Aufgabenplaner

19 Millionen Dollar für Start-up 6Wunderkinder

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Jürgen Stüber

Foto: Jürgen Stüber

Apple, Google, Yahoo – In diese Firmen hat der Risikokapitalgeber Sequoia investiert. Und jetzt in 6Wunderkinder. Ein gutes Zeichen für Berlin und das Start-up, das jetzt den US-Markt erobern will.

Christian Reber gehört nicht zu den Leuten, die kleine Brötchen backen. Er ist ein Freund des großen Wortes. „100 Millionen Nutzer“, seien das Ziel seines Start-ups 6Wunderkinder, sagt er. Binnen eines Jahres sei die Nutzung der Plattform um 476 Prozent gestiegen.

Bei der Internetplattform handelt es sich um einen Planer für tägliche Aufgaben, der für Einzelpersonen kostenfrei erhältlich ist. Die Pro-Version für Teamarbeiter kostet monatlich 4,49 Euro. Darüber hinaus gibt es eine Pro-Version für Unternehmen.

Angestrebte 100 Millionen Nutzer – das sind ungefähr halb so viel, wie der Kurznachrichtendienst Twitter in den sieben Jahren seines Bestehens bis zum Börsengang angesammelt hat. Sechs Millionen Nutzer hat Rebers ToDo-App bereits – 50.000 davon Geschäftskunden. Der Weg ist also noch weit, aber solche Worte werden von Investoren gerne gehört. Und deshalb spricht Reber sie aus.

Erstes Investmentment in Deutschland

Doch der Weg zu den hundert Millionen ist nicht mehr so steinig wie noch vor einigen Tagen. Reber hat 19 Millionen US-Dollar auf seinem Konto – Ergebnis der gerade abgeschlossenen Finanzierungsrunde. Und er hat einen prominenten Partner: Sequoia, einer der prominentesten Riskokapitalgeber aus dem Silicon Valley. Sequoia hat jetzt – gemeinsam mit den Investoren Earlybird und Atomico – zum ersten Mal Geld in ein deutsches Start-up gesteckt.

Gewöhnlich geben die Investoren Unternehmen wie Google, Apple und Paypal Kapital – aber nicht auf eine Firma, die bis vor kurzem noch als eine Hipsterbude aus Mitte galt. Unternehmen, in die Sequoia investiert hat, erwirtschaften nach Angaben des Unternehmens 19 Prozent des Wertes der US-Börse Nasdaq.

Berlin im internationalen Folus

Der Einstieg von Sequoia in die Berliner Start-up-Szene bedeutet zweierlei: Erstens ist er ein Zeichen für die Reife des Berliner Ecosystems, in dem bislang im besten Fall Investoren aus der zweiten Reihe der globalen Venture-Capital-Liga investierten. Zweitens sagt es etwas über den Wandel der Berliner Gründerszene im Allgemeinen und Wunderlist im Besonderen aus.

Zunächst zum Eco-System: Die Berliner Start-up-Szene gerät zunehmend in den internationalen Fokus. Das zeigt nicht zuletzt die Initiative des Branchenportals TechCrunch, das Ende Oktober ausgerechnet Berlin als Standort seiner Technologiekonferenz „Disrupt Europe“ wählte – nicht London, nicht Stockholm und auch nicht Tel Aviv.

Reiseziel der Internet-Prominenz

Ein weiteres Indiz ist die Anwesenheit prominenter Repräsentanten der Innovationsbranche in der Stadt. Vergangene Woche Microsoft-Chef Steve Ballmer, diese Woche Bill Gates, Gründer eben dieses Unternehmens, Investor eines zweistelligen Millionenbetrags in das Berliner Start-up Researchgate und ansonsten Philanthop mit weltpolitischen Ambitionen.

