Interview

Wie Frust und Aggressionen auf dem Amt entstehen

Vier Stunden Wartezeit sind im Bürgeramt Neukölln derzeit Schnitt. Zwei Stunden nach Öffnung gibt es keine Wartenummern mehr. Tanja Laninger sprach mit Neuköllns Sozialstadträtin Stefanie Vogelsang (CDU) über Arbeit im Akkord, Aggressionen der Kunden und eine Einladung an die Sozialsenatorin.

Foto: Michael Brunner

Morgenpost Online: Frau Vogelsang, trauen sich ihre Mitarbeiter noch ins Bürgeramt Neukölln?

Stefanie Vogelsang: Ja. Bis auf die Kollegin, die am Dienstagabend attackiert wurde und krankgeschrieben ist, sind alle da, sieben Kollegen. Das ist die übliche Besetzung. Sie lassen sich gegenseitig nicht im Stich

Morgenpost Online: Aber sie brauchen einen Wachmann?

Vogelsang: Der Wachschützer ist sehr hilfreich. Er guckt, er hat alles im Blick. Das wirkt deeskalierend.

Morgenpost Online: Er arbeitet nicht nur im Haus.

Vogelsang: Nein, ein frustrierter Mensch hatte der Mitarbeiterin vor dem Gebäude aufgelauert. Nun wird der Wachmann auch draußen gucken, wenn die Mitarbeiter das Haus verlassen.

Morgenpost Online: Als Eskorte?

Vogelsang: Na ja, ein bisschen ist das so.

Morgenpost Online: Wie konnte es zu der Attacke kommen?

Vogelsang: Seit 20 bis 30 Jahren erhalten Sozialhilfeempfänger die Berechtigung zu verbilligtem Eintritt in Theater, Museen und Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Bis 31..Dezember 2008 gab es dieses Sozialticket oder den Sozialpass beim Jobcenter ganz normal zum Antrag oder Folgeantrag für Hartz-IV.

Morgenpost Online: Die Ausgabestelle wurde geändert, um die Empfänger nicht weiter zu stigmatisieren.

Vogelsang: Genau das war die Intention der Sozialsenatorin. Das Ticket heißt jetzt Berlin Pass. Neuer Name, neues Make-up, das gleiche wie vorher, aber keine einzige materielle Leistung zusätzlich. Den Berlin Pass bekommen Hartz-IV Empfänger jetzt in den Bürgerämtern.

Morgenpost Online: Neukölln gilt als das größte Sozialamt Deutschlands – wie viele Kunden haben Sie?

Vogelsang: Wir zählen 100.000 Berechtigte, davon 90.000 nach Hartz-IV und 10.000 Leistungsempfänger nach Asylbewerberleistungsgesetz und Grundsicherung.

Morgenpost Online: Wie ist die Stimmung?

Vogelsang: Diese Menschen müssen nun zusätzlich zum Jobcenter auch noch ins Bürgeramt. Sie sind extrem frustriert, sehen keine Verbesserung sondern fühlen sich von den Behörden schikaniert. Das Klientel hat oft nicht alle Unterlagen dabei, dann müssen sie unverrichteter Dinge wieder gehen. Ein sehr großer Anteil hat einen Migrationshintergrund, hat Sprachdefizite, sie verstehen es nicht. So erleben wir eine enorme Aggressionszunahme unter den Wartenden. Das steckt alle anderen an. Auch wer nur einen Pass verlängern oder den Wohnsitz ummelden will, erlebt die Qualitätsverschlechterung. Alle müssen länger warten.

Morgenpost Online: Wie viele Stunden?

Vogelsang: Vier Stunden im Schnitt. Nur wer zuerst in der Schlange steht, kommt gleich dran. Am Mittwoch waren um 11 Uhr zur Öffnung 200 Leute da. Gegen 13 Uhr müssen wir den Automat für die Wartemarken dicht machen, damit bis 18 Uhr alle drankommen. Am Dienstag hatten wir auch Spätsprechstundentag. Da hatten wir 250 Leute vor 11 Uhr da. Bis zum Abend hatten sieben Kollegen 600 Menschen bedient. Eine irrsinnige Zahle, das ist Stress pur, keiner kann Luft schöpfen.

Morgenpost Online: Wie war es ohne Berlinticket?

Vogelsang: Im Januar 2008 hatten wir in den fünf Bürgerämtern 18.000 Bürger bedient, laut Nummernausgabe waren es jetzt im Januar 22.000, also knapp ein Viertel mehr.

Morgenpost Online: Bei derselben Mitarbeiterzahl…

Vogelsang: Die Kollegen sind extrem belastet und frustriert. Mancher Hartz-IV Empfänger bekommt mehr Geld, als sie in ihrer niedrigen Besoldungsstufe verdienen. Zusätzlich lassen die Kunden ihren Frust an den Mitarbeitern ab, aber die können gar nichts dafür

Morgenpost Online: Was fordern Sie?

Vogelsang: Der Berlin Pass bringt keine Vorteile für den Empfänger. Er ist gut gemeint, geht aber an der Realität vorbei. Es weiß heute auch bei dem Berlin Pass jeder, dass dahinter ein Hartz-IV-Empfänger steht. Er kann weiter so heißen und weiter diese Pappkarte sein, aber es soll bitte wieder werden wie vor vier Wochen – also Ausgabe im Jobcenter, wo die Kunden sowieso zur Beantragung von Hartz-IV hingehen. Dafür brauchen die Mitarbeiter 30 Sekunden, sie kennen ihre Kunden. Meine Mitarbeiter brauchen dafür sechs bis sieben Minuten. Das ist zwar kein großer Aufwand, aber sie müssen die Masse sehen. Ich habe Sozialsenatorin Knake-Werner nun eingeladen, dass sie an einem der nächsten Sprechstundentage mal ein bis zwei Stunden bei uns sitzt, um sich ein eigenes Bild zu machen.