einer ihrer Brüder von diesem Artikel erfahren könnten. Can sei „ein gewolltes Kind“, diktiert sie der Reporterin in den Block. Und dass sie ihren ersten Ehemann angeblich geliebt habe, „sonst wäre ich nicht in die Türkei gegangen“. Auch für den Aufenthalt in dem Heim gibt es eine Erklärung, mit der Vater und Brüder leben können: Die elterliche Wohnung sei für sie und den Sohn schlicht zu klein gewesen. „Ich musste mit ihm und all meinen Schwestern in einem Zimmer schlafen.“

Sie lernt einen Männerberuf

Kein Wort zu ihrer Flucht. Kein Wort zu ihrer beruflichen Entwicklung, die vom Vater ebenfalls nicht gebilligt wird. Dabei wird Hatun noch in dem Mutter-Kind-Heim den erweiterten Hauptschulabschluss nachholen und eine Ausbildung zur Elektroinstallateurin beginnen. Eine Frau, die nach Meinung des Vaters eigentlich zurückgezogen bei ihrem Mann leben, Kinder bekommen, die Wohnung sauber halten und nur verhüllt einkaufen gehen sollte – diese Frau erlernt ohne seine Erlaubnis einen Männerberuf.

Auch äußerlich gibt es einen Wandel. Hatun legt das Kopftuch und den langen Mantel ab, trägt modische Kleidung, geht tanzen, lässt sich bunte Strähnen ins Haar färben, schmückt es mit Spangen.

Aber nicht nur die Kleidung und der angestrebte Beruf sorgen bei Vater Kerem und einigen Brüdern für Missstimmung. Hatun lebt fast ein Jahr mit einem jungen Deutschen zusammen. Er trennt sich von ihr, weil er, wie er nach Hatuns Ermordung in einer Fernsehdokumentation sagt, Angst vor ihren Brüdern hatte. Es folgen weitere Beziehungen. Dazwischen auch eine zweite Ehe, wieder mit einem türkischstämmigen Mann. Vermutlich war es für Hatun erneut ein Versuch, das Verhältnis zu Eltern und Brüdern zu verbessern. Mit einer festen Beziehung. Mit einem Muslim als Gatten, der auch ein religiöses Vorbild für den Sohn Can sein könnte. Ganz im Sinne des Vaters, dem sie so wieder ein Stück näher kommen konnte, ohne sich selbst zu verbiegen und in ein altes Rollenspiel zurückzufallen. Eine Betreuerin des Jugendaufbauwerkes Kreuzberg, die der jungen Frau auch die Wohnung in Tempelhof besorgte, sagt später: „Es war ihr größter Wunsch, von ihrer Familie akzeptiert zu werden.“

Aber die Ehe dauerte nur wenige Wochen. Hatun trennte sich erneut. Wieder ein Tabubruch.

Die Angst vor den Brüdern

Ihr Bruder Engin, der Jurastudent aus Köln, akzeptiert dieses neue Leben vorbehaltlos. Mit ihm hatte sie, wie das Gericht später feststellte, „bis zum Schluss einen engen, vertrauensvollen Kontakt“. Doch Engin ist die Ausnahme. Andere Brüder beschimpfen und bedrohen sie und schlagen sie sogar. Wenige Monate vor dem Mord läuft deswegen gegen den ältesten Bruder Emrah ein Ermittlungsverfahren. Hatun zog ihre Anzeige jedoch wieder zurück. Ihre beste Freundin berichtet später weinend vor Gericht: „Sie hat mir von ihrer Angst erzählt. Sie hat gesagt: Ich weiß, ich werde sterben.“

Trotz dieser Anfeindungen und des passiven Verhaltens der Mutter bricht Hatun aber nie konsequent mit ihrer Familie. Im Gegenteil, in der Zeit vor ihrem Tod bringt sie Söhnchen Can ab und an sogar für ein Wochenende in die elterliche Wohnung. Und auch sie selber besucht immer wieder die Mutter und die jüngeren Schwestern.

Die Reaktion des Vaters, der sich oft in der Türkei aufhielt und vielleicht gar nicht anwesend war, ist nicht bekannt. Doch es gibt mindestens ein anderes Mitglied der Familie, das Hatuns Besuche als äußerst störend empfindet und darin sogar eine Gefahr sieht: Hatuns fünf Jahre jüngerer Bruder Ayhan Sürücü. Der damals 18-Jährige fühlt sich in Abwesenheit des Vater und der lange schon ausgezogenen älteren Brüder als das Oberhaupt der Familie. Er beaufsichtigt streng die jüngeren Schwestern, hält Kontakt mit ihren Lehrern, besucht Elternabende und gibt, wenn er es für nötig hält, auch der vier Jahre älteren Schwester Arzu und der Mutter Anweisungen, wie sie sich zu verhalten haben.

