Start-ups

Mit dem Boom kommen die Anwälte nach Berlin

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Jürgen Stüber
Endlich in Berlin: Greenberg-Traurig-Vorstandschef Richard Rosenbaum, Peter Schorling (Partner) und Christian Schede (Managing Director) im neuen Büro

Endlich in Berlin: Greenberg-Traurig-Vorstandschef Richard Rosenbaum, Peter Schorling (Partner) und Christian Schede (Managing Director) im neuen Büro

Foto: Michael Fahrig/Berlin / BM

Die US-Sozietät Greenberg Traurig eröffnet ein Büro am Potsdamer Platz. Das Immobiliengeschäft und Start-ups locken.

Berlin.  Die Transaktionsrekorde auf dem Immobilienmarkt der Hauptstadt und ihrer digitalen Wirtschaft locken Anwälte an. Jetzt wagt sich die mit mehr als 1700 Anwälten drittgrößte US-Sozietät Greenberg Traurig (GT) nach Berlin. Das Unternehmen hat am Potsdamer Platz 1 eine Niederlassung eröffnet, in der 55 Juristen arbeiten werden. Sie werden sich hauptsächlich mit Unternehmens- und Immobilienverkäufen beschäftigen.

Richard Rosenbaum hat den deutschen Markt vor der Eröffnung der eigenen Niederlassung mehr als zehn Jahre lang genau beobachtet. „Deutschland ist ein sehr komplizierter Markt, der sich im Laufe der Jahre auch stark verändert hat“, sagt der Vorstandsvorsitzende von GT. Es sei ihm nicht darum gegangen, schnell ein paar Profitcenter hochzuziehen. „Der größte Fehler wäre gewesen, mit den falschen Partnern zusammenzuarbeiten.“

Die richtigen hat er nun in den ehemaligen Anwälten der Berliner Niederlassung der Sozietät Olswang gefunden, einem britischen Unternehmen mit Sitz in London. Wie es heißt, hatten sie eine neue Sozietät gesucht, nachdem es bei Olswang zu einem Strategiewechsel gekommen war und die Juristen bessere Wachstumschancen anderswo gesehen hatten. Alle 55 ehemaligen Olswang-Anwälte suchten deshalb eine neue Firma.

„Berlin ist eines der Zentren für Business, Technologie, Kultur und Weltpolitik. Die Stadt zeichnet sich durch einen Unternehmergeist aus, den ich weltweit nirgendwo so intensiv gespürt habe wie hier“, sagt Rosenbaum und klingt wie ein Vertreter für die Vermarktung der Hauptstadt. Im Fokus der neuen Kanzlei steht die Berliner Start-up-Szene, die immer mehr Wagniskapital anzieht und auf globale Märkte strebt. „Sie hat sich in den vergangenen fünf Jahren signifikant verändert und wird in den nächsten Jahren reifen“, sagt Peter Schorling, Leiter der deutschen Corporate-Praxis von GT Germany. „Wenn diese Unternehmen ihre nächste Entwicklungsstufe erreichen und internationalisieren, werden wir sie mit unserem Team bei der globalen Expansion beraten.“

„Es ist ein sehr starkes Signal für Berlin, dass die drittgrößte Kanzlei der USA diese Stadt als Standort wählt – und nicht wie gewöhnlich Frankfurt oder München“, sagt Christian Schede, Managing Partner bei GT Germany. Das sei ein Signal für Berlin als Wirtschaftsstandort. „GT hat verstanden, dass in Berlin die Zukunft Deutschlands entsteht. Wir sind sehr stolz, dass wir da an vorderster Front stehen.“

Und jetzt Deutschland: Arbeiten im wichtigsten Markt Europas

Nicht nur in der digitalen Wirtschaft sieht Rosenbaum einen Markt. „Ich habe als Immobilienanwalt begonnen“, sagt er. „Inzwischen sind wir amerikaweit die anerkannte Nummer eins unter den Wirtschaftskanzleien für Immobilieninvestments.“ Von Miami aus expandierte GT nach New York, dem für Juristen wohl schwierigsten und konkurrenzträchtigsten Markt der Welt. „Danach wollten wir erstmal in weiteren wichtigen US-Märkten wachsen“, sagt Rosenbaum. Die Firma expandierte in Chicago, Texas und Kalifornien. Das nahm einige Jahre in Anspruch.

Dann hat sich GT andere Länder angesehen. Eine Schlüsselfunktion hatte da London. „2009 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise und der Krise der Wirtschaftskanzleien haben wir in London eröffnet. Vor sieben Jahren sind wir nach China gegangen mit 22 Anwälten – darunter 19 Frauen.“ China sei wichtig, aber dort müsse man vorsichtig sein, sagt Rosenbaum.

Und jetzt also die Bundesrepublik. „Deutschland war immer schon der wichtigste Markt in Europa“, sagt der GT-Vorstandsvorsitzende. Ein weiteres Geschäftsfeld sind Transaktionen im Bereich der Medien- und Entertainment-Industrie.

Technische Innovation und Globalisierung – das ist für Rosenbaum die Zukunft. „Wenn die Politiker das nicht vermasseln, und Business, Kreativität und Innovation sich entwickeln können, dann verlieren nationale Grenzen an Bedeutung.“ Seine Vision sind globale urbane Zentren, die durch Innovation und Investments miteinander verbunden sind. „Berlin ist einer dieser Orte. Das ist ein Gefühl, das man sonst nur in Tel Aviv, im Silicon Valley und in Austin (Texas) hat“, sagt Rosenbaum.

Teil der Unternehmenskultur bei GT ist die gesellschaftliche Verantwortung. Mehr als sieben Millionen Dollar (6,2 Millionen Euro) hat die Sozietät an lokale karitative Projekte gespendet. „Es geht darum, Frauen und Kinder vor Missbrauch zu schützen und Menschen auf der Flucht zu helfen“, sagt der Unternehmenschef. Anwälte vertreten auch kostenlos Mandanten, die sich keinen Anwalt leisten können. „Wir verstehen uns als Teil der Gesellschaft.“ Übrigens auch in Wedding, wo die Kanzlei die Quinoa-Integrationsschule für sozial benachteiligte Jugendliche unterstützt.