Breitscheidplatz

Als die Gedächtniskirche in Trümmern lag

Vor 75 Jahren, am 22. November 1943, wurden bei einem Luftangriff der Alliierten auf Berlin viele prominente Bauwerke zerstört.

Kinder spielen 1945 in der Tauentzienstraße – vor der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche.

Kinder spielen 1945 in der Tauentzienstraße – vor der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche.

Foto: akg-images / Fritz Eschen / picture alliance / akg-images / Fritz Eschen

Berlin. Am Abend des 22. November 1943 erlebte Berlin den bis dahin schwersten Luftangriff des Zweiten Weltkriegs auf die „Reichshauptstadt“. Um 19.30 Uhr heulten die Sirenen los, eine halbe Stunde später begannen fast 700 britische Flugzeuge, 2500 Tonnen Bomben abzuwerfen – von Westen kommend in einer fast geraden Linie vom Messegelände bis zum Alexanderplatz.

Ziel war das Regierungsviertel, die Schaltzentrale von Hitler-Deutschland. Doch offenbar irritiert von den großen Detonationen und ersten Bränden vor sich, warfen Piloten ihre Ladung zu früh ab. So wurde auch der Berliner Westen hart getroffen. Die Bilanz war schrecklich: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und 13 weitere Kirchen gingen in Flammen auf, ebenso die Neue Synagoge an der Oranienburger Straße, das Neue Museum, Schloss und Rathaus Charlottenburg, der Zoo, das KaDeWe sowie zahllose Wohn- und Geschäftshäuser.

Rund 180.000 Berliner wurden in jener Nacht zu Obdachlosen. Konkrete Zahlen über Todesopfer gab es nicht. An diesen Bombenangriff vor 75 Jahren erinnert am heutigen Donnerstagabend die Gemeinde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mit Gedenkläuten, Friedensandacht und Konzert.

Bei dem Angriff detonieren Luftminen rund um die Gedächtniskirche und rissen das Dach des Kirchenschiffs ab. Die nachfolgenden Stabbrandbomben vernichteten das Innere. Auch zwei der vier Nebentürme wurden zerstört. Der Helm des Hauptturms aber überstand das Bombardement und ragte weiter 113 Meter hoch in den Himmel. Doch anderthalb Jahre später, bei der letzten Schlacht um Berlin im Frühjahr 1945, fiel er ebenfalls Bomben zum Opfer. Erst da bekam der Turm seine heutige, charakteristische Form.

Ein Zeitzeuge: „Die Straße war übersät von Trümmern“

Der 22. November 1943 war der Tag nach Totensonntag. Zeitzeugen haben das Geschehen an jenem Abend schriftlich festgehalten. Die Journalistin Ursula von Kardorff wohnte damals an der Rankestraße. „Die Gedächtniskirche ist eine leuchtende Brandfackel“, schrieb sie. Baldur Ubbelohde wohnte mit Eltern und Schwestern in einem Mietshaus an der Nürnberger Straße. Der spätere Bezirksbürgermeister von Charlottenburg war damals 14 Jahre alt und arbeitete als freiwilliger Meldebote für die Polizei. Nach den Angriffen half er an jenem Abend gemeinsam mit einem Vorgesetzten, einen Dachstuhlbrand im Haus Kurfürstendamm 235 zu löschen.

Weil er leicht verletzt war, durfte er nach Hause gehen. „Auf der Straße angekommen, sah ich das hohe Dach der Gedächtniskirche lichterloh brennen, und auch die Tauentzienstraße wurde durch die Flammen brennender Häuser erhellt. Die Straße war übersät von Trümmern und ausgebrannten Resten von Stabbrandbomben und Phosphorkanistern sowie herabhängenden Oberleitungen der Straßenbahn“, erinnerte er sich später.

„Ich wollte schnell nach Hause, doch ich stolperte wie gelähmt zunächst in die Budapester Straße, wo ich jedoch umkehren musste, weil ein Trümmerberg und ein großer wassergefüllter Bombenkrater mir den Weg versperrten. Von den brennenden Häusern stürzten immer wieder Trümmerteile auf die Straße. Ich ging dann über die Tauentzienstraße zur Nürnberger Straße. Der durch die Flächenbrände verursachte ,Feuersturm‘ blies mir Asche und Staub ins Gesicht, und ich hatte Mühe, dagegen anzugehen“, schrieb Baldur Ubbelohde.