"Die Juden und die Ungläubigen"

Auf den ersten Blick könnte dieser Ayhan Sürücü als ein Beispiel gelungener Integration dienen. Er trinkt keinen Alkohol und hält sich auch sonst konsequent von Drogen fern. Den Realschulabschluss schafft er locker; ebenso einen Lehrgang des Arbeitsamtes für die Bereiche Wirtschaft, Verwaltung und Handel. Und als es mit einer Lehrstelle nicht sofort klappt, sucht er sich einen Job in einem Internet-Café – zunächst auf 400-Euro-Basis. Wenig später, er hat sich gut eingearbeitet, avanciert er zur Volltagskraft. In der Freizeit boxt der schmale junge Mann in einem Verein, allerdings mit wenig Erfolg. Er soll sich selbst den Spitznamen „Carlito“ verpasst haben, nach dem Gangsterfilm „Carlitos Way“, in dem Al Pacino die Rolle eines verzweifelt für ein ehrliches Leben kämpfenden Ex-Ganoven spielt.

Sei eigener Kampf ist, so scheint es, sehr früh schon poltisch-religiös motiviert: Am 1. Mai 2001 wird Ayhan Sürücü dabei erwischt, wie er einen Pflasterstein auf Polizisten wirft. Da ist er 14. Ein Prozess vor dem Amtsgericht Tiergarten wegen schweren Landfriedensbruchs endet mit einer richterlichen Weisung. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 hängt Ayhan in seiner Schule Flugblätter auf. Darauf macht er „die Juden und die Ungläubigen“ verantwortlich für die Attentate. Das führt zu Aussprachen und Diskussionen. Ohne Erfolg. Der Schüler habe geschult argumentiert, heißt es in einem Protokoll der Schulleitung, er sei anderen Meinungen in dieser Sache jedoch nicht zugänglich.

Eine verhängnisvolle Beziehung

Am 13. Februar 2005, sechs Tage nach dem Mord, schreibt die „Welt am Sonntag“ über Hatun Sürücü: „Nachbarn fanden sie überaus höflich und sympathisch. Sie führte das normale Leben einer Frau von nebenan. Ihre Ermordung führt zu einer bitteren Vermutung: Wurde hier die Freiheit und Selbständigkeit einer jungen Berliner Türkin bestraft?“ Am gleichen Tag wird im Landeskriminalamt die wohl entscheidende Aussage protokolliert. Zeugin ist die türkischstämmige Melek A. Das Leben der zierlichen jungen Frau sollte sich dadurch entscheidend verändern: Sie trägt heute einen anderen Namen, hat eine neue Adresse und ist auch für Freunde und Bekannte nicht mehr auffindbar.

Melek A.s verhängnisvolle Beziehung zu Mitgliedern der Familie Sürücü beginnt in der Fachoberschule für Sozialwesen. Sie sitzt dort mit Hatun Sürücüs ein Jahr jüngerer Schwester Arzu auf einer Bank. Die beiden freunden sich an. Melek ist in einer Entwicklungsphase, in der sie sich von ihren modernen, liberal denkenden Eltern zu lösen versucht. Die 18-Jährige ist fasziniert von der charismatischen, selbstbewussten, willensstarken Arzu. Es stört sie nicht, dass die Freundin sehr religiös ist und niemals ohne Kopftuch oder verhüllende Kleidung zum Unterricht erscheint. Im Gegenteil, es ist für sie schon deswegen interessant, weil es von ihrer eigenen Mutter strikt abgelehnt wird.

Suren über Ehe und Sitten

Sie sehen sich immer öfter. Arzu liest der vier Jahre jüngeren Freundin Suren über Ehe und Sitten aus dem Koran vor. Und sie nimmt Melek mit in die Wohnung am U-Bahnhof Kottbusser Tor, wo die Schülerin von der Familie Sürücü freundlich aufgenommen wird und sich, wie sie später sagt „sehr geborgen“ gefühlt habe. Auch die Bekanntschaft mit Ayhan wurde offenbar organisiert. Melek begleitet Arzu, als diese am 20. Januar 2005 angeblich rein zufällig zu dem Internet-Café am Bahnhof Zoo fährt, wo der jüngere Bruder arbeitet. Das widerspricht eigentlich ihren Dogmen, denn sowohl Ayhan als auch Melek sind unverheiratet und dürften sich in der Wohnung der Sürücüs nicht einmal begegnen. Die streng gläubige Arzu indes stellt dem streng gläubigen Bruder die noch unberührte Melek als ihre Freundin vor, verwickelt die beiden in ein Gespräch und erreicht, dass Melek den gut aussehenden jungen Mann, der sich augenscheinlich für sie interessiert, wieder sehen will.

