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Die Wiedererstehung der Sally Bowles in Schöneberg

Im Buch und im Musical „Cabaret“ war Sally Bowles der Star. In Schöneberg ist die Bar „Sally Bowles“ eine feste Größe im Nachtleben.

Sebastian Ungruhe und Nadine Greitzke haben die Bar „Sally Bowles“ in der Schöneberger Eisenachstraße ins Leben gerufen.

Sebastian Ungruhe und Nadine Greitzke haben die Bar „Sally Bowles“ in der Schöneberger Eisenachstraße ins Leben gerufen.

Foto: Massimo R odari / Massimo Rodari

Kaum ist man von der viel befahrenen Kleiststraße in die kleine Eisenacher Straße eingebogen, herrscht himmlische Ruhe. Nachmittags wirkt die Gegend sehr bürgerlich, fast ein wenig verschlafen. Doch nachts sieht es hier ganz anders aus.

„Wir sind hier mitten im schwulen Kiez, drei Meter vom nächtlichen Strich entfernt“, erzählt Sebastian Ungruhe, der mit Nadine Greitzke die wunderbar gemütliche Bar „Sally Bowles“ führt. „Wir finden die Vielfalt der Leute hier toll. Egal, welche Orientierung, Religion oder Herkunft, jeder wird mit offenen Armen empfangen und herzlich begrüßt.“

Die beiden gebürtigen Berliner leben selbst immer schon in dieser Ecke. Sie am ruhigen, grünen Barbarossaplatz. Er in der Nollendorfstraße direkt neben der ehemaligen Wohnung von Christopher Isherwood. Sein autobiografischer Roman „Leb wohl, Berlin“ war Vorlage für das Musical „Cabaret“, in dessen Mittelpunkt die verführerische Nachtclubsängerin Sally Bowles steht. Klar, dass damit der Name des eigenen Lokals schnell feststand und auch Programm war.

Eine Bar wie aus dem letzten Jahrhundert

Natürlich musste auch das passende 20er-Jahre-Ambiente her. „Wir haben renoviert bis zum Umfallen, Möbel getrödelt und auf Touren durch Berlin alles abgeholt“, erinnert sich Nadine Greitzke. Dabei gab es viel Unterstützung von Freunden und Familie.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Das „Sally Bowles“ wirkt auf lässige Weise intim und gemütlich, ohne mit Plüsch zu erschlagen. Die Wohnzimmeratmosphäre hat eine Patina, als hätte es die Bar tatsächlich schon vor einem Jahrhundert gegeben.

Dabei sind Nadine Greitzke und Sebastian Ungruhe selbst gerade mal Mittdreißiger. Sie kennen sich aber bereits seit ihrem elften Lebensjahr, gingen gemeinsam zur Schule. Beide haben danach ihr Wirtschaftsstudium abgebrochen und machten eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann.

Abfindung als Startkapital

Er arbeitete danach bei Coca-Cola. „Mit Dreißig wusste ich, das möchte ich nicht die nächsten 35 Jahre machen“, sagt Ungruhe. Er bekam eine Abfindung und steckte sie als Startkapital in die Bar. Dass die beiden als Jungunternehmer eine Location im angesagten und sehr teuren Kiez anmieten konnten, lag auch am Entgegenkommen des Vermieters. Der war an einer ansprechenden Nutzung der Ladenräume interessiert.

Anfangs hatte das bestens eingespielte Team Greitzke und Unruhe ganz unterschiedliche Vorstellungen. Sie wollte ein Frühstückscafé, er einen nächtlichen Barbetrieb. Man traf sich in der Mitte und versuchte beides.

Doch drei Monate nach der Eröffnung im Oktober 2012 stellten sie den Frühstücksbetrieb, Lunch sowie das Kuchenangebot ein und konzentrierten sich ganz auf den Barbetrieb. Die richtige Entscheidung. Vor allem, weil sich das „Sally Bowles“ seither zu einer angesagten Adresse für vorzügliche musikalische Abendveranstaltungen gemausert hat.

Inhaberin steht selbst auf der Bühne

Ein Erfolg auch Dank Nadine Greitzke. Sie zog es schon immer ins Theater. Bereits während des Studiums jobbte sie im Wintergarten Varieté. Noch heute schreibt sie die Skripte für die beliebte vorweihnachtliche Familienreihe „Zimt & Zauber“. Aber sie steht auch seit vielen Jahren als Sängerin selbst auf der Bühne.

Am 21. September hat ihr neues Programm „Liebe in der großen Stadt. Lieder über Sehnsüchte & Männersünden“ gemeinsam mit Rosa Jansen, Alexander Auler und Tobias Bartholmeß am Flügel Premiere. Natürlich im „Sally Bowles“.

Die Vorstellung ist bereits jetzt fast ausverkauft. Ein Trost für liebesbedürftige Chansonfans mit Hang zur gepflegten Großstadtmelancholie: Es folgen weitere Auftritte, etwa im wesentlich größeren Tangoloft am 24. September.

Ansteckende Begeisterung für Musik

Nadine Greitzke ist hervorragend vernetzt mit Studierenden und Absolventen des Studiengangs Musical/Show der Universität der Künste. „Die zeigen bei uns oft ihr erstes eigenes Programm“, sagt sie.

Ihre Begeisterung für ausgesuchte Shows mit Berlin- und Jazztouch hat mittlerweile auch Sebastian Ungruhe angesteckt. Er ist zwar immer gern zu Konzerten gegangen, aber in der eigenen Bar war das zumindest anfangs nicht sein Ding. „Als Barkeeper ist man ja schon ein Unterhalter hinter dem Tresen“, verteidigt er sich etwas mau und lacht.

