Es gab eine Zeit, in der war für Karl Max Einhäupl Weihnachten eine ziemlich überflüssige Angelegenheit. Zu kitschig, zu besinnlich. Da war er 18 Jahre alt. Und auch noch als junger Arzt in München übernahm er an Weihnachten freiwillig die Dienste, um ja nicht in die Verlegenheit zu kommen, feiern zu müssen. Und dann? „Dann wurde mein erster Sohn geboren“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Charité. Und auf einmal gab es nichts Schöneres, als die kindliche Vorfreude miterleben zu können. Die Spannung vor der verschlossenen Tür, hinter der die Geschenke lagen, das Schlüsselloch, das ein bisschen was preisgab, wenn die Eltern nicht zu Hause waren, der geschmückte Weihnachtsbaum und der feste Glaube an das Christkind. „Das ist alles verhaftet mit meiner eigenen Kindheit“, sagt er.
Es folgten ein zweiter und ein dritter Sohn und plötzlich feierte Karl Max Einhäupl wieder ein klassisches, früher hätte er wohl gesagt spießiges, Weihnachten, das jedes Jahr einem festen Ablauf folgt: „Am 23. schmücken wir den Baum. Am 24. trinken wir Tee und gehen in die Kirche. Dann darf schon niemand mehr in das Weihnachtszimmer.“ Nur er selbst, obwohl seine Kinder inzwischen zwischen 26 und 32 Jahre alt sind. Einhäupl ist der Weihnachtsengel der Familie, der die Kerzen am Baum entzündet und das Glöckchen läutet. „Dann singen wir gemeinsam ein paar Weihnachtslieder und manchmal, wenn es gerade passt, spielt jemand auf der Flöte dazu.“ Karl Max Einhäupl ist wieder Weihnachtsmensch geworden. Doch dem Chef der größten Universitätsklinik in Europa, dessen Tage häufig beginnen, wenn andere noch tief schlafen, bleibt wenig Zeit, sich einzustimmen. Jeden Tag fährt er auf dem Weg zur Charité am Weihnachtsmarkt vor dem Schloss Charlottenburg vorbei, und jeden Tag nimmt er sich vor: Morgen gehst du mit deiner Frau über den Weihnachtsmarkt und trinkst mit ihr einen Glühwein. „Aber morgen ist dann immer etwas anderes“, sagt der 67-Jährige. Eine Sitzung, eine Vorlesung, ein Interview.
Schwierige Plätzchenfrage
Trotzdem sagt er, Weihnachten sei eine Zeit, in der er versuche, ein wenig von der Arbeit zurückzutreten. Und er hat auch seine Aufgaben zu erfüllen in der alljährlichen Vorbereitung. Zum Beispiel die Wahl des perfekten Baums. Den kauft er zusammen mit seinem jüngsten Sohn. Doch perfekt ist relativ. Über diese Frage gibt es im Haus Einhäupl zwar keinen Streit, doch „aber einen Diskurs“. „Meine Frau behauptet jedes Jahr, der Baum sei zu hoch und meine Kinder bestehen darauf, dass der Baum ein großer sein muss.“ Um die Weihnachtsgans kümmert sich seine Frau. Doch die gibt es erst am ersten Weihnachtsfeiertag, gefüllt mit Äpfeln und Nüssen. Mit bayerischen Knödeln und Rotkraut. An Heiligabend isst die Familie kalt und dazu eine gute Brühe. Und Plätzchen? „In der Plätzchenfrage sind wir ziemlich blank“, sagt Einhäupl. „Weder meine Frau noch ich sind große Bäcker.“ Trotzdem gibt es immer diesen großen runden Teller, auf dem von den Dominosteinen bis zu den Zimtsternen alles liegt. „Eine Kalorienbombe, um die wir immer drum herum schleichen und denken: ‚Eigentlich solltest du das nicht tun‘ und es dann doch tun.“
Als Kind war es für Karl Max Einhäupl und seine Geschwister eine Freude, schon vor Heiligabend auf Geschenkejagd zu gehen. Doch die Mutter war schlau. Sie legte Köder aus und versteckte die eigentlichen Gaben so gut, dass sie bis zum 24. Dezember unentdeckt blieben. Und heute, kann man ihm mit Geschenken eine Freude machen? „Ja natürlich. Das Prinzip meiner Frau und mir ist, wir schenken uns etwas, was wir uns selbst nicht kaufen würden“, erklärt er. „Da hat es meine Frau auch nicht leicht, weil ich bei vielen Dingen ein sehr eigenwilliges Verständnis davon habe, wie sie zu sein haben.“ Aber um gerecht zu bleiben, auch seine Frau macht es ihm nicht leicht. „Es ist schwer herauszufinden, was sie sich wünscht. Aber dann ziehe ich los und finde eigentlich immer etwas, das gut ankommt.“
Ein Stück Kindheit
Mittlerweile wissen zwar alle, dass seine Existenz zumindest angezweifelt werden darf, trotzdem, zu den Einhäupls kommt das Christkind. Nicht der Weihnachtsmann. Das war schon in der Kindheit von Karl Max Einhäupl so. Und es hat lange gedauert, bis der kleine Karl hinter den Schmu gekommen ist. Auch als es wie ein Lauffeuer durch seine Volksschulklasse ging und man sich zuflüsterte‚ ‚das Christkind gibt es ja gar nicht‘, wollte er den Glauben daran nicht aufgeben. „Ich wollte einfach ans Christkind glauben.“ Auch der Nikolaus war für ihn eine sehr reale Gestalt, der in Bayern immer zusammen mit dem bösen Krampus kommt. Einhäupl erinnert sich an eine Szene irgendwann aus der Nachkriegszeit. „Vor dem Krampus hatten wir einen Höllenrespekt. Einmal hatte er einen Sack dabei, aus dem zwei Puppenbeine baumelten“, erzählt er. Angeblich habe sein Freund in dem Sack gesteckt, weil er etwas angestellt hatte. „Da habe ich mich aber mit dem Krampus angelegt, dass der meinen Freund wieder gehen lässt.“
Karl Max Einhäupl denkt gern an das Weihnachten seiner Kindheit zurück. Und auch seine Kinder hatten immer ein geborgenes Umfeld in diesen letzten Tagen des Jahres. Doch er weiß auch, dass das nicht selbstverständlich ist. „Es gibt viele Kinder, die nicht in den Genuss einer friedlichen Weihnachtszeit kommen – und ich meine das nicht theatralisch.“ Familien, in denen die Eltern streiten, in denen das Geld fehlt oder die vielen Sorgen ein unbeschwertes Fest unmöglich machen. Wo er kann, hilft Einhäupl, zum Beispiel mit der Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“, die Geschenkspenden an bedürftige Kinder weltweit verteilt. Auch in diesem Jahr spendete er wieder.
Vita: Der 1947 in München geborene Karl Max Einhäupl ist seit 2008 Vorstandsvorsitzender der Charité. Er studierte Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Von 2001 bis 2006 war Einhäupl Vorsitzender des Wissenschaftsrats und erhielt 2004 das Bundesverdienstkreuz. 2012 reiste Einhäupl als Teil eines internationalen Ärzteteams in die Ukraine um die inhaftierte ehemalige Regierungschefin Julia Timoschenko zu untersuchen.