Rechtsanwältin Ulrike Zecher, die Melek noch immer als Zeugenbeistand betreut, ist sicher, dass diese Freundschaft zwischen Melek und der vier Jahre älteren Arzu keineswegs ein Zufall war. „Das ging weit über eine Schulfreundschaft hinaus. Arzu hat sich damals allzu auffällig um Melek bemüht und sie regelrecht missioniert“, sagt die Anwältin. „Auch wenn das schier unglaublich klingt, aber ich denke, Arzu war auf der Suche nach einer Frau für ihren Bruder Ayhan und einer neuen Mutter für Can.“

"Mein Herz brennt"

Ayhan und Melek treffen sich seit der ersten Begegnung jeden Tag. Er schwärmt schon nach einer Woche davon, sie nach islamischem Recht zu heiraten; schreibt ihr Briefe mit Zeilen wie: „Tropfenweise Hoffnung soll Dein Herz, tausend süße Glücksgefühle sollen Deine Tage füllen“, oder: „Mein Herz brennt, mein Inneres weint blutende Tränen – wenn Du doch nur bei mir wärst“. Melek ist fasziniert. Sie trägt jetzt, zum Entsetzen ihrer Mutter, ständig ein Kopftuch; lässt sich auch von Ayhan aus dem Koran vorlesen und erklären. Und sie ist zwar unangenehm berührt, hält sich aber zurück, wenn er auf der Straße muslimische Mädchen, die modisch gekleidet sind, als „Nutten“ und „Schlampen“ beschimpft. „Man will das nicht wahr haben, wenn man liebt“, sagt sie später vor Gericht. „Was er sagte, galt.“

Irgendwann in diesen Januartagen des Jahres 2005 kommt dann auch das Gespräch auf Ayhans große Schwester. Sein Verhältnis zur abtrünnigen Schwester Hatun ist ambivalent. Ayhan besucht sie ab und an sogar in ihrer Wohnung in Tempelhof. Dort soll er, wenn sich die Möglichkeit bot, herumgeschnüffelt und sogar heimlich ihre Briefe gelesen haben. Aber so bald sie außer Sichtweite ist, redete er nur noch schlecht über sie: wegen ihrer Männerbekanntschaften, ihrer Kleidung und nicht zuletzt wegen des kleinen Neffen Can, der bei ihr nicht religiös erzogen werde. „Ich wollte nicht, dass sie wieder Anschluss an die Familie hat“, sagt er später zu dem forensischen Psychiater Ulrich Giese. „Sie hat die Ordnung gestört.“ Vor allem den Einfluss auf die jüngeren Schwestern habe er verhindern wollen.

Melek muss sich das in den wenigen Tagen ihrer Liebesbeziehung oft anhören. Sie schweigt dazu und empört sich auch nicht, als er Ende Januar 2005 von seinem grauenvollen Vorhaben zu erzählen beginnt. „Ich habe nicht glauben können, dass ein Bruder seine Schwester umbringen will“, sagt sie später vor Gericht. „Ich habe das alles nur für Gerede gehalten.“ Ayhans Pläne indes werden immer konkreter: Can könne ja bei ihnen leben, wenn es Hatun nicht mehr gebe und er und Melek geheiratet hätten, schlägt er vor. Und er berichtet von einer scharfen Pistole, die ihm der sieben Jahre ältere, streng religiöse Bruder Mutlu besorgt habe.

Mutlu habe ihn mehrfach gedrängt, etwas gegen Hatun zu unternehmen. Der große Bruder sein ein „Hodscha“, also ein islamischer Gelehrter. Und er habe in Abstimmung mit anderen muslimischen Würdenträgern auch bestätigt, dass die Tötung der unsittlich lebenden Schwester im Einklang mit den Regeln des Islam stehe. Später wird bekannt, dass Mutlu regelmäßig eine Moschee in Wedding aufsuchte, die als Anlaufstätte aggressiver Fundamentalisten galt. Manchmal habe ihn Ayhan auch begleitet. Zudem soll Mutlu Schriften des berüchtigten Metin Kaplan und der vom Bundesinnenministerium verbotenen islamistischen Gruppierung Hisb – ut – Tahrir bezogen haben.