Show mit historischen Fakten

Seine frühere Einstellung hat er längst hinter sich gelassen. Heute redet er enthusiastisch über die Events in der Bar. Besonders am Herzen liegt ihm aber eine Revue: „A Cabaret Story“. „Das ist die einzige Show, die komplett auf Englisch regelmäßig in Berlin zu sehen ist.“ Und zwar jeden Donnerstag mit Schauspieler Maurice Ord. Für Ungruhe nicht nur eine unterhaltsame Geschichtslektion, sondern das Aufleben alter Zeiten mit historischen Fakten.

Ebenso regelmäßig immer sonntags heißt es „SB presents!“, wobei die Initialen sowohl für das „Sally Bowles“, als auch für den künstlerischen Leiter der Reihe stehen. Sean Baker, Pianist aus Atlanta, präsentiert hochkarätige Opernsänger und Kammermusikabende.

Im Publikum finden sich dann immer ungewöhnlich viele englischsprachige Expatriates. Zusammen mit Sean Baker haben sie im „Sally Bowles“ eine neue Adventstradition eingeführt: Einen gemeinsamen Weihnachtsliederabend, bei dem alle, die gern singen, mitmachen können.

Gäste kommen aus der ganzen Stadt

Auch die Savoy Satellites Swingband ist Stammgast in der Bar. Ihr feiner Vintage-Jazz steht wieder am 16. September auf dem Programm. Und das bei freiem Eintritt. Spenden für die Künstler sind selbstredend erwünscht. Zu den Vorstellungen kommen die Zuschauer gezielt aus der ganzen Stadt. „Laufkundschaft haben wir aufgrund unserer ein wenig versteckten Lage in der Seitenstraße eher selten“, so Ungruhe.

Die Nachbarschaft kommt dafür umso mehr. Schon am Nachmittag bei einem Latte macchiato kommen Nadine Greitzke und vor allem Sebastian Ungruhe aus dem Grüßen und Plaudern kaum heraus. „Er ist ein ganz fabelhafter Gastgeber. Seinetwegen kommen viele Gäste“, weiß sie. Bei so viel Lob wiegelt er sofort bescheiden ab.

Kleine Snacks von Brandenburger Manufaktur

Das „Sally Bowles“ lohnt sich nicht nur wegen der musikalischen Events, sondern auch wegen der Cocktail-Eigenkreationen. Dazu gibt es kleine Snacks. Vieles wie der Ziegenkäse oder die hausgemachte Enten-Rillette kommt von der brandenburgischen Wurst- und Fleischmanufaktur Bauer Lindner. Entdeckt auf dem nahen Winterfeldmarkt, den vor allem Nadine Greitzke über alles liebt. Jeden Sonnabend kauft sie dort ein.

Dass ihr und Sebastian Ungruhe gutes Essen am Herzen liegt, zelebrieren sie auch mit einer ungewöhnlichen Veranstaltung am 28. September: „FoodXchange“. Hier kann man Selbstgemachtes wie Chutneys, Kuchen, Pesto oder Marmelade, aber auch Überschüssiges etwa von Gewürzen, kleine Küchenhelfer oder selten benutzte Kochbücher tauschen. Es wird begutachtet probiert und natürlich gefachsimpelt. Ein toller Termin für alle Gerne-Esser.

Sally Bowles Eisenacher Str. 2, Schöneberg, Di.–So. 16–1 Uhr, Tel. 92 27 77 35, www.sally-bowles.de

Fifties-Mode und Brezel-Frühstück - weitere Kiez-Tipps:

Fräulein Anders Hier gibt es Schätze aus den Kleiderschränken der anderen. Lilly Anders betreibt den Vintage- und Secondhandladen mit viel Herzblut. Es gibt viel Fifties-Mode, aber auch Schick aus anderen Jahrzehnten sowie sehr schicke Accessoires, Hüte und Mützen.

Nollendorfstr. 28, Schöneberg, Tel. 92 21 10 76, Mo.–Fr. 11–19 Uhr, Sbd. 11–16 Uhr

Monsieur Franc Salon Privé Frank Struss ist der Stammfriseur von Nadine Greitzke und Sebastian Ungruhe. Er stylt sie auch ganz individuell zu besonderen Anlässen. Auch an Sonn- und Feiertagen. Etwa für den Auftritt als Chanson-Diva.

Keithstr. 16, Schöneberg, Tel. 0171- 6266677. Mo.–Sbd. nach Vereinbarung

Café Baltas Schönes Ambiente, leckerer Kaffee und Snacks wie Salate oder Sandwiches begeistern Nadine Greitzke. Sie kommt gern zum Arbeiten her und schätzt vor allem die Sonnenseite mit den gemütlichen Liegestühlen.

Goltzstraße. 17, Schöneberg, Tel. 23 60 95 87, täglich. 9–20.30 Uhr geöffnet

Brezel Company Schöneberg Sebastian Ungruhe und Nadine Greitzke lieben das gute

Frühstück, vom kleinen französischen bis zum großen englischen, und natürlich die ganz frischen leckeren Brezeln.

Kalckreuthstr.16, Tel. 612 41 81. Mo.–So. 7–20 Uhr

Rauschgolds Lieblingsbar Sebastian Ungruhe geht nach Barschluss gern mit den letzten Gästen in den Schöneberger Ableger des Kreuzberger Rauschgolds. Neben bunten Shows trifft man in der Gaybar nette Leute und natürlich auch manche illustre Dragqueen.

Eisenacher Str. 3, Schöneberg, tägl. ab 20 Uhr

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