Museen

Technikmuseum ist die Schatzkammer für Entdecker

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Alexandra Maschewski

Foto: Sergej Glanze

Das Problem sind die Frauen. Findet Professor Dirk Böndel. Er ist der Direktor der Berliner Technikmuseums, das jetzt sein 25stes Jubiläum feiert. 500.000 Gäste kommen jährlich in diese kleine Schatzkammer für Entdecker. Eigentlich ein Anlass zum Freuen. Wenn nicht die Frauen wären. Heute gibt es noch etwas Besonderes.

Professor Böndel steht im Raum mit der neuen Papiertechnikausstellung und wird ein bisschen nostalgisch. Fast auf den Tag genau vor 25 Jahren befand er sich ebenfalls hier und gab sein allererstes Interview.

Damals hieß das Technikmuseum noch "Museum für Verkehr und Technik". Damals stand hier noch keine Papiermaschine, sondern man sah Schiffsmodelle. Und damals war Dirk Böndel auch noch nicht Direktor, sondern hatte bloß einen Werkvertrag. "Jeder in seine Abteilung", hatte der damalige Chef Günther Gottmann gesagt. Und weil Dirk Böndel an der Konzeption der Schiffsmodellausstellung maßgeblich beteiligt war, ging er an diesem 14. Dezember 1983, an dem der erste Bauabschnitt eingeweiht wurde, eben in "seine" Abteilung.

Seit nunmehr fünf Jahren ist Böndel der Direktor des Hauses an der Trebbiner Straße in Kreuzberg, die von ihm so geliebte und bald geleitete Schifffahrtsausstellung wurde im selben Jahr im Neubau wiedereröffnet. In den 25 Jahren seines Bestehens hat sich das Technikmuseum flächenmäßig verzwölffacht. Trotzdem sagt der 53-Jährige: "Das Schönste ist für mich, dass es immer noch nicht fertig ist."

Das Gestalten macht ihm Spaß, Verwalten allein ist nicht sein Ding. Mathematik, Philosophie, Psychologie, außerdem Wirtschafts- und Technikgeschichte hat der Mann aus Bad Salzuflen studiert, der sich "als Berliner betrachtet".

Das Anfassen ist hier erlaubt

Backstein und Holzboden, nicht bloß Stahl und Glas - die Atmosphäre ist warm, jedenfalls nicht so, wie man sie im Zusammenhang mit dem Begriff "Technik" assoziieren würde. Heimelig schon dann, wenn man den Eingang passiert hat. Viele Exponate stehen mitten im Raum, man darf auch mal etwas anfassen. "Wir wollen nicht so streng sein", sagt Böndel, "die Besucher sollen sich zu Hause fühlen." Probleme mit Vandalismus gibt es kaum. Nicht mal bei 500.000 Besuchern pro Jahr. Wenn man das Science Center Spectrum, die Archenhold-Sternwarte, das Zeiss-Großplanetarium und das Zucker-Museum, die zur selben Stiftung gehören, dazuzählt, sind es sogar noch einmal 150.000 mehr.

Die Erfolgsgeschichte nahm bereits an einem ganz anderen 14. Dezember ihren Anfang. 1960 beschloss nämlich ein frisch gegründeter Verein, dass Berlin unbedingt wieder ein Verkehrsmuseum braucht. "Die Tradition sollte fortgesetzt werden", sagt einer, der damals dabei war. Herbert Liman, 82 Jahre alt, hat einen Museumsanstecker am Revers seines Sakkos, auf dem "Entdecker" steht. Dabei kennt er das Haus wie seine Westentasche. Ein- bis zweimal die Woche kommt er vorbei, steht mit Rat und Tat bereit und erledigt Recherchearbeiten. Es sind die Geschichten hinter den Exponaten, die ihm am Herzen liegen, die Zusammenhänge, die er dokumentieren will. "Die Sammlungen müssen so präsentiert werden, dass es jeder nachvollziehen kann." Liman ist ein 82-Jähriger, der sich dafür einsetzt, Texttafeln mit Touchscreens zu ergänzen, um auch Kinder und Jugendliche zu begeistern.

Vor fast 50 Jahren arbeitete er bei der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen, unterstützte zunächst nur seinen Chef, der Gründungsmitglied des Fördervereins war. "Berlin verfügte über eine große Zahl von Vorkriegssammlungen aus dem Museum für Meereskunde, dem Verkehrs- und Baumuseum sowie der Deutschen Luftfahrt-Sammlung", erzählt Liman. "Viele Gebäude waren jedoch kriegszerstört, Objekte waren verlagert oder von der Trophäenkommission der Russen abtransportiert worden." Der Verein sammelte fleißig und veranstaltete Ausstellungen.

Die Diskussion um einen festen Standort für das Museum entbrannte erst Anfang der 70er-Jahre. "Es hat also zwölf Jahre gedauert, bis das Thema in der Politik ankam", so Liman. Bis das Parlament einen Entschluss fällte, dauerte es noch einmal - bis 1981. Ab jenem Jahr stand auch Gottmann als erster Direktor fest, doch der musste sich weitere zwei Jahre gedulden. Kein leichter Weg.

Wenn man bedenkt, wie mühselig die Anfänge waren, ist es umso erstaunlicher, wie sich das Kreuzberger Museum mit dem weithin sichtbaren amerikanischen Rosinenbomber auf dem Dach im vergangenen Vierteljahrhundert entwickelt hat. Großer Anziehungspunkt ist über all die Jahre die Luftfahrtausstellung gewesen. Seit 23 Jahren liegt diese in den Händen von Holger Steinle, und wenn man seinen Anekdoten lauscht, dann merkt man schnell, dass man hier wirklich einen Entdecker vor sich hat. In der ganzen Welt war er in den zurückliegenden Jahren unterwegs, um Flugzeuge aufzuspüren.