„Die Tat möge geschehen“

Und dann gibt es noch einen älteren Bruder, von dem Ayhan seiner Freundin vor der Tat erzählt. Auch Alpaslan Sürücü soll sich dafür ausgesprochen haben, Hatun zu töten. Als Melek fragt, was der Bruder genau gesagt habe, wiederholt Ayhan pathetisch drei türkische Worte, die der 25-Jährige geäußert haben soll: Gazaniz Mubarek Olsun – „Die Tat möge geschehen.“

Alpaslan ist ein ganz anderer Typ als Bruder Mutlu, der mit seinem Bart schon äußerlich wie ein islamischer Geistlicher wirkt. Und auch sonst unterscheiden sich beide beträchtlich. Alpaslan arbeitet in der Gastronomie und ist, so heißt es, gern auch mal sein eigener Gast. Er hat sich von Frau und Kind getrennt, lebt nicht religiös, und wirkt mit seinem halblangen Haar und der modisch-legeren Kleidung im Vergleich zum Bruder eher wie ein Bohemien. Die Staatsanwaltschaft wird später als eines seiner Motive vermuten, dass er noch immer damit haderte, dass ihm Hatun vor ihrem Auszug aus der elterlichen Wohnung einen sexuellen Übergriff vorgeworfen und dazu nicht geschwiegen hatte.

Am 7. Februar 2005 erscheint Ayhan gegen 19 Uhr in Kreuzberg vor dem Wohnhaus von Melek. Ihr fällt sofort auf, dass er ungewohnt dunkle Kleidung trägt und nervös wirkt und in sich gekehrt. Er gibt ihr seine Brieftasche und eine Telefonnummer und bittet sie, bei einem gewissen Erkan Schulden zu begleichen, falls er nicht wiederkomme. Und dann sagt er noch, dass er sich anschließend mit Alpaslan treffen werde, um mit ihm gemeinsam eine DVD anzuschauen.

Die Pistole in der Tasche

Etwa eine Stunde später klingelt Ayhan an der Wohnungstür seiner Schwester Hatun in der Bacharacher Straße. Hatun kommt gerade von einer Nachbarin. Sie lässt den Bruder herein. Er bleibt etwa 40 Minuten bei ihr. Anschließend verlassen sie gemeinsam das Haus und gehen zur Bushaltestelle in der Oberlandstraße. Sie hat eine Kaffeetasse in der Hand, in der anderen eine brennende Zigarette.

Kurz vor der Bushaltestelle zieht Ayhan unvermittelt eine Pistole aus der Jackentasche. Hatun erschrickt und fragt, was das bedeuten solle. „Ich will nur Mal in die Luft schießen“, versucht er abzulenken – richtet dann aber die Pistole auf ihren Kopf. „Bereust du deine Sünden?“, fragt er. Sie ist entsetzt, hat furchtbare Angst, nickt, schreit „ja, ja“ und „bitte tue es nicht!“ Aber er schießt. Erst einmal. Sie taumelt, lässt die Kaffeetasse fallen, fällt rücklings auf den Gehsteig. Dann schießt er noch zweimal, wieder aus kurzer Distanz, wieder auf den Kopf.

Es gibt keine Augenzeugen. Ayhan bleibt unerkannt. Er rennt davon. Hin zu einer Querstraße, über eine Grünfläche und dann zu einer anderen Bushaltestelle an der Oberlandstraße. Kurz darauf kommt der Bus Richtung S-Bahnhof Hermannstraße. Der Todesschütze steigt ein und passiert noch einmal den Tatort. Er sieht triumphierend die leblose Gestalt.

„Du bist ja ein richtiger Killer“

Am nächsten Morgen, es ist der 8. Februar 2005, schildert er Melek detailliert den Mord und sagt: „Ich habe seit vielen Jahren nicht so gut geschlafen wie in der Nacht nach der Tat“. Er habe es tun müssen, beschwört er die fassungslose Freundin, „weil ich meinen Vater nicht enttäuschen wollte“ und weil seine älteren Brüder zu feige seien. Und dann berichtet er noch, dass sich Alpaslan in der Nähe aufgehalten und Schmiere gestanden habe.

