Gesellschaft

Warum Berlins Türken schlecht integriert sind

Mit einem umfangreichen Zahlenwerk hat das Berlin-Institut versucht, die Integration von Migranten in Deutschland zu beziffern. Die entsprechenden Werte für die türkischstämmigen Berliner sind schlecht - die Arbeitslosigkeit ist hoch, das Bildungsniveau niedrig. Dagegen haben Aussiedler in der Hauptstadt scheinbar weniger Probleme, Anschluss an die Gesellschaft zu finden.

Es ist erst wenige Tage her, dass der Brandbrief der Schulleiter aus Mitte Diskussionen um die Krise an Schulen mit hohem Migrantenanteil neu anfachte. Von einem "bildungspolitischen Aus" an Schulen mit einem Anteil von 90 Prozent ausländischen Schülern war darin die Rede, und von erschreckenden Kriminalitätsraten. Um fehlendes Geld, aber auch um fehlende Integration ging es. Wie sehr sie oftmals fehlt, zeigt nun eine neue Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zur "Lage der Integration in Deutschland".

Die Studie vergleicht erstmals systematisch die Integrationserfolge einzelner Migrantengruppen, darunter auch Einwanderer mit deutschem Pass, und bewertet die Bundesländer nach deren Integrationserfolgen. Eines ihrer Ergebnisse: Ein bedeutender Teil der Migranten in Deutschland verweigert sich schlicht und einfach der Integration. Das gilt vor allem für die Einwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Afrika und besonders aus der Türkei. Migranten-Verbände und das Zentrum für Türkei-Studien kritisieren die These.

Obwohl die meisten Türkischstämmigen seit langem in Deutschland leben und knapp die Hälfte von ihnen hier geboren wurde, zeigen laut Studie viele kaum die Bereitschaft, sich in die Gesellschaft einzugliedern. Türken seien im Durchschnitt schlechter gebildet, schlechter bezahlt und häufiger arbeitslos. 32 Prozent von ihnen hätten bisher die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Das ist nicht verwunderlich: Als die ersten türkischen Gastarbeiter vor 50 Jahren nach Deutschland kamen, wollten sie nicht lange bleiben, sondern schnell Geld verdienen und dann in die Heimat zurückkehren. Dazu ist es allerdings meist nicht gekommen. Mittlerweile bilden die Türken mit 2,81 Millionen nach den Aussiedlern aus den ehemaligen Ostblock-Staaten die zweitgrößte Einwanderergruppe.

Die Herkunft wirkt sich negativ aus

Bis heute wirkt sich die Herkunft der türkischen Einwanderer - die meisten stammen aus wenig entwickelten Gebieten im Osten des Landes - negativ auf die Integration aus. Denn nicht nur die erste Generation - billige Arbeitskräfte, häufig ohne jeden Schul- oder Berufsabschluss - , sondern auch ihre Kinder und Enkel lassen oft nur wenig Bildungsmotivation erkennen.

Immer noch haben 30 Prozent der Türkischstämmigen in Deutschland keinen Schulabschluss. Nur 14 Prozent haben das Abitur, womit dieser Anteil nicht einmal halb so groß ist wie in der deutschen Bevölkerung und auch deutlich geringer als bei anderen Zuwanderern. Bildung ist jedoch der Schlüssel zur Integration.

Berlin ist ein Sonderfall

Allerdings: Gerade im Vergleich mit den anderen Bundesländern ist Berlin ein Sonderfall. Zwar gehört Berlin zu den Ländern mit dem höchsten Migrantenanteil (23 Prozent), und nirgendwo sonst leben so viele gering qualifizierte Migranten. Andererseits gibt es aber auch eine ausländische Bildungselite.

Dramatische Werte gibt es vor allem bei den gering gebildeten Migranten: 18 Prozent verfügen weder über einen schulischen noch beruflichen Abschluss. Allerdings fällt diese Quote bei den türkischstämmigen Berlinern mit 37 Prozent mehr als doppelt so hoch aus. Die Arbeitslosenquote unter Migranten ist mit 31 Prozent die zweithöchste in ganz Deutschland - bei den türkischstämmigen Menschen in Berlin liegt sie mit 40 Prozent noch höher.

Erklärungen finden sich auch hier in der Zuwanderungsgeschichte, genauer: mit der speziellen Berlins. Der Anteil türkischer Zuwanderer in mit 24 Prozent einer der bundesweit höchsten, während der Aussiedleranteil mit 14 Prozent der niedrigste ist.

