Denk’ ich an Weihnachten...

Antje Kapek und die Revolution unterm Tannenbaum

Der sechste Teil der Morgenpost-Adventsserie: Antje Kapek, Fraktionschefin der Grünen, kannte Weihnachten als Kind nur aus Erzählungen der Freunde. Dann plante sie den großen Weihnachts-Coup.

Foto: Amin Akhtar

Irgendwann, da war sie schon Mitte 20, hat Antje Kapek zusammen mit ihrer Schwester die familiäre Weihnachtsrevolution ausgerufen. „In meiner Kindheit waren die Feiertage eine Pflichtveranstaltung, denn meine Eltern konnten dem Ganzen nichts abgewinnen. Weihnachten war ihnen einfach zu kommerziell“, erzählt die Vorsitzende der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus.

Dabei lächelt die 38-Jährige auf ihrem Stuhl in den Fraktionsräumen verschmitzt – noch Jahre später ist ihr die Freude über den gelungenen Weihnachts-Coup anzumerken, mit dem sie ihre Eltern damals überrascht hat. Mit allem Drum und Dran, mit Keksen, Tannengrün und Festessen.

Neue Familientradition mit Mitte 20

In ihrer Kindheit musste sich Antje Kapek von Mitschülern viele Geschichten über geschmückte Weihnachtsbäume, Deko mit Lametta, Glitzerkugeln und großen Geschenken anhören. Und die He-Man-Figuren und Barbiepuppen angucken, die bei anderen Kindern unter dem Baum gelegen hatten. Exotische Geschichten waren das, denn bei den Kapeks gab es solche Dinge nicht.

Bis zur Weihnachtsrevolution der beiden Schwestern, die als Charmeoffensive daherkam. „Wir haben in unserer Kreuzberger Wohnung ein bisschen improvisiert, haben stundenlang Plätzchen gebacken und im Radio Weihnachtsmusik von Berliner DJs gehört“, erinnert sich die Fraktionschefin. Außerdem haben die Schwestern Tannenzweige zusammengebunden, kleine Geschenke besorgt und die zunächst skeptischen Eltern eingeladen.

Es wurde ein erinnerungswürdiges Weihnachtsfest, an dem viel gespielt, gelacht und geredet wurde. Am Ende waren alle begeistert, und eine Familientradition war begründet. Auf große Geschenke kommt es Antje Kapek allerdings noch heute nicht an, denn der Sinn des Festes ist für sie ein anderer: „Wir legen vor allem Wert darauf, etwas zusammen zu machen.“

Fondue oder Raclette als Festschmaus

Inzwischen hat Antje Kapek längst eine eigene Familie mit einem vierjährigen Sohn und einer einjährigen Tochter, aber Weihnachten wird auch weiter gemeinsam mit Eltern und Schwester gefeiert. Das Essen ist festlich: Fondue oder Raclette, das darf es an Heiligabend schon sein, um die Weihnachtsstimmung zu befördern.

Sonst steht meist ihr Mann am Herd, doch an Weihnachten kocht Antje Kapek richtig gern, wie sie sagt. Geblieben ist der Spirit, ist das, was in ihren Augen Weihnachten ausmacht: „Es ist ein Fest der Familie.“ Nachdenklich sieht sie bei diesen Worten aus, hält ihre Kaffeetasse ganz fest.

Schon die Adventszeit ist für die Politikerin eine Zeit der Vorfreude, weshalb sie zum Fototermin zwei Adventskalender-Päckchen in Nikolausform mitgebracht hat, die sie für ihre Kinder gebastelt hat. „Wir hängen im Advent eine Wäscheleine auf und befestigen die Päckchen daran“, sagt sie.

Süßigkeiten stehen bei ihr als Füllung weniger hoch im Kurs – hier hebt die Grünen-Politikerin zu einem kleinen Exkurs über die Folgen exzessiven Zuckerkonsums an – und kommen deshalb nur selten in den Kalender. Stattdessen finden die Kleinen häufiger Zubehör für die Kinderküche und den Kaufmannsladen in ihren Päckchen, denn damit spielen die beiden gerade besonders gerne.

Sinterklaas statt Nikolaus

Die Weihnachtszeit bietet für Antje Kapek und ihre Kinder gleich mehrfach Anlass zu feiern, und das hat damit zu tun, dass ihr Mann aus Holland stammt. Die Sinterklaas-Tradition hat in den Niederlanden ähnliche Popularität wie Weihnachten, weiß die Diplom-Geografin. Sinterklaas, übersetzt als Sankt Nikolaus, das ist eine an die historische Figur des Nikolaus von Myra angelehnte Gestalt, die in den Niederlanden am 5. Dezember gefeiert wird.

Am „Päckchenabend“ werden dort, so wie hierzulande vor dem Nikolaustag, Schuhe aufgestellt, in die Sinterklaas Geschenke steckt. Begleitet wird der Mann im roten Rock von seinem Helfer, dem Schwarzen Piet. Liebevoll erzählt Antje Kapek von dieser Tradition, die auch ihr wichtig geworden ist. Schließlich hat sie jahrelang in Holland gelebt, spricht fließend niederländisch und zieht ihre Kinder zweisprachig auf.

„Bei uns ist gerade alles voll mit Sinterklaas-Dekoration“, sagt sie. Sie backt Pfeffernüsse nach holländischem Rezept und verfolgt im Internet mit ihren Knirpsen jeden Abend das Sinterklaas-Journal. Auch ein Besuch bei den holländischen Verwandten steht jedes Jahr an. Erst nach dem 6. Dezember schaltet man im Hause Kapek in den Weihnachtsmodus um.

To-do-Liste und Kalender für die Organisation

Wenn sie über Weihnachten redet, wird die sonst eher vorsichtig auftretende Antje Kapek lebhaft. Richtig begeistert klingt ihre Lobeshymne auf Lebkuchen: „Ich liebe die kleinen gefüllten Herzen“, sagt sie. Und gerät ins Schwärmen, wenn sie von den Farben des Weihnachtsfestes spricht und von den Gerüchen, von Zimt und Anis.

Natürlich braucht es Zeit, Traditionen zu pflegen. Zeit, die eine Politikerin in der turbulenten Vorweihnachtszeit selten hat. Damit sie alles auf die Reihe bekommt, hat Antje Kapek deshalb schon vor Wochen einen Kalender und eine To-do-Liste angelegt. Wichtige Termine und Aufgaben wie Salzgebäck backen mit den Kindern sind darin vermerkt oder das Schmücken des Adventskranzes.

Was es an Heiligabend zu essen geben wird, weiß Antje Kapek noch nicht. Eines steht aber schon jetzt fest: Auch diesmal wird wieder viel gespielt werden. Welche Spiele, darüber wird basisdemokratisch entschieden. Auch das ist eine Familientradition.

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