Berlin wird für die erste Liga der IT-Branche salonfähig, was vor allem mit dem Wachstum des Ecosystems zu tun hat, mit der Ernsthaftigkeit und der Entschlossenheit seiner Gründer und der Reputation ihrer Unternehmen. Es scheint, als habe die Szene ihre Pubertät hinter sich gelassen – die Zeit, als es Hollywood-Größen wie Ashton Kutcher gefiel, ein paar Millionen Dollar in Berlin fallen zu lassen und die Szene damit in monatelange Ekstase zu versetzen.

Die Hipster werden erwachsen

Kutcher hatte in die Bewertungsplattform Amen investiert, eine gute Idee mit schickem Design, aber einer niedrigen Akzeptanz. Kutcher hatte vielleicht gedacht, Berlin sei New York oder Los Angeles. Dort wäre das Amen-Konzept vielleicht aufgegangen. Doch sein Portfoliounternehmen war zu jung, um diesen Markt erfolgreich betreten zu können.

Genau das ist der Plan der letzten verbliebenen Unternehmen mit Hipster-Image in Berlin – SoundCloud und 6Wunderkinder. Der Audiostreamingdienst hatte bereits im Mai die Parole „Go West“ ausgegeben und die Eröffnung eines Büros in New York angekündigt – in der Nähe zu unseren Freunden von der Bloggerplattform Tumblr, wie es damals hieß. Und jetzt zieht 6Wunderkinder nach und startet von Palo Alto aus die Amerika-Offensive.

US-Markt gilt als unverzichtbar

Beide Start-ups wissen, dass sie nur mit einem stabilen Standbein in den USA überleben und wachsen können – Skalierung heißt das in der Start-up-Sprache. „Denn die Amerikaner sind eher bereits, für eine Leistung Geld zu bezahlen“, sagt Reber. Die Deutschen sind tendenziell geizig und laborieren mit den Basis-Accounts rum, ehe sie Geld für Pro-Versionen bezahlen. Ein weiterer Grund ist die Größe des Marktes.

„Deutschland ist unser zweitwichtigster Markt“, sagt der Berliner Gründer Reber. Das beste Geschäft macht er demzufolge längst in den USA. „30 Prozent unserer Bezahl-Kunden haben wie in den Vereinigten Staaten“, sagt er. In Deutschland ist es anscheinend ungleich schwerer, Kunden zum Abonnement einer App wie Wunderlist zu überzeugen – und sei sie noch so trendy gestaltet, was man Wunderlist nicht absprechen kann.

Strategische Allianz mit Dropbox und Evernote

Doch nicht nur das: Reber sieht sein Unternehmen auch in einer möglichen strategischen Allianz mit erfolgreichen Plattformen in den USA – mit Dropbox auf der einen und Evernote auf der anderen Seite – beides übrigens Unternehmen, in die ebenfalls Sequoia investiert hat. Das sei sogar ein Argument für diesen Investor gewesen, sagt er.

Reber sieht Wunderlist, Dropbox und Evernote nicht als Konkurrenten. Im Gegenteil: „Meine Daten speichere ich in der Dropbox, Notizen in Konferenzen mache ich auf Evernote. Und mein Unternehmen führe ich mit Wunderlist“, sagt er. Er findet, dass sich die drei Angebote gut ergänzen. Was die beiden US-Unternehmen von dieser Umarmung halten, ist nicht überliefert.

6Wunderkinder sieht sich als globales Unternehmen

6Wunderkinder wird jetzt jedenfalls mit Hochdruck internationalisieren. „Wir sehen uns als globales Unternehmen“, sagt Reber. Eine neue Version der Multiplattform-App, Wunderlist3, solle im ersten Quartal 2014 auf den Markt kommen. Zwischenzeitlich will das Start-up in die Factory umziehen – genau wie sein Seelenverwandter SoundCloud – wenn dort endlich die Bauarbeiten ein Ende finden. Eines Tages könnte dann die Factory als die Schmiede der Berliner Consumer-Start-ups in die Branchenhistorie eingehen, denen die globale Skalierung gelungen ist.