Sociomantic

Warum Briten 200 Millionen Dollar für Berliner Start-up zahlen

Eine britische Firmengruppe soll bis zu 200 Millionen Dollar für das Berliner Start-up Sociomantic bezahlt haben. Branchenexperten sehen in dem Verkauf ein positives Zeichen für die Start-up-Szene.

Foto: sociomantic

Die Berliner Internetplattform Sociomantic soll für 175 bis 200 Millionen US-Dollar (126 bis 144 Millionen Euro) verkauft worden sein. Das berichten Branchenblogs. Das Unternehmen wollte die Nachricht am Montag nicht kommentiere, dementierte sie aber auch nicht.

Die Berichte lösten eine lebhafte Diskussion aus – zuletzt auch über die Frage, ob das Unternehmen zu billig verkauft worden sei. Sociomantic ist ein Spezialist für Anzeigenvermarktung im Internet. Bei dem Käufer handelt es sich dem Branchenblog Business Insider zufolgte um das Marktforschungsunternehmen Dunnhumby aus London, eine Tochter der britischen Supermarktkette Tesco.

Sociomantic wurde 2009 von Thomas Nicolai, Thomas Brandhoff und Lars Kirchhoff in Berlin gegründet. Inzwischen hat das Unternehmen 200 Mitarbeitern in 16 Büros weltweit. Chef ist Jason Kelly, den die Gründer im September 2012 bei Google abgeworben haben. Im Jahr 2012 machte das Unternehmen 100 Millionen Dollar Umsatz.

Profitabel von Anfang an

Sociomantic ist eines der wenigen Start-ups, die aus eigener Kraft und ohne Investorenkapital zur aktuellen Größe gewachsen sind. Voraussetzung dafür war neben dem unternehmerischen Ehrgeiz der Gründer das nachhaltige Geschäftsmodell. Das Unternehmens wirtschaftete eigenen Angaben zufolge von Anfang an profitabel. Sociomantic löste das Problem vieler Marken, Werbeanzeigen im Internet möglichst wirkungsvoll zu platzieren.

Dazu haben die Berliner Internet-Spezialisten die Echtzeit-Auktion von Werbeplätzen im Netz (Fachjargon: Real Time Bidding) perfektioniert. Sie haben Werkzeuge entwickelt, mit denen Marken im Netz in Sekundenbruchteilen mit niedrigst möglichen Kosten die bestmögliche Auswahl von Nutzern über Bannerwerbung auf Webseiten finden können. Sociomantic ist es ferner gelungen, diese Idee auf 60 Märkten zu etablieren – vor allem in den USA.

Perspektive für Start-up-Szene

Der Erfolg von Sociomantic ist ein Ereignis, auf das die Berliner Start-up-Szene lange gewartet hat. Für Nicolas Zimmer, profunder Kenner der Berliner Gründerszene und Chef der Technologiestiftung, bedeutet der Verkauf (Fachjargon: Exit) zweierlei: „Er zeigt Berliner Start-ups eine klare internationale Exitperspektive“, sagt Zimmer.

Zum anderen handele es sich angesichts des Sociomantic-Umsatzes um einen soliden Deal. „Anders als in den USA werden keine großen Erwartungen (Hypes) verkauft, sondern ein funktionierendes Geschäftsmodell.“ Das könne und werde auch langfristig zu einem stabilen Wachstum in Berlin führen. Der Sociomantic-Verkauf sei sicher erst der Anfang, zeigt sich Zimmer optimistisch.

Kandidat für einen Börsengang

Auch andere Experten äußern sich positiv. Christian Vollmann, ein Urgestein aus dem Imperium der Samwer-Brüder, Gründer der Dating-Portals iLove und des Videoportals myVideo, schrieb auf Twitter: „Schade, ich hatte @sociomantic als IPO-Kandidat aus Berlin gesehen...“ IPO ist die Abkürzung für Börsengang, eine weitere Hoffnung der Berliner Szene.

Und Martin Sinner, Gründer der Berliner Preisvergleichsplattform Idealo, twittert: „Dafür dürfte mich so mancher VC fies finden. Gratulation ans Sociomantic Team! Gibts Provision für mich?“ Sinner hatte den Sociomantic-Gründern vor Jahren geraten, ihr Unternehmen ohne fremde Hilfe durch Wagniskapitalgeber (VC) aufzubauen.

Dritter Exit seit Jahresbeginn

Der Business Angel Stefan Glänzer, der auch einige Berliner Start-ups (EyeEm, Readmill) investiert hat, sieht ebenfalls auf Twitter in dem Verkauf „Eine großartige Nachricht. Ermutigend, dass die Käufer aus Europa sind“.

Der Sociomantic-Verkauf ist bereits der dritte größere Exit von Technologiefirmen in diesem Jahr nach dem Verkauf des Spieleentwicklers Aeria Games und des Online-Werbenetzwerks Plista.