Statistik

Jeder vierte Berliner hat einen Migrationshintergrund

Ein Viertel aller Berliner hat einen nichtdeutschen Familienhintergrund. Das ist das Ergebnis einer neuen Untersuchung des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg. In einigen Bezirken stammen bereits rund 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen aus Einwandererfamilien. Das hat Folgen für die Schulen – und für Senioreneinrichtungen.

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Menschen ohne deutschen Pass stellen in Berlin 14,1 Prozent der Bevölkerung. Aber der Blick in die meisten Stadtviertel und in viele Schulklassen lehrt schon lange, dass die Frage der Nationalität die Realitäten der Einwanderungsgesellschaft in Deutschlands Hauptstadt nur unzureichend abbildet. Erstmals hat deshalb das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg trotz einiger methodischer Schwierigkeiten Daten über Berliner Migranten zusammengestellt. Demnach kommen zu den 470.000 registrierten Ausländern 393.000 Deutsche mit Migrationshintergrund. Addiert man beide Zahlen, ergibt sich, dass jeder vierte Hauptstädter seine Wurzeln außerhalb Deutschlands hat. Im Bundesdurchschnitt liegt der Anteil mit 18,4 Prozent deutlich niedriger.

Fast 43 Prozent der Berliner Kinder bis 15 Jahre stammen aus Einwanderer-Familien, wobei in der ganz jungen Altersgruppe die deutschen Staatsbürger stärker vertreten sind als die Ausländer. Das ist eine Folge des seit 2000 reformierten Staatsangehörigkeitsrechts, das die Einbürgerung für hierzulande geborene Kinder erheblich erleichtert hat.

In den westlichen Bezirken hat jeder dritte Bewohner einen Migrationshintergrund. In Mitte stellen sie 44,5 Prozent der Menschen, in Neukölln 38,7 und in Friedrichshain-Kreuzberg 36,6 Prozent. Berlins Integrationsbeauftragter Günter Piening sagte, es werde in den vier großen Innenstadtbezirken normal sein, dass an den weiterführenden Schulen zwei Drittel der Schüler aus Einwandererfamilien stammten.

Die Zuwanderer senken den Altersdurchschnitt

Insgesamt werden die östlichen Bezirke der Stadt stärker durch Zuwanderung aus dem Ausland geprägt, als sich aufgrund der bisherigen, an der Staatsbürgerschaft ausgerichteten Erhebungen erwarten ließ. Lichtenberg kommt auf fast 16 Prozent Zuwanderer, auch in Pankow und Marzahn-Hellersdorf liegt der Anteil deutlich über zehn Prozent. Nur Treptow-Köpenick unterschreitet knapp diese Marke. Völlig unabhängig von einer weiteren Zuwanderung nach Berlin wird der Anteil der Migranten an der Gesamtbevölkerung steigen. Denn das Durchschnittsalter der Ur-Deutschen liegt mit 42 Jahren fünf Jahre über dem der Zugewanderten. Entsprechend jung sind die Bezirke mit hohem Migrantenanteil.

Aber die Stadt muss sich auch auf eingewanderte Bürger im Seniorenalter einstellen. Schon ist in einigen Bezirken jeder dritte Bürger über 55 ein Migrant. Krankenhäuser und Senioreneinrichtungen müssten sich für Menschen aus anderen Kulturen stärker öffnen, forderte Piening.

Um den Askanischen Platz liegt der Anteil bei 68 Prozent

In einzelnen Kiezen weisen mehr als zwei Drittel der Einwohner einen Migrationshintergrund auf. Am höchsten liegt der Anteil mit 68,1 Prozent rund um den Askanischen Platz nahe des Anhalter Bahnhofs in Kreuzberg, gefolgt von der Reinickendorfer Straße in Wedding und dem Rollberg-Viertel in Neukölln. Vor allem mit Blick auf die relativ gepflegten Neubauten am Anhalter Bahnhof sagte Piening, ein hoher Anteil von Einwanderern sei eben nicht gleichbedeutend mit „Problemkiez“. Aber nicht nur in den klassischen Einwandererkiezen spielen die Neu-Berliner eine dominante Rolle. Auch in Teilen Spandaus, Wilmersdorfs oder Reinickendorfs ist jeder dritte Bürger nicht-deutscher Herkunft.

Die Statistiker verschweigen methodische Probleme ihrer Erhebung nicht. So zählen sie anders als die Integrationsbeauftragte des Bundes Kinder nicht mit, wenn nur ein Elternteil Migrationsmerkmale aufweist. Außerdem stellt sich die Frage, wie lange man Migrationshintergründe nachverfolgt.

Aus Sicht der Politik bieten die neuen Daten dennoch eine Grundlage für künftige Integrationspolitik. „Berlins Zukunft hängt wesentlich davon ab, wie Politik, Gesellschaft und Wirtschaft mit den Zuwanderern umgehen“; sagte die Abgeordnete Susanne Kitschuhn (SPD). Bilkay Öney (Grüne) forderte vom Senat mehr Engagement, um Chancengleichheit zu schaffen. Im Jahr 2006 seien nur 3,7 Prozent der bei der Industrie-und Handelskammer registrierten hauptstädtischen Auszubildenden nichtdeutscher Herkunft gewesen. Jeder fünfte Jugendliche mit ausländischer Herkunft gehe ohne Schulabschluss von der Schule. Und nur jeder zehnte Auszubildende habe keinen deutschen Pass, ergänzte Öney. Der Senat dürfe nicht länger zusehen, wenn große Teile der Berliner Bevölkerung benachteiligt würden.

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