Nahost

Was der Berliner Werber Amir Kassaei vom Iran hält

Mit 13 Jahren kämpfte er als Soldat im Golfkrieg, mit 15 Jahren gelang ihm die Flucht. Heute ist er Vorstandssprecher des Art Directors Club. Der Berliner Amir Kassaei (39), einer der am meisten ausgezeichneten Werber Europas, hat mit dem Iran abgeschlossen. Die Schublade des Alten zuzumachen, ist für ihn das Wesen der Integration, sagte er Morgenpost Online.

Foto: Sven Lambert

Im Iran erhöhen die konservativen Kräfte den Druck auf Oppositionsführer Mirhossein Mussawi. Ein ranghoher Berater des geistlichen Führers Ayatollah Ali Chamenei hat Mussawi als Agenten der Vereinigten Staaten bezeichnet und seine Verurteilung verlangt - wegen "schrecklicher Verbrechen und Hochverrat".

Morgenpost Online: Für einen Werber in der Wirtschaftskrise wirken Sie erstaunlich vergnügt.

Amir Kassaei: Vom Jammern halte ich nicht so viel.

Morgenpost Online: Dabei hätten Sie gute Gründe.

Kassaei: Was wir jetzt als Wirtschaftskrise bezeichnen, beschleunigt eigentlich nur einen Veränderungsprozess, der ohnehin da war, eine Zäsur, die überfällig ist. Die alte Welt ist gerade dabei, sich aufzulösen. Und das ist ganz gut so. Ich hoffe, dass die Krise lange genug dauert, damit wir zur Vernunft kommen. Wenn sie zu schnell vorbei ist, werden wir in alte Denkmuster zurückfallen.

Morgenpost Online: Was war denn falsch an diesen Denkmustern?

Kassaei: Es ging viel zu lange um Kurzfristigkeit und Schein. Es müssen wieder andere Werte wichtig werden in der Gesellschaft: langfristiges Denken, Nachhaltigkeit, Qualität, Substanz. Unternehmen werden anders mit dem Thema Erfolg und mit der Bewertung von Erfolg umgehen müssen. Wirtschaften wird sich grundsätzlich verändern. Und: Manche Branchen werden wegfallen.

Morgenpost Online: Ihre auch?

Kassaei: Das nicht. Aber sie wird sich wandeln müssen. Die Menschen haben es mittlerweile satt, durch Werbung genervt zu werden. Sie wissen auch zu viel, um darauf noch reinzufallen. Sie fangen angesichts der Informationsfülle für sich selber an, zu selektieren. Erfolgreich werden die Marken sein, die in diesem Informationsoverkill Orientierung geben, die nicht bombardieren, sondern nur sagen: Dafür stehe ich, ob du es gut oder schlecht findest.

Morgenpost Online: Und wo werden sie das sagen? Im Internet?

Kassaei: Viele haben bisher nicht begriffen haben, was das Internet ist. Das Internet ist keine virtuelle Welt, es ist Bestandteil unserer Welt. Das muss man verstehen, um wirklich Dinge zu verändern. Man hat das im Iran gesehen. Wie kann das sein, dass ein Land, das technologisch 40 Jahre zurückliegt, uns mit den modernsten Mitteln des Internets zeigt, wie man sogar politische Inhalte transportiert. Und wir schaffen es nicht.

Morgenpost Online: Im Iran geht es aber vor allem darum, die Zensur zu umgehen.

Kassaei: Ja – wo die freie Meinungsäußerung nicht gegeben ist, sind die Menschen offenbar kreativer und nutzen jede Art von Technologie, um sich mitzuteilen.

Morgenpost Online: Hat es die Opposition dort also genau richtig gemacht, wie sie das Internet einsetzte?

Kassaei: Es ist durchaus ein Beispiel dafür, was möglich ist, wenn man das Instrumentarium begriffen hat. Und es zeigt auch die Grenzen der alten Medien. Eine Medienmarke zeichnet sich ja durch Wahrhaftigkeit und journalistische Qualität aus. Aber wenn Fernsehsender scheitern, weil sie daran gehindert werden zu dokumentieren, und normale Menschen die Möglichkeit und die Macht haben, Informationen zu verbreiten, dann sollte uns das zu denken geben.