Der gelernte Wirtschaftsingenieur hätte sich anfangs selbst auch nicht ausmalen können, dass er einmal eine "Focke Wulf" bergen würde, die Jahrzehnte in einem 60 Meter tiefen norwegischen Fjord gelegen hat; dass er in Neuguinea nach Junkers-Flugzeugen suchen und im Jemen die Reste eines deutschen Passagierflugzeugs finden würde. "Da ist schon eine gewisse kriminalistische Vorarbeit nötig", sagt Steinle. Und ein Netzwerk - ohne seine hervorragenden weltweiten Kontakte hätte der Pforzheimer sicher nicht erreicht, dass seine Dauerausstellung 2005 international zur besten des Jahres gewählt wurde. Mittlerweile sei Berlin ein Ort, an dem auch Sammler ihre Stücke gut aufgehoben wissen. "Wir zeigen nicht nur eine Reihung von Flugzeugen, sondern lassen Geschichte lebendig werden", sagt Steinle. Interaktivität, moderne didaktische Mittel seien wichtig, um das Objekt zu erschließen.

In den vergangenen Tagen war er in Hamburg bei Airbus, wo die Focke Wulf 200 Condor von 1941 gerade restauriert wird. Fertig wird sie wohl erst in fünf oder sechs Jahren sein. Wenn es nach Steinle geht, dann könnte dieses Flugzeug zusammen mit anderen einmal auf dem alten Tempelhofer Flughafen ausgestellt werden. An der Verwirklichung dieser Idee arbeitet er gerade. "Das wäre die nächste Stufe, aber ob es was wird?"

Es liegt in der Natur dieses Museums, dass es sich stets entwickelt. Eine Konstante sind die vielen langjährigen Mitarbeiter. Da ist zum Beispiel Mahmut Gündogdu (46). Er arbeitete schon vor der Eröffnung für das Haus, seit 1985 ist er hier als Bürobote tätig. Wenn er frei hat, kommt er manchmal mit seinen Söhnen vorbei, die sich gern die Flugzeuge anschauen. Natürlich kennt er auch Andreas Curtius, den er beim Vornamen nennt. Curtius, der die Bibliothek des Hauses leitet, steht an der Empore und deutet auf den Eingang. "Hier hatten wir unsere erste Ausstellung, tutti frutti, von allem ein bisschen." 45.000 Bücher verwaltete der Diplombibliothekar anfangs. Heute sind es 500.000, die von Schülern, Privat- und Filmleuten gelesen werden. Wissensquellen, die auch Grundlage jeder Ausstellung sind.

Es gibt eine Zeit, die Curtius besonders im Gedächtnis geblieben ist. "Nach der Wende kamen drei oder vier Wochen lang so unglaublich viele Menschen in den Lesesaal", erinnert er sich. In den folgenden Wochen machte sich Curtius auch schon mal zu Fuß auf den Weg nach Ostberlin, um Bestände alter Bibliotheken zu sichten. "Pioniergeist haben wir noch immer im Blut", sagt Andreas Curtius.

Für die Zukunft des Museums mit seinen momentan rund 165 Mitarbeitern gibt es Pläne. Schon im März 2007 war die Erweiterungsfläche für das "Technoversum" auf dem Areal des ehemaligen Anhalter Güterbahnhofs übergeben worden. "In der Endausbauphase soll die gesamt Museumsfläche statt jetzt 25.000 Quadratmeter 50.000 Quadratmeter betragen", sagt Direktor Dirk Böndel. Wann er seine Pläne für dieses "Museum der Zukunft" umsetzen kann, weiß Böndel noch nicht. Klaus Wowereit hat schon signalisiert, dass das Projekt, dessen Gesamtkosten auf 62 Millionen Euro geschätzt werden, in dieser Legislaturperiode nicht mehr in Angriff genommen werden soll. "Ich hoffe, dass wir den Neubau ab 2011 schrittweise in die Tat umsetzen können", sagt Böndel.

Zwei Drittel der Besucher sind Männer

Es gibt da etwas, eine Kleinigkeit nur, die Böndel ein wenig wurmt. Die Frauen sind es. Im Museum machen sie nur ein Drittel der Besucher aus. "Und dann kommen sie meist mit ihren Männern oder Söhnen", sagt Böndel. Man versucht, ihren besonderen Interessen Rechnung zu tragen, etwa mit der Abteilung für Textiltechnik. Seine eigene Lieblingsabteilung? Der Direktor ist viel zu rücksichtsvoll, um dazu etwas zu sagen. Also meint er diplomatisch: "In unseren acht Hektar großen Museumspark, ehemals Betriebsgelände der Reichsbahn, gehe ich gern, wenn ich Natur brauche und mal von Technik genug habe." Aber das kommt nicht allzu oft vor.

Heute veranstaltet das Technikmuseum von 12 bis 17 Uhr das "Weihnachtliche Papierfest". Auf dem Programm stehen auch Papier schöpfen, Weihnachtskarten basteln und Karussell fahren. Infos unter: www.sdtb.de . Adresse: Trebbiner Str. 9, U-Bahn: Gleisdreieck, Möckernbrücke, S-Bahn: Anhalter Bahnhof