Genannt werden zudem der noch nicht vollendete wirtschaftliche Strukturwandel und die schlechte wirtschaftliche Entwicklung der Stadt: Nach der Wende brachen hunderttausende vielfach subventionierte Industriearbeitsplätze weg, die viele türkische Gastarbeiter angezogen hatten. 26 Prozent aller Berliner Migranten hängen von öffentlichen Leistungen ab - allerdings tun das auch deutlich mehr Einheimische in Berlin als in anderen Bundesländern.

Die Berliner Werte im Detail

Die Studie vergleicht in verschiedenen Bereichen die derzeitige Situation unter anderem bei Aussiedlern, türkischsstämmigen Einwohnern und Einheimischen. Dabei zeigt sich unter anderem, dass sich Aussiedler in vielen Kategorien an das Niveau der einheimischen Bürger angenähert haben. Dagegen sind die Werte, die nach dem Ansatz der Untersuchung auf mehr oder weniger Integration hindeuten sollen, bei türkischstämmige Migranten oftmals deutlich schlechter.

Demnach haben 37 Prozent der in Berlin lebenden türkischstämmigen Menschen im Alter von 20 bis 64 Jahren haben keinen Schul- oder Berufsabschluss. Bei den Aussiedlern sind es laut der Studie vier Prozent, zwei Prozent bei den Einheimischen. Insgesamt aber

Im Detail jedoch zeigen sich die Unterschiede. Rein formal funktioniert die Integration: In Berlin haben überdurchschnittlich viele türkischstämmige Bürger die deutsche Staatsbürgerschaft (38 Prozent). Damit liegt Berlin gemeinsam mit Hamburg an der Spitze. Doch schon bei den bikulturellen Ehen zeigt sich ein deutlicher Unterschied. Fünf Prozent der Türken haben einen Ehepartner mit einer anderen Nationalität. Bei den Aussiedlern dagegen sind es 25 Prozent.

44 Prozent der Kinder aus Aussiedler-Familien besuchen die gymnasiale Oberstufe - der Anteil ist um elf Prozent höher als bei den einheimischen Berlinern. Türkischstämmige Schüler gibt es in diesem Schulzweig zur zu 19 Prozent. Dieses Verhältnis setzt sich fort bis zum Abitur: 51 Prozent der einheimischen Jugendlichen schaffen die Hochschulreife , 47 Prozent der Aussiedler-Kinder - und 17 Prozent der türkischstämmigen Schüler.

Das Risiko, arbeitslos zu sein, ist für Aussiedler wie Türken deutlich höher als für Einheimische. Doch auch hier kommen türkischstämmige Bürger laut der Studie des Berlin-Instituts auf die schlechteren Werte: 40 Prozent von ihnen sind erwerbslos. 27 Prozent sind es bei den Aussiedlern, 16 Prozent bei den Einheimischen. Die Abhängigkeit von öffentlichen Leistungen ist entsprechend hoch: 31 Prozent der untersuchten türkischstämmigen Berliner Bevölkerung greift auf sie zurück (Aussiedler: 26 Prozent, Einheimische 14 Prozent).

Verhältnismäßig wenige Frauen aus türkischstämmigen Familien haben einen Beruf jenseits des Haushaltes: 33 Prozent der türkischstämmigen Frauen sind Hausfrauen , dagegen nur 14 Prozent der Aussiedler-Frauen und elf Prozent der Einheimischen. Generell zeichnen sich in der Wahl der Berufe deutliche Präferenzen ab: Bei den Selbstständigen liegen Türken wie Aussiedler bei einer Quote von zwölf Prozent, 14 Prozent sind es bei den Einheimischen. Neun Prozent der türkischstämmigen Berliner sind im öffentlichen Dienst beschäftigt, gegenüber 14 Prozent der Aussiedler und 24 Prozent der Einheimischen. Auch die so genannten Vertrauensberufe (wie etwa Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater) sind eine Domäne der einheimischen Deutschen - der Anteil in Berlin liegt bei 23 Prozent, gegenüber 13 Prozent der Aussiedler und sechs Prozent der Türken.