Morgenpost Online: Wahrhaftig sind diese Informationen aber nur bedingt.

Kassaei: Menschen haben durchaus ein Gefühl dafür, was erfunden ist und was wahr. Natürlich ist es schwer, zu beurteilen, ob ein Video auf YouTube echt ist. Aber im Iran merkte man allein aufgrund der Masse der Aktivität, dass es offensichtlich eine nicht geringe Anzahl von Menschen gibt, die unzufrieden sind mit dem System und auf die Straße gehen. Ein anderes Beispiel: Obama. Er hat verstanden, dass er Leute aktivieren muss, die normalerweise keine Wähler sind. Das hat er durch die sogenannten modernen Plattformen geschafft, nicht über die alten Wege.

Morgenpost Online: Wie haben Sie mitgekriegt, dass die Demonstrationen gegen den Wahlbetrug zu Massenprotesten wurden? Ihre Familie lebt ja noch im Iran.

Kassaei: Ich habe das in den Nachrichten erfahren, auch im Internet. Mit meinen Eltern und mit meinem Bruder habe ich seit drei Wochen nicht mehr gesprochen, weil die Leitungen zusammengebrochen sind. Man weiß ja auch, dass man am Telefon nicht vom Regime redet, weil die Leitungen abgehört werden. Andererseits: Die Proteste waren nicht so überraschend. Es gab schon 1999 die Studentenbewegung, die niedergeschlagen wurde. Jetzt ist es, anders als damals, ein mediales Massenphänomen. Aber am Ende des Tages wird man sehen, was es gebracht hat.

Morgenpost Online: Sie sind eher pessimistisch?

Kassaei: Das klingt zynisch, aber ich denke manchmal: Vielleicht geht es den Menschen im Iran noch nicht dreckig genug. Ich habe 1979 erlebt, was passierte, als der Schah gestürzt wurde. Da war der Leidensdruck einfach ein anderer, die Menschen waren radikaler. Jetzt bezeichnen viele Mussawi als Neuerer, dabei ist er Teil des Systems. Ob es mit ihm besser würde? Ich glaube es fast nicht. Der Wahlbetrug ist nur der Kanalisator. Es geht den Leuten ja darum, in einem freien Land zu leben, das System zu ändern. Das hat Mussawi aber nicht vor. 30 Jahre, nachdem die Leute auf die Straße gegangen sind für ein demokratisches Land, müssen wir eingestehen, dass nicht viel passiert ist. Wenn man sich anschaut, wie viele Analphabeten das Land noch hat, und wie viel Armut es noch gibt – bei den unglaublich günstigen Vorraussetzungen.

Morgenpost Online: Identifizieren Sie sich mit den Menschen in ihrem Heimatland?

Kassaei: Das ist ein schwieriges Thema, weil ich seit 20 Jahren nicht mehr in dem Land gewesen bin. Und weil ich mich bewusst entschieden habe, meine persische Identität in eine Schublade zu legen und die zuzumachen. Ich kann die Muttersprache kaum noch.

Morgenpost Online: Sie waren mit 13 Kindersoldat im ersten Golfkrieg, später konnten Sie in den Westen flüchten.

Kassaei: Ich war 15, als ich nach Österreich kam, meine Eltern konnten die Flucht arrangieren. Aber ich war allein. Ich musste in einem fremden Land zurechtkommen. Ich wusste, es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder, du passt dich an, kämpfst ums Überleben. Oder du setzt dich in eine Ecke und jammerst dich zu Tode. Ich habe mich für die erste entschieden – und den Preis, den ich dafür zahlen musste: ein Kapitel meines Lebens abzuschließen. Das war schon radikal. Aber das ist Integration. Wenn man sich integriert, verliert man einen Teil seiner alten Identität.

Morgenpost Online: Hatten Sie keine Angst?

