09:55 Vor 24 Jahren kam Alexandra Georgieva als Tänzerin an den Friedrichstadt-Palast. Seit sechs Jahren ist sie Ballettdirektorin und damit verantwortlich für die „künstlerische Qualität“ der Shows. Das Ensemble besteht aus 60 Tänzern aus 23 Nationen. „Das sind 60 einzigartige Persönlichkeiten. Die Mischung ist etwas ganz Besonderes, aber so viele unterschiedliche Charaktere unter einen Hut zu bekommen, ist auch nicht immer einfach“, sagt die ehemalige Tänzerin. Fehlt es ihr manchmal, selbst auf der Bühne zu stehen? „Überhaupt nicht!“ Alexandra Georgieva lacht laut. „Ich war bei ungefähr 6000 oder 7000 Vorstellungen dabei. Ich habe mich wirklich ausgetobt.“ Dann geht sie mit schnellen Schritten zum Ballettsaal am Ende des Flurs. Die Tänzerinnen haben bereits mit den Aufwärmübungen zur täglichen Trainingsstunde begonnen.

11:10 Im Moment herrscht auf der Bühne des Friedrichstadtpalasts allabendlich tiefster Winter. Silbern glitzernde Kostüme, Weihnachtsmänner, Elchperücken und falsches Schneegestöber sind bei der Show „Berlin erleuchtet“ zu sehen. Berndt Schmidt, der Intendant des Revuetheaters, befindet sich gedanklich bereits im nächsten Herbst. Vor ihm und Mitarbeiterin Sophie Gerike liegen Kostümentwürfe für eine neue Show, die im kommenden Oktober starten soll. Eine der Skizzen zeigt eine Frau mit schmaler Taille in einem langen goldenen Gewand. Berndt Schmidt nickt anerkennend. „Der Titel der Show steht noch nicht fest“, sagt er. „Sie wird eine Hommage an Berlin sein. Nicht an das alte Berlin, sondern an das moderne.“

12:40 Sebastian Hüchtebrock arbeitet für die Casting-Abteilung und ist gemeinsam mit einem Kollegen für die Besetzung der Sänger und Artisten zuständig. „Für die Sänger gibt es manchmal klassische Auditions mit Vorsingen“, berichtet er. „Bei den Artisten ist es eher so, dass wir sie gezielt suchen. Wir reisen mehrfach im Jahr und schauen uns dann beispielsweise die neusten Shows in Las Vegas an.“

13:45 „Aus Hüttenschuhen werden Hasenschuhe“, sagt Schuhmacherin Ines Günter. Mit einer speziellen Maschine näht sie Kunstfell an rosa Hausschuhe. Die Jungen und Mädchen des Kinderensembles werden sie bei der Kindershow „Keinschneechaos“ tragen. Ines Günter hat vor 32 Jahren im Friedrichstadt-Palast angefangen. „Damals waren wir sieben Schuhmacher und haben für alle Tänzer die Schuhe maßgefertigt“, erzählt sie. „Heute bin ich allein. Die meisten Schuhe werden von uns lediglich umgefärbt oder umgearbeitet.“ Dann zeigt sie ein Paar roter Stiefeletten mit glitzenden Fransen. „Rentierstiefel“ nennt die Schuhmacherin sie.

14:35 Leises Stimmgewirr liegt über dem Callcenter. Viele der Anrufer fragen, wie lange die Show dauert, wo sie parken können und was sie anziehen sollen“, erzählt Antje Sawitzki, die Leiterin des Callcenters. Aus der Reihe fiel letztens ein Anrufer, der wissen wollte, wo er seine Yacht anlegen kann.

15:15 Bislang ging es im Haus an der Friedrichstraße noch einigermaßen gemächlich zu. Jetzt treffen Dutzende von Schulkindern zu den Proben für die Kindershow ein, deren Premiere am 30. November stattfindet. Man hört helle Stimmen und schnelle Schritte durch die langen Gänge hallen.

16:10 In der Maske herrscht Hochbetrieb. Fünf Maskenbildnerinnen drehen die langen Haare der Schülerinnen in Schnecken und stecken sie an den Köpfen fest. Dann lassen sie das blonde, braune und schwarze Mädchenhaar unter knallig orangen Perücken verschwinden.

17:25 Auf der großen Bühne laufen Proben für die Kindershow. Ein Schülerin wackelt mit Hummerscheren, die fast so groß sind wie sie selbst. Hinter der Bühne warten Kinder in Hasen- und Roboterkostümen auf ihren Einsatz. Die meisten von ihnen sehen sehr aufgeregt aus. Ganz anders Bühnenmeister Peter Müller, der die Proben überwacht und trotz der Unruhe entspannt wirkt. „Am wichtigsten ist immer die Sicherheit. Alle Rettungswege müssen frei sein“, sagt er. Der Technik-Chef gehört zu den Mitarbeitern, die schon seit Jahrzehnten dabei sind. „Um genau zu sein, habe ich am 1.Januar 1985 hier angefangen.“

18:15 Antje Potthast, Chefin der Masken-Abteilung, beginnt bei Amber Schoop Lidschatten aufzutragen. Die Sängerin ist einer der Stars des Abends. „Auf der Bühne ist Amber ja eine Art Fee, deshalb muss das Make-up weich und harmonisch wirken“, erklärt sie. „Aber in erster Linie muss sie natürlich sehr, sehr schön aussehen“. Die Sängerin nickt und grinst, als sie die Aussage hört.

18:30 Sechs Gäste haben bereits in der „Wall Sky Lounge“ ihre Plätze eingenommen. Von der exklusiven Loge aus blickt man aus luftiger Höhe auf die Bühne. Barchefin Andrea Ebert schenkt Champagner aus.

18:50 Der Einlass beginnt. Marcus Illinger und Aykan Altay schließen die Türen auf und lassen die ersten Gäste ins Foyer. Vor den Shows beantworten sie meist Fragen zum Gebäude.

19:20 Sängerin Amber Schoop hat in der letzten Stunde eine erstaunliche Metamorphose durchgemacht. Aus der brünetten Frau wurde ein silberner Paradiesvogel mit opulentem Kopfputz, der hinter der Bühne auf seinen Einsatz wartet. „Das ist mein absolutes Lieblingsoutfit. Als ich mich zum ersten Mal darin sah, dachte ich nur: Wow!“, sagt sie und lacht.

19:30 Die knapp 1900 Plätze im Saal sind besetzt. Sänger David-Michael Johnson singt den ersten Song des Abends.

21:25 Die „Girl-Reihe“ – perfekt getanzte und aufwändig choreographierte Tanzszenen mit Dutzenden von Tänzerinnen – sind eines der Markenzeichen des Friedrichstadt-Palasts. Der Jubel ist auch diesmal groß, als 32 Tänzerinnen mit blonden Perücken, silbernen Ballettanzügen und silbernen Hüten auf der Bühne loslegen.

21:58 Schlussszene: Bevor sich der Vorhang senkt, versinkt der Saal in Schneegestöber. Tausende von kleinen weißen Plastikscheibchen rieseln von der Decke.

22:15 Marcus Illinger und Aykan Altay verabschieden die letzten Gäste. Vor dem Revuetheater stehen zwei Frauen, die auf ein Taxi warten. Eine von ihnen zieht verwundert eine falsche Schneeflocke aus ihrem Haar.