Misere in den Familien

Laut Heinz Buschkowsky, SPD-Bezirksbürgermeister von Neukölln, beginnt die Bildungsmisere in den Familien. "Viele Migrantenfamilien sind nach unseren Beobachtungen überfordert mit der Individualerziehung." In den dörflichen Welten, aus denen viele von ihnen kämen, sei es weder üblich noch nötig, sich intensiver um Kleinkinder zu kümmern. "Dass dies aber in der deutschen Wissensgesellschaft erforderlich ist, begreifen die Eltern nicht, schon deshalb, weil sie selbst nur wenig Kontakt zu dieser Wissensgesellschaft haben", sagte Buschkowsky der Berliner Morgenpost. Da türkische Migranten besonders schlecht ausgebildet sind, tun sie sich auch auf dem Arbeitsmarkt schwer, woran sich in der zweiten und dritten Generation wenig ändert. Viele sind arbeitslos, die Hausfrauenquote ist extrem hoch, ein großer Teil ist abhängig von Sozialleistungen.

Erklärungen finden sich vor allem in der ersten Generation. Sie hat ihren Wunsch, in die Türkei zurückzukehren, nie aufgegeben. Die integrationspolitische Sprecherin der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, Bilkay Öney, sagt: "Viele Türken leben mit dem Körper hier, mit dem Kopf und dem Herzen jedoch in der Türkei."

Schäuble: "Multikulti ist keine Lösung"

In einer ersten Reaktion auf die Studie hat Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) bereits an türkische Eltern in Deutschland appelliert, ihre Kinder Deutsch lernen zu lassen. Wenn die Kinder mit unzureichenden Deutsch-Kenntnissen in die Schule kämen, sei das "nicht hinnehmbar", sagte der Minister dem "Spiegel". Er verwies auf eine Vereinbarung der Länder, dass bis spätestens 2010 flächendeckend die Sprachkenntnisse der Kinder vor der Einschulung getestet und bis 2012 eine Sprachförderung sichergestellt werden solle. "Multikulti ist keine Lösung".

Migranten-Verbände kritisierten die Studie. So verteidigte das Zentrum für Türkeistudien (ZfT) die Integrationsbereitschaft türkischer Migranten. Das schlechte Abschneiden in Deutschland lebender Türken bei der Integrationsstudie des Berlin-Instituts dürfe nicht zum Anlass genommen werden, „eine Art Integrationswettbewerb zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu eröffnen und damit das Zusammenleben zu vergiften“, sagte ZfT-Sprecher Dirk Halm.

In jeder Herkunftsgruppe seien die Bevölkerungsstruktur, das Maß an Rückwanderung und der Familiennachzug anders ausgeprägt gewesen, betonte Halm. Auch seien Integrationsangebote in unterschiedlichem Umfang gemacht worden. Dies seien nur einige von vielen Faktoren, die die Integrationsbilanz der Türkeistämmigen erklärten.

Das Bildungsproblem

ZfT-Direktor Andreas Goldberg sieht die Bildungspolitik als wichtigen Einflussfaktor. „Bildung ist ein notwendiger, wenn auch kein hinreichender Schlüssel zur gleichberechtigten Teilhabe in Deutschland“, sagte er. Die Politik habe dies in den vergangenen Jahren erkannt, indem sie individuellere Antworten auf den Bildungsbedarf der besonders benachteiligten Migrantengruppen gebe. „Hier gilt es schlicht etwas aufzuholen, das jahrelang versäumt wurde.“

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, hält die von der Studie festgestellte schlechte Integration von Türkischstämmigen in Deutschland nicht für ein ethnisches Problem. Die Studie zeige eher die gesellschaftlichen Probleme einer Unterschicht auf, sagte Kolat am Montag in Berlin. Er appellierte an die Politik, den Nationalen Integrationsplan umzusetzen und für gerechte Bildungschancen zu sorgen. „Die Zeiten gegenseitiger Beschuldigung sind vorbei. Wir müssen als Gesellschaft zu einem gemeinsamen Diskurs kommen“, forderte Kolat.

Der Islamwissenschaftler Bekir Alboga zweifelte die Aussagefähigkeit einer Studie des Berlin-Instituts an. Das sei eine Behauptung, die wissenschaftlich nicht belegt sei, sagte der Dialogbeauftragte des in Köln ansässigen Moscheen-Dachverbandes DITIB der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

Alboga warf der Wissenschaft vor, auch sie habe zu spät das Versagen des deutschen Schulsystems bei der Integration festgestellt. Man müsse man vor allem über die Gründe sprechen, warum 30 Prozent der Türken und Türkischstämmigen keinen Schulabschluss und nur 14 Prozent das Abitur hätten. Viele Kinder hätten in der Schule „mit diskriminierenden Lehrern zu tun gehabt“. Bei einer Gleichbehandlung mit anderen Schülern wäre der Erfolg viel größer. Gemessen an der zu geringen staatlichen Förderung sei die Integration türkischstämmiger Menschen dennoch sehr erfolgreich.