Sozialatlas

Berlin stützt die Kieze mit 50 Millionen Euro

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Die sozialen Unterschiede in Berlin sind trotz aller Anstrengungen groß. Dies zeigt eine Studie des Soziologen Hartmut Häussermann. Danach gehören der Stephankiez in Moabit und in Hellersdorf-Nord Schleipfuhl zu den Verlieren. Verbessert hat sich dagegen die Lage im Kreuzberger Wrangelviertel und rund um die Reuterstraße in Neukölln. Der Senat will die Kieze mit 50 Millionen Euro stützen.

Die soziale Kluft zwischen Berlins Problemkiezen und dem Rest der Hauptstadt hat sich weiter vergrößert. Arbeitslosigkeit, Armut und Chancenlosigkeit sind in sozial schwachen Stadtvierteln nach der jüngsten Untersuchung im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung im Jahr 2008 nicht spürbar zurückgegangen. Die Probleme konzentrieren sich nach wie vor in den Gebieten Kreuzberg-Nordost, Neukölln-Nord, Wedding-Moabit, Marzahn- und Hellersdorf-Nord sowie in Spandau-Mitte. Dort lebt ein Fünftel aller Berliner. Mit Sozialprogrammen im Wert von jährlich 50 Millionen Euro will Berlin dieser Entwicklung weiter entgegensteuern.

Für die umfangreiche Untersuchung zur sozialen Stadtentwicklung hat Soziologe Hartmut Häussermann die Hauptstadt in 447 Quartiere mit jeweils rund 7500 Einwohnern eingeteilt. Zu den Bewertungskriterien gehören unter anderem die Arbeitslosen-Quote, die Zahl der Sozialhilfeempfänger sowie Kinderarmut. Die Studie gilt als „Frühwarnsystem“ bei der Entwicklung von Stadtvierteln. In der kleinräumigen Betrachtung zeigt sich, dass es innerhalb der Problemviertel Aufsteiger und Absteiger unter den Kiezen gibt.

So verbesserte sich der Kreuzberger Wrangelkiez, der lange Jahre als hoffnungsloser Fall galt, durch den Zuzug kreativer Berufsgruppen von Rang 366 auf Rang 334. Die Kaufkraft stieg, leerstehende Läden wurden wieder bezogen, Arbeitslosigkeit und Kinderarmut sanken. Auch der Neuköllner Reuterkiez kletterte 20 Plätze nach vorn, auf Rang 363. Ein Teil dieses Erfolgs geht nach der Analyse auf das Bildungsprojekt „Campus Rütli“ hervor. Dabei entsteht aus der Rütli-Hauptschule, an der Lehrer 2006 in einem Brandbrief vor Gewalt kapitulierten, ein Schul- und Freizeitzentrum mit engen Bindungen an die Wirtschaft. Auch die östliche Gropiusstadt schaffte durch Quartiersmanagement und gute Bildungsangebote einen Sprung nach vorn.

Weiter zurückgefallen ist dagegen der Stephankiez in Moabit. Mieter ziehen weg, die Kaufkraft sinkt, viele Läden stehen leer. Durchgangsverkehr und eine ungepflegte Umgebung verhindern ein Wohlfühl-Gefühl im Gründerzeit-Viertel. In Hellersdorf-Nord stieg auch der Kiez Schleipfuhl ab. Mieter mit guten Einkommen ziehen aus, vor allem die Jugendarbeitslosigkeit steigt. In den Problem-Stadtteilen zählen nicht nur Berliner mit ausländischen Wurzeln zu den Verlierern. Im Osten der Stadt sind auch viele deutsche Familien von der positiven Gesamtentwicklung der Stadt abgekoppelt.

Bereits in den vergangenen Jahren hat Berlin versucht, die Negativ-Entwicklung mit Stadtumbau-Programmen und Quartiersmanagement aufzuhalten. Nun werden die Mittel im neuen Programm „Aktionsräume Plus“ für die fünf ausgewiesenen Problem-Gebiete noch einmal aufgestockt – von 30 auf 50 Millionen Euro pro Jahr. Es soll eine bessere Vernetzung der Förderprogramme geben. Dafür würden Stellen für Gebietsbeauftragte ausgeschrieben, sagte Stadtentwicklungs- Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) am Mittwoch. Ausgerichtet ist die Hilfe künftig vor allem auf Schule, Vorschule, Nachbarschaft und Freizeitangebote. Der künftige Campus Rütli gilt dabei als Vorbild. Schulen in den schwierigsten Stadtvierteln müssten die besten der Stadt werden, sagte Junge-Reyer.

Erste Erfolge solcher Konzepte sehen Stadtsoziologen zum Beispiel in Kreuzberg. „Ein Grundkonflikt wird aber bleiben“, sagte Häussermann. Denn der Zuzug zahlungskräftiger Mieter in schick renovierte oder neu erbaute Wohnungen kann ärmere Bewohner verdrängen - und den sozialen Frieden auf andere Weise stören. Die Gegenbewegung zündet in Kreuzberg teure Autos an und wirft Farbbeutel auf Loft-Häuser.

( dpa/hed )