Am Nachmittag des gleichen Tages fahren sie gemeinsam zum Bahnhof Zoo, um Alpaslan abzuholen. Der hat Ayhan in dem Internet-Café bei der Arbeit vertreten. Die Brüder wirken unbeschwert, als sei nichts geschehen. Und bei der Rückfahrt in der U-Bahn sagt Alpaslan anerkennend: „Da bist du ja jetzt ein richtiger Killer.“

Ein anderer Dialog fällt Melek erst Monate später wieder ein, als sie als Hauptbelastungszeugin vor Gericht aussagen muss. Alpaslan soll bei dieser Fahrt in der U-Bahn auch gefragt haben, wohin Ayhan geschossen habe. Was dieser nicht genau habe beantworten können. Darauf habe Alpaslan unwirsch festgestellt: „Ich habe dir doch gesagt, schieß ihr in den Kopf!“

Die Zeugin muss ins Schutzprogramm

Die 7. Mordkommission hat zu dieser Zeit noch keine sichere Spur. Ermittelt wurde jedoch, dass es oft Streit zwischen Ayhan und Hatun gab. Er wird schriftlich aufgefordert, am 12. Februar 2005 im Landeskriminalamt zu einer Befragung zu erscheinen. Ayhan bittet Melek mitzukommen. Später wird sie sagen, dass sie zu diesem Zeitpunkt schon große Angst vor dem Freund und dessen Brüdern hatte. Bei der Polizei gibt sie dem Freund jedoch noch ein Alibi und behauptet, dass sie und Ayhan am Abend des 7. Februar zusammen gewesen seien.

Aber sie ist jetzt nicht mehr die Melek, die sie vor dem Mord an Hatun Sürücü war. Sie ist unsicher, angespannt. Das bemerkt auch ihre Mutter Ayla A., „Was ist los?“, fragt die 42-Jährige die Tochter, „du hast doch was, dich quält doch was!“ Melek zögert, beginnt dann aber doch stockend zu erzählen. Ayla A. weiß, welche Gefahren der Tochter drohen. Sie ruft eine befreundete Ärztin an, auch sie ist eine Türkin. Sie treffen sich und beratschlagen gemeinsam. Die Ärztin telefoniert mit einer Bekannten, eine vereidigte Dolmetscherin am Landgericht. Die informiert, dass es für gefährdete Zeugen wie Melek ein Schutzprogramm der Staatsanwaltschaft gibt. „Wir könne dir nur zuraten, aber du musst selber entscheiden, ob du aussagen willst“, sagt Ayla A. am Ende zu Melek. Wenn es sein müsse, würde sie auch einen Kredit aufnehmen und mit der Tochter im Ausland untertauchen.

Am 13. Februar geht Melek in Begleitung ihrer Mutter zur Polizei und korrigiert ihre Aussage. Ayhan, Alpaslan und Mutlu Sürücü werden kurz darauf verhaftet. „Das geschah praktisch in letzter Sekunde“, sagt Anwältin Ulrike Zecher. Es sei schon geplant gewesen, dass Ayhan seine Freundin Melek abfängt und die beiden von Mutlu nach islamischem Recht verheiratet werden. „Anschließend“, so die Anwältin, „wollte Ayhan mit ihr auf Nimmerwiedersehen in die Türkei verschwinden. Und sie hätte keine Chance gehabt, zurückzukommen.“

Zum Dank eine goldene Uhr

Bei der Polizei leugnen Mutlu und Alpaslan, etwas mit dem Tod der Schwester zu tun zu haben. Ebenso Ayhan. Das ändert sich überraschend, als am 15. September 2005 vor einer Moabiter Jugendkammer gegen die drei Brüder ein Prozess wegen Mordes und Beihilfe zum Mord beginnt. Ayhan Sürücü hat eine Erklärung vorbereitet und lässt sie von seinem Verteidiger verlesen: „Ich habe meine Schwester getötet“, heißt es, „und ich habe diese Tat allein begangen.“ Seine Brüder hätten damit nichts zu tun.

Ayhan Sürücü trägt im Gerichtssaal eine neue goldene Uhr. Manchmal zeigt er sie ostentativ. Für einen sunnitischen Kurden ist so eine Uhr ein ganz besonderes Geschenk. Eine Anerkennung, wird ein Sachverständiger im Laufe des Prozesses sagen, ein Präsent für eine besondere Tat.

Ayhan Sürücü erhielt die Uhr am 11. Februar von seinem Vater Kerem. Vier Tage nach dem Tod der Hatun Sürücü.