Kultur

„Es ist Religion und Sport“

Dirigent Christoph Hagel bereitet ungewöhnliche Klassik-Projekte vor

Genüsslich streckt sich Christoph Hagel auf der Sitzbank im Café hin und nippt an seiner Tasse. Der Dirigent fühlt sich wohl. Es sei gerade der Höhepunkt seiner Karriere, wird er später im Gespräch sagen, und er liebe es! Hagel ist der Berliner Vorzeigedirigent in Sachen Crossover. Im Konzerthaus wird am Freitag eines seiner erfolgreichsten Projekte zu erleben sein: „Flying Bach“. Das Programm, in dem Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ von den vierfachen Breakdance-Weltmeistern Flying Steps vertanzt wird, war 2010 in der Neuen Nationalgalerie uraufgeführt worden. Inzwischen haben mehr als 300.000 Zuschauer in 27 Ländern die Show gesehen. „Auf diese Weise kommt Breakdance in die heiligen Hallen, und Bach geht auf die Straße“, sagt Hagel. Aber das Bonmot hat er international bereits so oft erzählt, dass er es am liebsten gar nicht mehr sagen möchte.

Christoph Hagel, 1959 in Biberach an der Riss geboren, hat in Berlin eine Reihe von vergnüglichen bis atemberaubenden Projekten gemacht. „Die Stadt hat einfach die richtige Mischung aus Klassik- und Partykultur“, sagt der Dirigent. Manche Projekte können deshalb nur hier entstehen. Am Anfang stand Mozarts „Don Giovanni“ im E-Werk. Das hat Hagel 1997 mit Katharina Thalbach gemacht. Es waren die 90er-Jahre, in denen sich Kulturmacher gerne mit morbiden Projekten und zum Feiern in industrielle Ruinen zurückzogen. Inzwischen ist das meiste davon saniert worden und wird kommerziell genutzt. Im Jahr darauf dirigierte Hagel Mozarts „Zauberflöte“ im Zirkuszelt. Als Regisseur empfing der alte, schweigsame Georg Tabori das urbane Publikum. Von dem Regisseur habe er gelernt, sagt Hagel, auch Ruhe zu bewahren. Inzwischen inszeniert Hagel, selbst ein Energiebündel, seine Projekte auch selbst.

Zehn Jahre später, 2008, hat er sich die „Zauberflöte“ noch einmal vorgenommen. Die Opernleute gingen dafür in den U-Bahnhof Bundestag, damals noch ein Geisterbahnhof. Weitere Projekte führten Hagel ins Bode-Museum und schließlich in den Berliner Dom. Für Bachs „Johannes-Passion“ hat er vorm Altarraum fünf Tonnen schwarzen Sands aufschütten lassen und Tänzer mit nacktem Oberkörper auftreten lassen. Er provoziert schon gerne.

Staunen, lachen, schweigen und jubeln, so beschreibt Hagel die Reaktionen des Publikums in den „Flying Bach“-Aufführungen. Genau genommen umschreibt es sein Erfolgsrezept für viele seiner Projekte. Er kann Dinge zusammenbringen, die nicht zusammengehören. Selbst Bach und Breakdance. „Es ist Religion und Sport“, sagt er. Oder auch: „Das Ewige in Bachs Musik und das Jetzt und Alles in der Jugendkultur.“ Hagel ist nach wie vor davon überzeugt, dass die Klassik neue Vermittlungsformen braucht, um nächste Generationen zu erreichen. Und es hat schon etwas Rührendes, dass einer seiner Breakdancer fragte, ob denn Bach auch zur Premiere käme.

Das nächste Breakdance-Projekt wird sich Beethoven vornehmen. Darüber hinaus zeigt Hagel Mozarts Komödie „Der Schauspieldirektor“ im Schloss Charlottenburg mit Helmut Baumann in der Titelrolle. Die Premiere ist am 29. Oktober. Später folgt Mozarts „Die falsche Gärtnerin“ im Bode-Museum. Ein Filmprojekt für Walt Disney Germany ist im Gespräch. Und der Deutsche Karate-Verband hat eine Produktion mit Karate-Kämpfern zu Strawinskys „Feuervogel“ angeregt. Man ahnt, die Zuschauer werden wieder staunen.

Red Bull Flying Bach Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Freitag um 20 Uhr

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