Der Weihnachtsbaum wird auch in diesem Jahr wieder stehen, wo er immer gestanden hat – im Wohnzimmer vor der Tür zur Terrasse. Das ist so, seit Andrej Hermlin denken kann. Schließlich ist er in dem Haus an der Pankower Hermann-Hesse-Straße aufgewachsen, in dem er jetzt mit seiner Familie lebt. Früher hat er hier mit seinen Eltern Weihnachten gefeiert, jetzt lebt die Tradition mit seiner Frau Joyce und seinen beiden Kindern fort. Tochter Rachel ist elf, Sohn David 14 Jahre alt. Geschmückt wird der Baum bereits eine Woche vor dem Fest, damit sie alle länger etwas davon haben.
Weihnachten – Andrej Hermlin liebt dieses Fest. Als Kind ist er regelrecht versessen darauf, die Geschenke, die seine Eltern für ihn gekauft haben, schon vor der Bescherung zu finden. Es gelingt ihm nicht. Jedes Jahr trifft er sich kurz vor Weihnachten mit seiner Freundin Sybille, wenn die Eltern nicht zu Hause sind. Gemeinsam durchsuchen sie dann das ganze Haus. Systematisch, vom Boden bis zum Keller. „Wir haben das Haus auf den Kopf gestellt“, erinnert er sich. „Ohne Erfolg.“
Nur einmal, da ist alles anders. Andrej und Sybille sind zwölf Jahre alt. Sie beschließen, ihre Suche auf das Schlafzimmer von Andrejs Eltern auszuweiten. Dieser Raum ist für die Kinder eigentlich tabu. Im Sekretär seiner Mutter wird der Junge fündig. Er entdeckt eine große Batterie. So eine hat er noch nie gesehen. Sie ist etwa 20 mal so groß wie eine normale Batterie. Außerdem findet er ein metallisches Gefäß. „Racing Fuel“ steht darauf geschrieben. Die Kinder können damit nichts anfangen. Sie schlagen im Wörterbuch nach. „Rennöl“, was könnte das wohl bedeuten?
Das Flugzeug funktioniert nicht
Andrej Hermlin muss noch heute schmunzeln, wenn er sich an diese Entdeckung erinnert. „Bis kurz vor der Bescherung haben wir gegrübelt, was das wohl für ein Geschenk ist“, sagt er. Am Heiligabend ist sein Vater dann sehr nervös. Andrej beobachtet durch das Wohnzimmerfenster, wie er in der Garage rumort und schließlich mit einem großen Karton in den Händen auf das Haus zukommt. Er kann sich zwar immer noch nicht vorstellen, was da wohl drin sein könnte. Dafür wird ihm schlagartig klar, dass die Eltern die Garage als Versteck für seine Weihnachtsgeschenke genutzt haben. Er ärgert sich, dass er nie auf die Idee gekommen ist, dort zu suchen. Rachel und David lachen über die Weihnachtsgeschichte ihres Vaters. Sie sind längst nicht so neugierig. „Und sie wünschen sich auch gar nicht besonders viel“, sagt Hermlin.
David sagt, dass er vieles habe, worüber er sich freuen kann. Weihnachten sei einfach schön, weil sie als Familie zusammen sind und auch die Oma dabei ist. „Es gibt was Leckeres zu essen und wir machen Musik.“ Rachel nickt. „David überrascht uns oft mit einem besonderen Song“, sagt sie. Doch zurück zur Geschichte des Vaters: Endlich ist Bescherung. Andrej stürzt sich auf den Karton aus der Garage und packt ein Modellflugzeug aus. Sein Vater hat als Kind von so einem Flugzeug geträumt, aber nie eins bekommen. Jetzt schenkt er es seinem Sohn. Das Ding ist fast einen Meter lang. Es hat einen Benzinmotor. Vater und Sohn versuchen, es anzulassen. Der Lärm ist groß. Der Luftzug des Propellers sorgt dafür, dass die Kerzen am Weihnachtsbaum ausgehen und alles, was sich in der Nähe befindet, durch die Gegend fliegt. Die Mutter ist entsetzt. Sie sollen sofort aufhören damit und es später draußen versuchen, ruft sie in den Motorenlärm.
Doch daraus wird nichts. Der Vater hat keine Zeit mehr. Einige Tage nach Weihnachten versucht Andrej dann zusammen mit einem Freund, das Flugzeug zu starten. Doch irgendetwas läuft schief, der Motor geht kaputt.
Seinem Vater erzählt er nichts davon und tauscht die Maschine einige Wochen später bei seinem Freund Ulf gegen eine Tüte seiner Lieblingsbonbons ein. Dass der Motor durchgebrannt ist, sagt er Ulf nicht. Irgendwann bringt der das Ding in den Keller, nach einigen Jahren ist es verschwunden. „Mein Vater hat das nie erfahren“, sagt Andrej Hermlin. Nicht ohne Stolz zeigt er uns dann viele kleine und größere Modellflugzeuge und Modellautos. In seinem Arbeitszimmer nehmen sie ein ganzes Regal ein. Das Weihnachtsgeschenk von damals hat ganz offensichtlich eine Leidenschaft in ihm geweckt.
„Das schönste Geschenk“
Heute ist es seine Frau, die ihn zu Weihnachten mit solchen Geschenken überrascht. Eines dieser Modelle liebt Hermlin besonders. Es ist die Nachbildung eines Auto aus den 30er-Jahren. Es ist aus Blech, hergestellt in einer kleinen Manufaktur. Handgefertigt. „Es ist das schönste Geschenk, was ich in den vergangenen Jahren bekommen habe“, sagt Hermlin. Dabei strahlt er wie ein kleiner Junge. Hermlins feiern den Heiligen Abend ganz in Familie. So kennt es Hermlin aus seiner Kindheit. Tradition hat auch das Essen. Es gibt Pute. „Unsere Haushälterin Gretel hat früher immer den Braten gemacht“, sagt Hermlin. Inzwischen ist seine Frau Joyce dafür zuständig . „Sie macht das wunderbar. Ihre Pute schmeckt mir sogar noch besser als die von Gretel.“
Joyce lacht. Sie stammt aus Kenia und musste sich an das deutsche Weihnachtsfest erst gewöhnen: In der Kirche ist es kalt. Die Weihnachtslieder sind bei weitem nicht so fröhlich wie die, die sie zu Hause singen. Auch das Essen ist anders. Mit all dem hat sie sich aber längst abgefunden und für die Pute sogar eine eigene Füllung kreiert.
Bescherung ist bei Hermlins am späten Nachmittag. Andrej Hermlin hofft auf ein neues Modellauto. „Es darf auch ein Flugzeug sein“, sagt er. Später singen sie dann zusammen – nur fröhliche Lieder, wie zu Hause bei Joyce in Kenia.