Kassaei: Als der Irak den Iran angriff, musste ich an die Front. Meine Eltern konnten dagegen nichts tun. Ich habe gesehen, wie mein bester Freund vor meinen Augen auf einem Minenfeld zerfetzt wurde. Er war für mich wie ein Bruder. So etwas kann man nicht verarbeiten. Aber es ist auch so: Wenn man solche existenzielle Erfahrungen macht, dann ist alles andere, was man später erlebt, im Vergleich banal. Hätte ich diesen Hintergrund nicht, wäre ich vielleicht wie viele andere meiner Generation ein Jammerlappen. Ich bilde mir darauf nichts ein. Man macht sich selber nichts mehr vor, das ist vielleicht das Entscheidende.

Morgenpost Online: Was haben Sie damals gefühlt?

Kassaei: Ohnmacht. Sie merken, wie ohnmächtig einzelne Menschen sind, wenn so etwas passiert. Und dann ist da dieser ungeheuere Überlebenstrieb, der im Menschen verankert ist, den wir normalerweise aber nicht abrufen müssen. Wir werden zum Tier, im wahrsten Sinne des Wortes. Da ist man nicht mehr rational unterwegs. Das prägt. Bis heute.

Morgenpost Online: Haben Sie je bedauert, mit ihrer Herkunft abgeschlossen zu haben?

Kassaei: Nein. Aber ich glaube, das kommt noch. Je älter man wird, desto größer wird die Sehnsucht danach, die Wurzeln kennenzulernen. Das wird bei mir auch passieren. Es lässt mich nicht kalt. Ich würde schon gerne mal zurückfahren. Ich gehe erst dann zurück, wenn sich das Regime ändert. Ich weiß nicht, ob ich das noch erleben werde.

Morgenpost Online: Ist ein radikaler Schnitt nötig, um im neuen Land anzukommen?

Kassaei: Für mich ist Integration Bringschuld, nicht Holschuld. Ich habe mich immer als Gast gesehen. Wenn Sie mich einladen, sage ich Ihnen auch nicht, wie Sie ihre Wohnung einzurichten haben. Für viele klingt das nicht selbstbewusst genug. Aber für mich ist das ein Teil des Selbstbewusstseins, mich in einem Land anzupassen. Es ist ein Fakt, dass man anders angeschaut wird, wenn man ein bisschen dunkler ist, das werde ich auch nie vergessen. Man ist anders als die anderen. Man kann das als Ausrede benutzen. Aber man kann sich auch sagen, ich muss einfach zehnmal besser sein als andere. Mich hat das motiviert. Das hat vielleicht auch mit meinem Lebenslauf zu tun. Einwandererkinder tun sich ja oft schwer, aus der Zwangsjacke ihrer Erziehung rauszukommen. Ich hatte das Problem nicht, ich wurde westlich erzogen, und in Österreich hatte ich niemanden, der mir etwas vorschrieb. Ich musste meine Werte und meine Richtschnur selber legen. Im Nachhinein klingt das heroisch, aber es war eine schlimme Zeit, zeitweise. In Wien und davor.

Morgenpost Online: Und da war nie Selbstmitleid?

Kassaei: Meine Eltern hatten mir ja das Leben gerettet, indem sie mich wegschickten! Ich habe das als zweite Chance gesehen. Ich sollte ja eigentlich nicht mehr da sein. Da entwickelt man auch eine Leichtigkeit, eine Souveränität dem Leben gegenüber. Man hat mehr Bodenhaftung, wenn man das Schlimmste schon hinter sich hat. Das ist auch gut für das, was ich heute mache, in einer Branche, die extrem von Schein und Oberflächlichkeit lebt.

Morgenpost Online: Warum sind Sie ausgerechnet in die Werbung gegangen?

Kassaei: Das war Zufall. Wenn es sich ergeben hätte, hätte ich vielleicht auch etwas anderes gemacht. Ich liebe, was ich tue, aber ich tue es auch deswegen gut, weil ich der Branche kritisch gegenüber bin. Die Frage ist ja, was man als Ziel fürs Leben hat. Meins ist es, dass ein paar Leute später mal sagen: Wenn es dieser Asylant geschafft hat, dann kriegen wir es auch hin. Ich will den Leuten Hoffnung geben. Und idealerweise am Ende sagen können, immer wahrhaftig gewesen zu sein.