Berliner Mauer

Wie ein Student im Schrank versteckt aus der DDR floh

Als Student war Peter Bieber aus der DDR geflohen. Doch nur kurze Zeit lebte er in Freiheit, bevor er dann doch im Gefängnis landete.

Ein schwerer Gang: Erst als 70-Jähriger wagt Peter Bieber einen Besuch im ehemaligen Untersuchungsgefängnis

Ein schwerer Gang: Erst als 70-Jähriger wagt Peter Bieber einen Besuch im ehemaligen Untersuchungsgefängnis

Foto: Ricarda Spiegel

Mehr als 40 Jahre hat er vermieden, hierherzukommen. An diesen Ort, an dem für ihn das kurze Leben in Freiheit so jäh endete. Es war der 17. Oktober 1972, als Peter Bieber in die damalige Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit in die Pankower Arkonastraße gebracht wurde. Wo sich bis kurz zuvor eine Justizvollzugsanstalt für Frauen befand, wurde er in eine Zelle gesteckt, dunkelgrün gestrichen, an der Stirnseite eine Doppelreihe mit Glasbausteinen. Das Bild hat der heute 70-Jährige noch genau vor Augen. Und auch die Gefühle kommen wieder hoch, als er jetzt zum ersten Mal seit seiner Haft das Gebäude wieder betritt. Angst und Verzweiflung hatten ihn damals gepackt. „Es war eine emotionale Höllenfahrt“, sagt er.

Lange hat Peter Bieber gebraucht, bis er die Kraft gefunden hat, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Immer wieder haben ihm Familie und Freunde gesagt: Du musst das alles aufschreiben. Vor sechs Jahren hatte er es schon mal versucht, musste aber nach drei Seiten wieder aufhören. „Da kam zu viel hoch, ich konnte einfach nicht.“ Erst jetzt hat er es geschafft. Gerade sind seine Erinnerungen als Buch erschienen. „Glasbausteine in Beton“ heißt es, in Anlehnung an die Zelle im Stasi-Gefängnis.

„Das Schreiben hat viel aufgewühlt, so viele Bilder waren wieder im Kopf“, sagt Peter Bieber. Bilder eines Ausnahmezustands, der fast zehn Jahre seines Lebens anhielt: drei gescheiterte Fluchtversuche, dann der vierte, der endlich gelang. Ein kurzes Leben in Freiheit. Sein Engagement als Fluchthelfer. Verhaftung durch die Stasi. Verurteilung als „Menschenhändler“ und Republikflüchtling. Fünf Jahre in DDR-Gefängnissen. Dabei hätte alles anders kommen können. 1968, während des Prager Frühlings. Vielleicht nur zehn Schritte war er damals von einem neuen Leben entfernt.

Jemand rief: „Stehenbleiben!“

An Flucht hatte Peter Bieber zum ersten Mal 1966 gedacht. 21 Jahre war er alt. Bis dahin hatte er nur wenig Einschränkung gespürt. Auf Hiddensee ist er aufgewachsen, dort, wo sich das Leben etwas freier anfühlte als anderswo in der DDR, wo die Mauer weit weg war. In seiner Wohnung in Tempelhof hängt ein Bild von Asta Nielsens Haus auf Hiddensee, daneben hat er mit seiner Mutter und seiner Schwester gewohnt. Es waren gute Jahre, auch wenn die Mutter die beiden Kinder allein erziehen musste. Der Vater lebte längst im Westen, in Hannover. Nur manchmal, wenn Peter Bieber bei klarer Sicht bis zur dänischen Insel Møn blicken konnte, da erschien ihm selbst Hiddensee wie ein Gefängnis. Møn war im Westen – unerreichbar.

Das Gefühl der Enge verstärkte sich, als er 1966 zum Studium nach Leipzig kam. Eigentlich wollte er Jura studieren, „aber das machte in der DDR doch keinen Sinn“, sagt er. Also schrieb er sich für Literatur und Bibliothekswesen ein. In Leipzig erlebte er Repressalien, durfte nicht den Radiosender hören, den er wollte, nicht die Bücher lesen, die er wollte. Als er eine Arbeit über den irischen Schriftsteller James Joyce schreiben wollte, bekam er einen „Giftschein“. Nur in einem Extraraum, dem „Giftraum“ in der heutigen Deutschen Nationalbibliothek, durfte er recherchieren, denn Joyces Bücher waren in der DDR unerwünscht. „Und dann diese Heuchelei zu Messezeiten, als es in den Bars der Stadt nur Alkohol gegen Devisen gab“, erinnert er sich. Von Tag zu Tag entfernte er sich mehr von seinem Land. Und irgendwann war der Gedanke da: Ich muss weg.

