Denk’ ich an Weihnachten...

Sängerin Anna Prohaska - Singen, bis die Nachbarn klingeln

Für all das, was die Sopranistin Anna Prohaska an Weihnachten vorhat, ist das Fest eigentlich viel zu kurz. Das fängt schon beim „Putzen“ des Tannenbaums an.

Foto: Amin Akhtar

Manchmal überkommt sie die Weihnachtsstimmung mitten im Sommer. Dann hört sie Bach-Choräle oder die Cambridge Singers oder sie erhebt selbst ihre Stimme. „O Holy Night“ von Adolphe Adam, das ist ihr Lieblingslied. Klar, dass sie die Notenblätter auch zum Fototermin dabei hat. Musik zum Fest spielt für Anna Prohaska eine große Rolle. Das ist kein Wunder, schließlich ist das Singen ihr Beruf.

Die Liebe zur Musik teilt die Sopranistin mit ihrer Familie. Mutter, Vater, Bruder – alle sind ausgebildete Sänger und jeder besetzt ein anderes Stimmfach. Die Mutter ist inzwischen von Sopran auf Alt umgestiegen, der Bruder singt Tenor, der Vater Bariton. Da geht an Weihnachten musikalisch so einiges. Zu vorgerückter Stunde und mit einem gewissen Weinpegel, wenn die verfügbaren Weihnachts-CDs abgespielt sind und die bekannten Lieder gesungen sind, haben sie jedenfalls noch nicht genug. Dann schweifen sie auch mal vom Thema ab. „Das Perlenfischer-Duett gehört auf jeden Fall an Weihnachten bei uns dazu“, verrät Anna Prohaska. Und da macht es auch nichts, dass das Duett aus der gleichnamigen Oper von Georges Bizet eigentlich für Tenor und Bariton ist. In der Variante mit Sopran und Alt klingt es mindestens genauso gut, so der Familienkonsens.

Nur der Nachbarschaft macht das musikalische Treiben der Familie Prohaska irgendwann wohl doch zu schaffen. „Wenn wir zu doll schmettern, klingeln die Nachbarn schon mal an der Tür“, erzählt die Sängerin lachend und gibt zu, dass Mitternacht da wohl schon weit hinter ihnen liegt und der Lautstärkepegel von Stunde zu Stunde etwas gewachsen ist. In diesem Jahr wird es aber nichts mit dem gemeinsamen Schmettern, denn Anna Prohaska wird zum ersten Mal ohne ihre Eltern feiern und ihre Stimme schonen müssen.

„Gestrandete“ Künstlerin

Am ersten Weihnachtstag singt sie mittags das Solo in Gustav Mahlers vierter Sinfonie. Es ist ihr erster Auftritt im Concertgebouw in Amsterdam. Sie freut sich auf diese Premiere, auch wenn die nicht gerade auf Weihnachten hätte fallen müssen. Aber sie ahnt, dass es wohl auch nicht das letzte Mal sein wird, dass sie Heiligabend nicht zu Hause sein kann. Es ist ein Schicksal, das viele Künstler an Weihnachten teilen. Ihr Bruder, der als Opernsänger in Wien lebt, lädt schon seit Jahren an Heiligabend alle „gestrandeten“ Künstler zu sich ein. Also Sänger, die wegen eines Konzerts oder Opernauftritts in der Stadt sind und über die Feiertage nicht zu ihren Familien nach Hause fahren können. In diesem Jahr ist Anna Prohaska selbst so eine Gestrandete. Aber allein wird sie den Abend trotzdem nicht verbringen. Freunde aus Den Haag werden sie in Amsterdam besuchen und mit ihr essen gehen. Dabei wird es allerdings spartanisch zugehen: Kein Wein, kein Gesang und früh ins Bett. Aber dann.

