Projekt Zukunft

Wie junge Gründer zum neuen Berliner Mittelstand werden

Heute Start-up, morgen Mittelstand. Was dieser Wandel für die etablierten und die jungen Unternehmen bedeutet, sagten Experten beim Zukunftsforum der Berliner Bank und der Berliner Morgenpost.

Foto: Massimo Rodari

"Schnell wachsende Unternehmen: Der neue Mittelstand" – Unter diesem Thema stand der Zukunftsdialog, zu dem die Berliner Bank und die Berliner Morgenpost ins Verlagshaus Axel Springer eingeladen hatten. Mehr als 140 Gäste, überwiegend mittelständische Unternehmer, diskutierten mit Experten.

"Die Zukunft des Standortes Berlin hängt von der Fähigkeit ab, aus Wissen und Kreativität Arbeitsplätze zu schaffen", sagte Stefanie Salata, die neue Vorsitzende der Geschäftsleitung der Berliner Bank, in ihrem Einführungsvortrag. Die Stadt habe dafür angesichts einer Vielzahl von Hochschulen und Forschungseinrichtungen die besten Voraussetzungen.

Als Beleg, dass dieser Mechanismus funktioniert, nannte sie den Verkauf des Berliner Internet-Musikdienstes Aupeo im April dieses Jahres an den Elektronikkonzern Panasonic. Mit Unterstützung des Fraunhofer-Instituts hatte Aupeo eine Technologie für Musikstreaming entwickelt, die überträgt. Panasonic zahlte für das Start-up und seine zukunftsweisende Hochtechnologie einen zweistelligen Millionenbetrag.

Industrie als Wachstumsmotor

Als ein weiteres Beispiel für diesen Wissentransfer beschrieb Salata Anstrengungen von Industrieunternehmen wie dem Chemiekonzern Bayer, der in Berlin sein "CoLaborator"-Programm gestartet hat – eine Art Brutkasten für junge Firmen. Bayer bietet demnächst zehn wissenschaftlichen Start-ups Technik und Infrastruktur für ihre Unternehmensgründung an.

Als weitere Voraussetzung für den Erfolg schnell wachsender Unternehmen nannte die Keynote-Sprecherin das gut ausgebildete Management, qualifizierte Arbeitnehmer und flexible Arbeitsmodelle. "Bedingt durch die ungeheure Dynamik des Marktes geht es heute mehr denn je um eine geistige Beweglichkeit beim Managen von Innovationen und Wissen", sagte die Bankerin. Als weiteren Wachstumsmotor machte sie die Internationalisierung der Geschäftsmodelle aus.

Gründerszene braucht frisches Kapital

Sie bescheinigte jungen Berliner Unternehmern ein großes Engagement beim Aufbau großer und globaler Unternehmen und nannte als Beispiel den Verkauf des erst vor 18 Monaten gegründeten Online-Reifenhändlers Tirendo für 50 Millionen Euro. "Damit haben zum zweiten Mal in diesem Jahr junge Berliner Start-up-Unternehmen für einen zweistelligen Millionenbetrag den Besitzer gewechselt", bilanzierte Salata.

Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) forderte in der anschließenden Podiumsdiskussion, die Hürden für Unternehmer zu senken. "Wir müssen Risikokapital nach Berlin bringen. Bei der Seed-Finanzierung von Start-ups klappt das schon. Aber über 1,5 Millionen Euro wird das schwierig", sagte die Senatorin. Als Voraussetzung nannte sie bessere steuerliche Bedingungen. "Ich hoffe auf den Mut der nächsten Bundesregierung", sagte Yzer. In der Vergangenheit sei eine neue Unternehmensbesteuerung im Bundesrat gescheitert.

Freiräume für kreative Ideen schaffen

Nicolas Zimmer, der frühere Staatssekretär der Senatswirtschaftsverwaltung und heutige Vorstandsvorsitzende der Technologiestiftung Berlin, lenkte den Blick auf das soziokulturelle Klima der Stadt. Er warf die Frage in den Raum, wo neue Freiräume für die Entwicklung kreativer Ideen geschaffen werden können. Als weitere Voraussetzung nannte er die Notwendigkeit, "Unternehmertum in die DNA der Gesellschaft einzupflanzen".

In dieser Frage stimmt ihm Sven Ripsas zu, der an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin Entrepreneurship lehrt. "Hier ist Berlin noch weit vom Silicon Valley entfernt", sagte der Professor. Wie zuvor schon die Wirtschaftssenatorin beklagte auch Ripsas die lückenhafte Wertschöpfungskette für schnell wachsende Unternehmen. "Start-ups im Silicon Valley erhalten sieben Mal höhere Finanzierungen als Berliner Gründer", zitierte Ripsas aus einer Studie. "Wir brauchen einen Kapitalmarkt im großen Stil", sagte er.

Plädoyer für eine neue Willkommenskultur

Hermann Waldner, Mittelstands-Preisträger 2012 und Gründer der Internetplattform taxi.eu, beklagte das niedrige Ansehen von Unternehmern in Berlin: "Man fühlte sich hier nicht gut aufgenommen, wenn man Arbeitsplätze schaffen wollte." Waldner ist nicht nur Erfinder einer Plattform, mit der 42.000 Taxis in acht europäischen Ländern und 60 Städten gebucht werden können, sondern ferner Geschäftsführer von TaxiFunk in Berlin. Auch die Wirtschaftssenatorin sagte: "Die Wertschätzung für Unternehmer in Berlin fehlt. Wir brauchen eine neue Willkommenskultur."

Der Informatiker Dirk Sommerfeld, Vorstandsmitglied der azeti AG, einem global agierenden Hersteller von Monitoring-Systemen, bezeichnete Berlin als attraktiven Standort, um Mitarbeiter zu finden. Von der Berliner Gründerszene ist er begeistert. "Der Erfahrungsaustausch zwischen den Start-ups ist sensationell", sagte er.

Netzwerk von Start-ups und Mittelstand gefordert

Dass Berlin sich auf solchen Lorbeeren nicht ausruhen darf, unterstrich Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer. "Nirgends gibt es mehr Gründergeist", sagte sie. "Aber wer heute aus New York nach Berlin kommt, geht auch morgen nach Istanbul oder in einen anderen Start-up-Hub", warnte Yzer davor, die Attraktivität der Stadt (mit einem "Preisniveau wie Bielefeld") aufs Spiel zu setzen. Sie sprach sich für ein neues Netzwerk zwischen klassischem Mittelstand und der jungen IT-Branche aus. "Berlin braucht beides – die Start-ups und den Mittelstand".

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