Dann kam der Prager Frühling. Angesteckt von der Euphorie des Aufbruchs reiste Bieber nach Prag. Er hoffte auf eine Möglichkeit zur Flucht. Von Prag fuhr er nach Bratislava, dann weiter zu Fuß an die österreichische Grenze. „Es war ganz einfach, auch als ich den ersten Grenzposten fragte, ob ich mich mal umsehen könnte, das sei alles so schön hier, ließ er mich durch.“ Da war ja so viel los, Autos mit westdeutschen und österreichischen Kennzeichen. „Ich hätte mich einfach unter die Menge mischen können, jemanden fragen, ob er mich mitnimmt. Vielleicht hätte es ja geklappt.“ Aber er ging zu Fuß weiter. Auch am zweiten Posten kam er vorbei. Dann sah er vor sich noch die dritte Schranke, die letzte vor der Freiheit. „Ich bekam so einen Tunnelblick. Wie in einem rauschähnlichen Zustand ging ich auf sie zu.“

Noch zehn, 15 Schritte. Dann rief jemand hinter ihm: Stehenbleiben! Rechts war ein Turm, links war ein Turm. Einen österreichischen Posten auf der anderen Seite sah er nicht. Peter Bieber blieb stehen. In diesem Moment brach in ihm alles zusammen. Mit einem Jeep wurde er abgeholt und in den Zug zurück nach Leipzig gesetzt. Zu anderer Zeit wäre er wohl gleich verhaftet worden, aber es war Prager Frühling. Drei Tage noch. Dann waren sowjetische Panzer in der Stadt.

Das Bild der Schranke wurde Peter Bieber nicht wieder los. „Es hat mich schier um den Verstand gebracht, dass es nicht geklappt hat.“ Wut, Trauer, Verzweiflung. Er fand nicht wieder in sein Leben zurück, alles in ihm konzentrierte sich auf die Frage: Wie komme ich hier raus? Es dauerte noch zwei Jahre, bis ihm die Flucht gelang. Mit niemandem hat er in dieser Zeit über seine Pläne gesprochen, nicht mal mit seiner Mutter und Schwester. Eine feste Beziehung ist er auch nicht eingegangen, er wollte keine Bindung mehr an dieses Land.

Peter Bieber versuchte es in Danzig mit dem Schiff und in Bulgarien mit einem westdeutschen Auto. Beides misslang. Dann war er auf einer Hochzeit im heutigen Chemnitz eingeladen. Auf dem Rückweg fuhr er per Anhalter. Ein Lkw mit westdeutschem Kennzeichen hielt. Es war streng verboten, in ein West-Auto einzusteigen. Er tat es trotzdem und erzählte dem Fahrer sogar von seinen Fluchtplänen. „Wahnsinn“, sagt er heute, „es hätte ja ein Spitzel sein können.“ Der Lkw-Fahrer fuhr immer von einer Möbelfabrik im thüringischen Eisenberg nach Paderborn. Er sagte, dass er nur selten kontrolliert würde.

Zwei Herren von der Stasi

Bieber fuhr nach Eisenberg. Bat den Möbelfabrikanten, ihm bei der Flucht zu helfen. Der wusste nicht, ob er dem jungen Studenten glauben sollte. Die Szene beschreibt Bieber in seinem Buch: „Er fixierte mich, schaute mir in die Augen und sagte: ,Angenommen, ich sage dir Hilfe zu; du gehst dann hier raus, und fünf Minuten später kommen zwei Herren von der Stasi und fordern mich auf, sie zu begleiten.‘ Meine Reaktion muss ihn sehr beeindruckt haben. Ich sagte: ,Aber angenommen, ich nehme Ihre Hilfe jetzt an. Wenn ich danach auf die Straße gehe, stehen da zwei Herren und verhaften mich.‘“

Ein paar Tage später war Peter Bieber wieder in Eisenberg. Es war der 28. April 1970. In der Hand eine kleine schwarze Tasche. Mit ihr quetschte er sich in einen Schrank auf der Ladefläche. Der Wagen wurde verplombt. Die Transitstrecke erschien ihm wie eine Weltreise. An der Grenze hielten sie. Der Motor lief weiter. Der Laderaum wurde geöffnet. Er hörte Stimmen, war starr vor Angst. Nur jetzt kein Hund, dachte er. Sekundenlang stockte ihm der Atem. Dann knallte die Tür zu. Es ging weiter. Der Weg über die Grenzanlage war holperig, aber auf einmal hörte das Ruckeln auf, die Straße war glatt. Er wartete noch. Er wollte ganz sicher sein. Dann krabbelte er aus dem Schrank, klopfte gegen die Wand zum Fahrerhaus. Der Fahrer bremste ruckartig, öffnete die Ladefläche.

