Stasi-Zentrale

Als DDR-Bürger Mielkes Machtzentrum stürmten

Vor 25 Jahren wurde die Stasi-Zentrale in Lichtenberg besetzt. Was die Demonstranten nicht wussten: Kurz war sie einem Bürgerkomitee übergeben worden. Christian Halbrock war dabei und erinnert sich.

Foto: Peter Kneffel / dpa

Für das „Neue Deutschland“ war die Sache klar: „Spätestens am Montag gegen 17 Uhr hat die Revolution in der DDR ihre Unschuld verloren. Frisst sie nun ihre Kinder?“ Das Blatt, lange Jahre die publizistische Speerspitze der SED, bezifferte in seiner Ausgabe vom 17. Januar 1990 die „Sachschäden, die durch Zerstörung und Diebstahl während der Besetzung des ehemaligen Amtes für Nationale Sicherheit entstanden“, auf eine Million Mark. Die Zahl hatte Generalmajor Dieter Winderlich, stellvertretender Innenminister und Chef der Volkspolizei, auf einer Pressekonferenz am Vortag genannt. Das Neue Forum, eine der DDR-Oppositionsgruppen, wies diese Zahl als stark überhöht zurück.

Einer, der bei der Erstürmung der früheren Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit am 15. Januar 1990 dabei war, ist Christian Halbrock. Er hatte sich seit den 80er-Jahren in kirchlichen Gruppen in der DDR engagiert, mittlerweile arbeitet der heute 51-Jährige in der Jahn-Behörde, also beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU). Halbrock, der 1983 nach Berlin gezogen war, fuhr am 15. Januar 1990 nach Lichtenberg. Zwei unterschiedliche Aufrufe zur „Kundgebung“ hatte es im Vorfeld gegeben. In diesen Tagen war bekannt geworden, wie gigantisch der Stasi-Apparat mit seinen rund 90.000 hauptamtlichen Mitarbeitern war. Die Demonstranten forderten seine endgültige Auflösung, während der DDR-Führung eine Umwandlung zu einer Art Verfassungsschutz vorschwebte. Einen neuen Namen hatte die Einrichtung bereits.

Angst vor Festnahmen

Weil es zwei Demonstrationen gab, versammelten sich die Menschen an diesem Montagnachmittag auch an zwei Orten: Vor dem Eingang an der Normannen- und dem an der Ruschestraße. Dort stand Halbrock mit vielen anderen vor einem verschlossenen Tor. Einzelne kletterten über die Absperrung, der Druck von der Straße stieg. Schließlich geschah etwas Überraschendes: Das Tor wurde geöffnet, die Demonstranten, die Angaben schwankten zwischen 2000 und 5000 Teilnehmer, strömten auf das Gelände. Kurze Zeit später unterbrach das DDR-Fernsehen das laufende Programm und sendete Aufrufe zur Besonnenheit. Der Runde Tisch, ein Gremium, in dem Vertreter der Regierung und der Oppositionsparteien saßen, tagte parallel zu den Ereignissen im Schloss Niederschönhausen in Pankow. Dort ging es um die landesweite Stasi-Auflösung, eigentlich sollte das Thema schon eine Woche vorher diskutiert werden, wurde aber auf Wunsch der Regierung verschoben. Als in Niederschönhausen gegen 17.45 Uhr die Nachricht von der Besetzung der früheren Stasi-Zentrale eintraf, wurde die Sitzung sofort unterbrochen. Oppositionsvertreter und Ministerpräsident Hans Modrow fuhren nach Lichtenberg, um mit den Demonstranten zu reden.

Es gibt verschiedene Theorien, warum die Menschen nicht zu Haus 1 liefen, dort residierte jahrzehntelang Stasi-Chef Erich Mielke, sondern zu Haus 18, einem vergleichsweise unwichtigen Gebäude, einem „Dienstleistungs- und Versorgungstrakt“, wie Halbrock erzählt. Es könnte an der mangelnden Ortskenntnis gelegen haben – in dieser Stasi-Anlage befanden sich etwa 3000 Verwaltungsräume. Oder daran, dass sich ehemalige Stasi-Mitarbeiter unter die Protestierenden gemischt hatten, um den Zug zu lenken. Oder bogen die Protestierenden vor Haus 1 ab, um sich mit den Demonstranten in der Normannenstraße zu vereinen? Denn Schutz, das war den Teilnehmern klar, gab es nur in der Gruppe. Halbrock erzählt davon, wie er später am Abend mit ein paar Personen andere Teile des riesigen Areals erkundete, immer auch von der Angst getrieben, dass sie in irgendeiner dunklen Ecke – das ganze Gelände war an diesem Abend nur schwach beleuchtet gewesen – festgenommen werden würden. Viele der Demonstranten aus der Bürgerbewegung hatten einschlägige Erfahrungen hinter sich. Auch Halbrock saß zweimal im Untersuchungsgefängnis an der Magdalenenstraße in Lichtenberg, eine Inhaftierung auf dem Stasi-Gelände „diente Ende der 80er-Jahre der Abschreckung“. Diese Rechnung der SED-Führung ging nicht auf.

Vergleichsweise spät besetzt

Was die Demonstranten an diesem Januartag 1990, lange Zeit vor SMS, Twitter und anderen modernen Kommunikationsformen, wohl nicht wussten: Bereits am Mittag war das „Objekt“ einem Bürgerkomitee übergeben worden, die Stasi-Mitarbeiter waren frühzeitig in den Feierabend geschickt worden. Eine Maßnahme der Deeskalation, die letztlich aufging, denn die Schäden hielten sich für eine Aktion dieser Dimension durchaus in Grenzen: durchstöberte Aktenordner, kaputte Scheiben, eingetretene Türen, beschädigte Möbel. Demonstranten nahmen ein paar Souvenirs mit: Produkte aus der Feinkostabteilung für die Stasi, ein Aushang vom „Roten Brett“, einen Wandteller mit Thälmann-Konterfei – Devotionalien, um später mal den Enkeln etwas aus der Stasi-Zentrale präsentieren zu können, wie Zeitzeuge Halbrock erzählt.

Warum aber wurde die Berliner Stasi-Zentrale vergleichsweise so spät besetzt? In den Bezirksstädten Erfurt, Leipzig und Rostock wurden entsprechende Einrichtungen bereits Anfang Dezember 1989 gestürmt. Christian Halbrock versucht das zu erklären. Er verweist auf das in sich geschlossene, abgeschottete Areal in Lichtenberg. Der Bezirk stand für „Stasi, Glatzen und Platte“, sagt er. Viele reduzieren Lichtenberg auch heute noch darauf. Und anders als in den Bezirksstädten residierte die Stasi in Berlin an keinem zentralen und damit symbolischen Ort wie der „Runden Ecke“ in Leipzig. Auch Verhöre hätten nicht so oft in der MfS-Zentrale stattgefunden, die Stasi nutze dafür gern Räume in Dienststellen der Polizei. Und schließlich, argumentiert Halbrock, gab es in Berlin, der Stadt des Mauerfalls, dem Ort, wo Ost und West unmittelbar zusammentrafen, in diesen Tagen eine ganz eigene zeitgeschichtliche Dynamik.

Man kann davon ausgehen, dass die MfS-Mitarbeiter die Zeit genutzt haben, um belastendes Material zu vernichten. Aber damit haben sie wohl schon vor dem 9. November, dem Tag der Grenzöffnung, begonnen. Denn nachdem die Staatsmacht die Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderen Städten nicht gewaltsam beendete, dürfte ihnen klar geworden sein, dass ihre Tage gezählt sind.