Es gibt so gut wie kein Weihnachtsfest, an das Ulli Wegner sich erinnern kann, an dem er nicht zumindest stundenweise in einer Boxhalle war. In den letzten 30 Jahren auf jeden Fall nicht. Der Faszination, ja fast schon Liebe, die das heute so oft als uncool und zu kommerzialisiert beschriebene Fest in dem 72-Jährigen hervorruft, tat das aber keinen Abbruch. „Weihnachten ist etwas ganz Großes für mich. Viel größer als ein Geburtstag“, sagt Wegner, und seine Reibeisenstimme bekommt dabei einen ganz weichen Klang.
Einen Schluck Kaffee später folgt die Begründung: „Weihnachten lässt mich immer wieder nachdenklich werden. Weihnachten ist die Gelegenheit für mich, mir darüber klar zu werden, welch ein glückliches, schönes Leben ich haben darf. Und auch darüber nachzudenken, wo ich mal was helfen kann.“ Genießen, nachdenken, einordnen. Beispielsweise das eigene Glück. „Ich habe eine DDR-Biografie. Dazu gehört auch, dass ich einige Zeit in Gera bei der damaligen Bergbau-Gesellschaft Wismut unter Tage arbeiten musste. Es waren nur ein paar Monate. Aber ich habe Menschen gesehen, die in tausend Meter Tiefe auf dem Rücken liegend Uranerz abgebaut haben. Mit dem Presslufthammer in der Hand. Das prägt“, sagt Wegner und hält dann inne.
Im Grunde seines Herzens süchtig nach Harmonie
Der Mann, der einst die Verantwortung dafür übernommen hat, seinen Schützling Arthur Abraham acht Runden lang mit mehrfach gebrochenem Unterkiefer boxen zu lassen, der in der Vorbereitung auf eine Weltmeisterschaft die ihm anvertrauten Athleten bis an den Rand der Erschöpfung bringen muss, der mit wenigen Worten brutal hart kritisieren kann – allerdings auch mit wenigen Worten sensationell loben – ist im Grunde seines Herzens süchtig nach Harmonie.
„Harmonie“, so Wegner, „ist etwas, das mir Weihnachten als Fest schon als ganz kleiner Junge so begehrenswert gemacht hat. Alles war schön, alles war friedlich, alles war geborgen.“ Und Wegner legt Wert darauf, dass das „kindliche Glücklichsein“ sich ohne Geschenkeflut eingestellt hatte.
Ulli Wegner, Jahrgang 1942, in Stettin geboren, wuchs behütet, aber beileibe nicht begütert auf. Ein zehn Jahre älterer Bruder, eine gar zwanzig Jahre ältere Schwester. Seinen Vater beschreibt er als „sehr streng, sehr zielstrebig, sehr gerecht“. Die Mutter war „eine ganz Liebe“. Fünf Kilometer Fußweg täglich zur und von der Schule. Kühe hüten für die Nachbarn im mecklenburgischen Penkun, wo die Familie hingezogen war. Üppig ist anders.
Die Schlittschuhe waren ein Schatz für den Knirps
Natürlich sehnte auch der kleine Ulli die Weihnachtsbescherung herbei, nennt als das am stärksten in seiner Erinnerung verhaftete Geschenk seines bisherigen Lebens „ein paar nagelneue Schlittschuhe, obwohl meine Eltern vorher gesagt hatten, dass sie sich die nicht leisten könnten.“ Ein Schatz für einen Penkuner Knirps bei den vielen Wasserflächen, die den Ort umgeben haben. Aber Weihnachten war auch die Zeit der Märchenbücher. „Ich habe alles gelesen, was nur irgendwie greifbar war. Märchen waren und sind für mich etwas ganz Schönes.“ Etwas ganz Schönes wie auch Hühnersuppe. Wegner muss lachen und erzählt: „Meine Mutter hat zu Weihnachten und in den Tagen drum rum oft Hühnersuppe gemacht. Manchmal, weil sie viel zu tun hatte, auch auf Vorrat. Mein Bruder und ich haben sie einmal ausgelöffelt – heimlich.“ Mutter Wegner war not amused.
So viel zum Genuss. Und helfen? „Wir hatten zu Hause nicht viel. Aber in der Zeit nach dem Krieg gab es eben ziemlich oft Leute aus Berlin, die Lebensmittel eintauschen wollten oder besser mussten. Meine Mutter hat immer was gefunden, damit sie denen eine Freude machen konnte. Das war völlig unspektakulär, einfach selbstverständlich. Mein Vater hat das genauso gesehen“, blickt Wegner zurück. Er selbst engagiert sich für ein Reinickendorfer Kinderheim – auf der Party zu seinem 70. Geburtstag sammelte er rund 20.000 Euro ein – und auch bei der Obdachlosen-Weihnachtshilfe des Sängers Frank Zander.
Geborgen bei Schlagersängerin Andrea Berg
Sein Bezug zum Weihnachtsfest habe sich mit der Wende „allmählich verändert“, schlägt Wegner einen Bogen. Es sei jetzt aber nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders. „Die Wessis haben melancholischer, vielleicht auch tief empfundener gefeiert. Die DDR war nicht religiös geprägt, womit Weihnachten auch keine so hohe Priorität hatte. Wessis und Ossis hatten in den Weihnachtstagen ein jeweils anderes Wir-Gefühl“, lässt der Diplom-Sportlehrer und ehemalige Traktorenschlosser wissen und rückt dann mit einer kleinen Überraschung raus. „Ich war mit meiner Frau Margret 2011 bei der Sängerin Andrea Berg eingeladen. Und sie hat Weihnachtslieder gesungen. Ich hätte nie gedacht, dass mich das so anrühren würde. Ich habe mich rundum geborgen gefühlt, wie bei meinen Eltern in Penkun.“
Weihnachten im Hause Wegner geht im Übrigen nur deswegen stets glatt über die Bühne, „weil meine Frau einfach ein unheimliches Gespür und ein unheimliches Organisationstalent hat. Margret schmeißt den Laden, denn ich bin ja immer in der Halle“. Das wird auch 2014 so sein. Diesmal beginnt im Dezember die Vorbereitung auf den anstehenden Weltmeisterschaftskampf von Arthur Abraham, bei dem der 34-Jährige voraussichtlich am 21. Februar auf den Engländer Paul Smith trifft. Die nächste Nuss, um im weihnachtlichen Sprachgebrauch zu bleiben, für die Wegner der Nussknacker sein muss.
Und was wünscht sich jemand, den seine erfolgreichen Boxer zu einem wohlhabenden Mann gemacht haben? Wegner muss nicht lange nachdenken. „Frieden und Gesundheit, für mich und meine Familie. Also etwas, das man nicht kaufen kann – nur erhoffen.“