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Noch heute steigen Peter Bieber Tränen in die Augen, wenn er an diesen Moment denkt. Damals auch. Es waren Tränen der Freude. Lachen musste er, die ganze Zeit lachen, als er dem Lkw-Fahrer um den Hals fiel. Es war derselbe, mit dem er einen Monat zuvor per Anhalter mitgefahren war. Der Kontakt blieb. Auch wenn Peter Bieber nach der Flucht nach West-Berlin zog und an der Freien Universität Jura studierte. Aber schon bald fing er gemeinsam mit dem Lkw-Fahrer an, anderen Menschen bei der Flucht zu helfen. Zehnmal klappte es mit der Fluchthilfe. Immer trafen sie sich auf einem Rastplatz an der Autobahn. Dort wurde der Flüchtling in den Lkw gesteckt. Peter Bieber selbst konnte sich seit dem Transitabkommen von 1972 auf den Transitstrecken frei bewegen. Wer bei seiner Flucht niemandem geschadet hatte, wurde nicht verfolgt, hieß es. „Es war alles ganz einfach“, sagt er.

Aber dann lief etwas schief. Einen Vater und dessen Stiefsohn wollten sie rausholen. Aber sie kamen nicht zum Treffpunkt. „Es hätte mir ein Signal sein müssen“, sagt Bie­ber heute. Aber damals dachte er, das könne ja mal passieren. Dass sie vielleicht da schon von der Stasi beobachtet wurden, ahnte er nicht. Beim zweiten Mal war nur der Vater da. Es war der 14. Oktober 1972. Er versteckte den Mann im Lkw, dann fuhr er zurück nach Berlin. Auf dem Weg merkte er, dass er verfolgt wurde. Angst kroch in ihm hoch, aber er versuchte sich zu beruhigen: Was soll schon sein?

Es war 19 Uhr, als er am Grenzpunkt Drewitz kurz vor Dreilinden ankam. Wie üblich musste er seinen Ausweis abgeben. Die Kontrolle dauerte länger als sonst. Dann wurde er aus der Schlange herausgewunken. Wieder war da die Schranke, nur wenige Meter von der Freiheit entfernt. Wieder waren diese Meter für ihn unüberwindbar. Er landete in einem Gefangenentransporter. Man brachte ihn irgendwohin, drei Tage saß er allein in einem Zimmer, niemand redete mit ihm. Drei endlose Tage der Angst und Ungewissheit. Dann wurde er in die Arkonastraße gebracht.

Endlose Verhöre, Schikanen

All das sieht Peter Bieber nun vor sich, als er in der ehemaligen Haftanstalt steht. Nichts erinnert heute mehr an damals. Nicht einmal die Glasbausteine sind geblieben. Heute haben die Zellen Fenster mit Gittern davor. Nur der kleine Innenhof, in dem er manchmal Ausgang hatte, ist noch weitgehend so geblieben, wie er ihn kannte. Und doch erinnert er sich jetzt, als er in einer Zelle steht, an das, was ihm nach seiner Festnahme noch bevorstand: fünf Jahre Haft. „Über Wasser gehalten, habe ich mich nur mit diesem einen Gedanken: Du bist zu Unrecht hier. Die hier reingehören, die stehen draußen.“ Immer wieder hat er sich das gesagt. „Am schlimmsten in dieser Zeit war die Niederträchtigkeit, mit der man behandelt wurde, und die Kälte, die einen umgab.“ Die endlosen Verhöre, die Schikanen. Manchmal hat er sich gewünscht, dass ihn jemand in den Arm nimmt. Doch nicht einmal seine Mutter durfte seine Hand nehmen, als sie ihn besuchte.

Nach 14 Monaten Untersuchungshaft kam das Urteil: Zehn Jahre für staatsfeindlichen Menschenhandel und Republikflucht. Die Haft verbrachte Peter Bieber in Brandenburg. Fünf lange Jahre, bis er freigekauft wurde. Harte Jahre, aber wenigstens nicht mehr so isoliert, wie in der Untersuchungshaft. Vielleicht hatte er deshalb gleich nach dem Mauerfall die Kraft gefunden, dieses Gefängnis zu besuchen. Seine Zelle sah noch fast so aus wie 15 Jahre zuvor. Ein unwirkliches Gefühl, aber vielleicht ein erster Schritt, die schreckliche Zeit zu verarbeiten. Mit dem Schreiben seines Buches und mit dem Besuch im Stasi-Untersuchungsgefängnis hat er vielleicht einen vorerst letzten Schritt gemacht. Nun kann Peter Bieber seine Geschichte erst einmal wieder ruhen lassen, denn er weiß, sie wird nicht vergessen werden.

Peter Bieber: Glasbausteine in Beton, Isensee Verlag, 120 Seiten, 12,90 Euro. Mehr unter www.peter-bieber-ddr-zeitzeuge.de