Neues Gesetz

Das soll sich an Berlins Schulen ändern

320.000 Berliner Schüler und ihre Eltern starten am Montag nach den Ferien in ein aufregendes Jahr. Ein neues Gesetz soll zahlreiche Änderungen für die Bildungseinrichtungen der Hauptstadt bringen. Morgenpost Online fasst die wichtigsten Neuerungen zusammen.

Während Schüler und Lehrer die Ferien genossen haben, wälzten die Bildungspolitiker der Hauptstadt die Paragrafen des neuen Schulgesetzes. Jetzt kommt es auf jedes Detail an, denn ein folgenreicher Systemwechsel steht bevor. 2010 wird sich entscheiden, wie zukunftsfähig Berlins Bildungssystem ist. Am kommenden Donnerstag soll der Schulausschuss des Abgeordnetenhauses über das neue Schulgesetz abstimmen, das vorsieht, aus Haupt-, Real- und Gesamtschulen sogenannte Sekundarschulen zu bilden. Neben den Gymnasien wird es dann nur noch diese weiterführende Schulform geben.

Bereits in der zweiten Januarwoche soll das Parlament über das Gesetz entscheiden. Die rot-rote Koalition will ein gutes Jahr vor der Wahl zum Landesparlament der neuen Schulstruktur ihren Stempel aufdrücken. Vor allem für die Berliner SPD hängt viel vom Erfolg der Reform ab. Sie hat die Umgestaltung der Schullandschaft zur Chefsache erklärt. In einem Interview erklärte SPD-Fraktions- und Parteichef Michael Müller, man werde sehr darauf achten, dass der Start der neuen Sekundarschule gelingt. „Deswegen stecken wir viel Geld in diese Reform. Deswegen gibt es zusätzliche Lehrerstellen“, sagte Müller.

Wie stark das Vertrauen der Eltern in die Bildungspolitik des Senats ist, wird sich in der ersten Märzwoche zeigen. Dann müssen die Kinder der sechsten Klassen an den weiterführenden Schulen angemeldet werden. Zum ersten Mal haben die Eltern nur noch die Wahl zwischen den neuen Sekundarschulen und den Gymnasien.

Ansturm auf Gymnasien erwartet

An den Sekundarschulen sollen Schüler aller Leistungsgruppen nebeneinander lernen. Das Abitur soll in Kooperation mit Oberstufenzentren ebenfalls möglich sein. Allerdings nicht in zwölf Jahren wie an den Gymnasien, sondern in der Regel in 13 Jahren. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) sieht gerade darin einen Anreiz der neuen Schulen. Denn die Verkürzung des Abiturs an den Gymnasien auf zwölf Jahre hatte bei Schülern und Eltern immer wieder für Kritik gesorgt. Das große Arbeitspensum ließe kaum Zeit für außerschulische Aktivitäten, hieß es. Dennoch erwarten Bezirksvertreter im Februar einen Ansturm auf die Gymnasien. Viele Eltern sind verunsichert wegen der Reformen und fürchten, dass es an den Sekundarschulen zunächst ein Organisationschaos geben könnte.

Selbst Senator Zöllner glaubt, dass die Anmeldungen in diesem Jahr an den Gymnasien steigen werden, schließlich wüssten die Eltern, was dort auf sie zukommt. Auch gibt es das Versprechen, dass jeder Schüler, der an das Gymnasium möchte, einen Platz bekommt. Allerdings nicht immer an der gewünschten Schule. Für besonders begehrte Schulen werden in diesem Jahr noch dieselben Auswahlkriterien gelten wie bisher. Die umstrittene Aufnahme per Los an Schulen mit zu großer Nachfrage wird erst 2011 greifen. Bis dahin bleibt der BVG-Fahrplan das letztlich entscheidende Kriterium, wenn es an einer Schule mehr Anmeldungen gibt als vorhandene Plätze. Über die Internetseite der BVG wird ermittelt, wer am nächsten an der gefragten Schule wohnt.

Seit Jahren wird diese Praxis von Eltern und Politikern kritisiert. Künftig sollen die Schulen bei Übernachfrage 60 Prozent der Schüler selbst nach Leistung und Profil aussuchen dürfen. 30 Prozent werden aus den übrigen Anmeldungen gelost. Und zehn Prozent der Plätze sollen für besondere Härtefälle vorgehalten werden. Auch das neue Schulgesetz sieht eine Probezeit an Gymnasien vor. Dabei wird der Druck auf die Schüler aber gemindert: Die Auslese soll nicht mehr wie bisher nach einem halben Jahr, sondern erst nach einem ganzen Schuljahr erfolgen.

Auch sonst wird an den Gymnasien nicht alles beim Alten bleiben. Wenigstens ein Gymnasium pro Bezirk soll zur Ganztagsschule ausgebaut werden. Neben der Versorgung mit einem warmen Mittagessen wird es an diesen Schulen auch Nachmittagsangebote, etwa Förderkurse, geben. Der Schultag endet um 16 Uhr, Hausaufgaben fallen größtenteils weg. Welche Schule jeweils in den Genuss dieses Ganztagsbetriebs kommt, ist in den Bezirken bereits entschieden und kann dort abgefragt werden. Die Sekundarschulen sind alle als Ganztagsschulen konzipiert.

Zusätzliches Personal nötig

Mehr als zwei Drittel aller Haupt-, Real- und Gesamtschulen werden mit dem neuen Modell im kommenden Schuljahr beginnen. Das dafür nötige zusätzliche Personal muss in den kommenden Monaten rekrutiert werden. Ob das gelingt, ist fraglich, denn der Mangel an Fachlehrern und Erziehern wird sich 2010 weiter zuspitzen. Insgesamt werden für die Schulreform bis 2015 etwa 200 zusätzliche Erzieher und Sozialpädagogen gebraucht sowie rund 200 Lehrer. Auch an den Grundschulen wird sich im neuen Jahr einiges ändern. Elternvertreter haben angekündigt, ein neues Volksbegehren für eine bessere Ausstattung der Schulhorte starten zu wollen. Schon im Februar könnte die Unterschriftensammlung beginnen. Es sei nicht einzusehen, dass die Schüler von der siebten Klasse an alle eine Ganztagsbetreuung erhalten, während an den Grundschulen die Hortplätze nur Schülern mit berufstätigen Eltern vorbehalten sind, argumentieren Eltern.

Verändern werden sich auch die Einzugsbereiche der Grundschulen. Von 2010 an haben die Bezirke die Möglichkeit, mehrere Schulen in einem Einzugbereich zusammenzufassen. Eltern sind dann nicht mehr gezwungen, die dem Wohnort nächste Schule zu nehmen, sondern können zwischen mehreren Schulen in ihrem Wohngebiet wählen. Unklar ist bisher jedoch noch, welche Bezirke von der neuen Regelung Gebrauch machen werden. Aber die Anmeldungen der Schulanfänger stehen auch erst im November 2010 bevor.

Bis dahin soll auch die Rückstellung von der Schulpflicht erleichtert werden. Kinder mit Entwicklungsverzögerungen können dann nach Vorlage eines ärztlichen Gutachtens ein Jahr später eingeschult werden. Die Zukunft der Sonderschulen soll sich 2010 ebenfalls entscheiden. Ziel des Senats ist, behinderte Schüler stärker in den Regelschulen zu integrieren.