Zu Hause angekommen, sah er, dass vierte Etage und Dachgeschoss seines Hauses in Flammen standen. „Mit meinem Vater ging ich in unsere im dritten Stock gelegene Wohnung, um zu retten, was noch zu retten war. Auf den Zimmerdecken polterte es von herabfallenden Trümmerteilen aus dem darüberliegenden Stockwerk. Ein Knacken und Knistern signalisierte, dass die Holzbalkendecke alsbald einstürzen würde. Es blieb nichts weiter, als das eigene Leben zu retten.“ Baldur Ubbelohde starb im März dieses Jahres. Auch aus seinen Erinnerungen wird am Donnerstag bei der Gedenkfeier gelesen.

Die Gedächtniskirche rührt die Herzen der Berliner

In der Nachkriegszeit wurde die Ruine vorerst dem Zerfall überlassen. Erst 1956 begann man, den einsturzgefährdeten Chor abzureißen. Im März 1957 gewann Egon Eiermann den Architektenwettbewerb zum Neubau der Kirche. Sein Modell sah den vollständigen Abriss der Ruine vor. Nach heftigen Protesten der Berliner wurde entschieden: Der alte Hauptturm bleibt erhalten. Er wurde bautechnisch gesichert und war fortan Berlins Mahnmal gegen den Krieg.

Längst gilt das Ensemble aus neuer Kirche und Turmruine als Berliner Wahrzeichen und Denkmal von nationalem Rang und internationaler Bedeutung. Doch in Berlin ist die Gedächtniskirche noch mehr. Anders als der Berliner Dom oder die Hedwigskathedrale hat sie großes Gewicht für die Identität der Bürgergesellschaft. Auch von Hochhäusern umringt, bleibt sie ein Zentrum. Im Dom mögen Staatsakte stattfinden, die Gedächtniskirche rührt die Herzen der Berliner – nicht nur derer, die im West-Teil der Stadt aufgewachsen sind.

Das gilt erst recht seit dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz vor zwei Jahren. Die Gedächtniskirche übernahm die Rolle eines Schutzraumes, dort wurde Trost gespendet und die Möglichkeit geboten, sich mit dem Unfassbaren auseinanderzusetzen und es zu bearbeiten. Der Ort der Trauer über den Krieg wurde – einmal mehr – zum Hort des Friedens.

Friedensandacht und Glockengeläut zum Gedenken an die Bombennacht

Die Gemeinde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche erinnert am Donnerstag, den 22. November an die schweren Bombenangriffe auf Berlin vor 75 Jahren.

Die Gemeinde und der Kirchensprengel Berlin haben um 19.30 Uhr zu einem 15-minütigen Gedenkläuten aufgerufen. Zu dieser Uhrzeit gingen vor 75 Jahren die Alarmsirenen los. Kirchen in ganz Berlin werden sich beteiligen. Zuvor, um 19 Uhr, lädt die Gedächtniskirche zu einer Friedensandacht in ihre Turmruine. Hierbei wird ausdrücklich auch an die Städte in Polen, in den Niederlanden und in England erinnert, die zuvor von deutschen Bomben zerstört wurden. Zudem wird der jüdischen Menschen und der Zwangsarbeiter in Berlin gedacht, die während der Bombenangriffe keine Schutzräume aufsuchen durften.

Um 20 Uhr findet in der Gedächtniskirche ein Friedenskonzert statt. Auf dem Programm stehen jüdische Lieder, gesungen von Kantorin Avitall Gerstetter, sowie Streicher-Sextette von Johannes Brahms und Erich Wolfgang Korngold, der als Jude 1934 in die USA emigrieren musste. Der Schauspieler Max von Pufendorf liest aus Erinnerungen von Zeitzeugen sowie aus biblischen Texten. Der Eintritt ist frei, um Spenden für Avitall Gerstetters Projekt „Ein Leuchter für den Kudamm“ wird gebeten.

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