Nach dem Konzert geht es sofort zum Flughafen und zurück nach Berlin. Da will sie keine Zeit verlieren, schließlich muss das Heiligabend-Programm nachgeholt werden. Denn Anna Prohaska verrät: „Ich bin ein Weihnachtsjunkie.“ Aber es gibt jemanden, der sie in ihrem Enthusiasmus noch übertrifft: „Meine Mutter, die ist dann wohl der Oberweihnachtsjunkie.“ Das fängt bereits beim Tannenbaumkauf auf. Bei der Mutter steigt schon Tage vor dem Fest die Unruhe, weil der Vater erst auf den letzten Drücker losgeht und sie Angst hat, dass es dann nur noch Krüppelkiefern gibt. Wenn dieser „Streit“ beginnt, weiß Anna Prohaska, dass Weihnachten nicht mehr weit ist. „Streit“, sagt sie und malt dazu Gänsefüßchen in die Luft. Denn natürlich ist das mehr Ritual als Streit, und natürlich gibt es jedes Jahr doch wieder ein schön gewachsenes Exemplar.

Dann geht es ans „Putzen“. So heißt es in Österreich, wenn der Baum geschmückt wird. Der Vater ist schließlich Österreicher. Und da beginnt auch schon der nächste Gänsefüßchenstreit: Der Vater mag es lieber schlicht, der Mutter kann es nicht genug Lametta sein. Schließlich ist sie Engländerin und in ihrem Heimatland fällt der Weihnachtsschmuck üppiger aus. Wer sich durchsetzt, ist klar: Im sonstigen Leben ist zwar der Vater Opernregisseur, aber bei der Oper Weihnachten führt die Mutter Regie. Sie hat auch eine weitere englische Tradition ins Haus gebracht: Nach der Bescherung fanden die Kinder früher immer noch ein Geschenk in einer Socke, die ans Bett gebunden war. In England kommt Santa Claus nämlich erst an Mitternacht ins Haus. Inzwischen ist diese Tradition bei den Prohaskas eingeschlafen, vielleicht auch weil sich die Geschenke verändert haben. „Heute schenken wir uns am liebsten gemeinsame Aktivitäten“, erzählt Anna Prohaska, zum Beispiel lädt sie ihre Eltern ein Wochenende in eine Stadt ein, in der sie gerade singt, oder sie besuchen zusammen ein Konzert.

„Unser leichtes Essen“

Musik, Geschenke, Tannenbaum – natürlich spielt auch das Essen eine große Rolle. An Heiligabend gibt es erst mal die berühmte Brokkoli-Cremesuppe der Mutter, danach Räucherfisch und schließlich Apple-Crumble. Anna Prohaska nennt das „unser leichtes Essen“ und muss darüber ein bisschen grinsen. Am ersten Weihnachtstag geht es aber tatsächlich mit Braten, Esskastanien, Rosenkohl und Kartoffelgratin noch üppiger zu. Die Sopranistin gerät ins Schwärmen, während sie vor einem Becher Tee mit Milch auf der Probebühne der Staatsoper im Schillertheater sitzt. Hinter ihr liegt eine Probe zum „Freischütz“, der im Januar Premiere feiert. So ein Teller Brokkoli-Suppe, der würde ihr jetzt gefallen. Aber dann nimmt sie das Notenblatt, stellt sich fürs Foto auf und legt los. Der Hunger scheint vergessen zu sein, als sie beginnt zu singen: „O Holy Night“. Jetzt sind es ja auch nur noch zwei Tage bis Weihnachten.

Vita: Der Grundstein ihrer Karriere wurde an der Hochschule für Musik Hanns Eisler gelegt. Mit 17 Jahren war Anna Prohaska in der Komischen Oper zu sehen, mit 23 Jahren trat sie erstmals in der Staatsoper Unter den Linden auf und ist dort heute festes Ensemblemitglied. Inzwischen hat die 31-jährige Sopranistin die großen Opernhäuser und Konzertsäle der Welt erobert. Zuletzt hat sie mit ihrem Album „Behind the Lines“ mit Soldatenliedern großen Erfolg gefeiert.

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