Chad Dickerson ist Unternehmer. Und er ist Philosoph. Beides verbindet er in seiner Firma, der Do-it-Yourself-Plattform Etsy. Wenn er über sein Geschäftsmodell spricht, schlägt er einen großen Bogen – vom Erfinder der „Buddhist Economy“, Ernst Friedrich Schumacher, der von einem sozialen Wirtschaftssystem träumte, über den Regisseur Charlie Chaplin, der die modernen Zeiten und die Massenproduktion hinterfragte, bis hin zum Pazifisten Mahatma Gandhi, der gegen die Ausbeutung kämpfte.
Dickerson will die Kraft der Wirtschaft nutzen, um gesellschaftliche Güter zu schaffen, Menschen mit gleichen Interessen und Werten zusammenbringen, ihnen zu einem Lebensunterhalt verhelfen – und er will natürlich Geld verdienen. Das schließt sich nach seiner Meinung nicht aus – im Gegenteil. „Knapp eine Milliarde Umsatz“ habe sein Unternehmen im vergangenen Jahr erwirtschaftet, sagt er voll Stolz. Etsy sei der Anfang einer Bewegung, an deren Ende eine bessere Welt stehe.
Als Beispiel erzählt Dickerson die Geschichte von Larry Morrisey, dem Bürgermeister der wirtschaftlich angeschlagenen Kleinstadt Rockford im US-Bundesstaat Illinois. Der schickte Dickerson im August 2012 eine Twitter-Kurznachricht, in der er um Hilfe bat. „Eine Verzweiflungstat“, wie Morrisey in einem Interview sagte. Gemeinsam gründeten die Stadt und Etsy eine Initiative, die die Menschen von Rockford das Unternehmertum lehrte – zunächst arbeitslose Erwachsene, dann Oberschüler. Viele Bewohner der von einer Pleitewelle heimgesuchten Uhrmacherstadt besannen sich ihrer handwerklichen Fähigkeiten, machten sich selbständig und verdienen seitdem Geld.
Etsy als nachhaltiges Unternehmen ausgezeichnet
Rockford war ein Modellfall für das im Mai 2012 als „B Corporation“ zertifizierte Unternehmen Etsy – was in den USA eine staatliche Auszeichnung für Nachhaltigkeit ist. Ein ähnliches Projekt wie in Rockford gibt es in Großbritannien. Auch in Deutschland sei so etwas denkbar, sagt Unternehmenssprecherin Kati Krause.
Die Design-Plattform Etsy versteht sich als soziales Netzwerk mit angeschlossenem Online-Marktplatz (oder auch umgekehrt). Angemeldete Designer betreiben auf der Plattform Shops, in denen sie im Stil der Fotoplattform Pinterest ihre selbst hergestellten Produkte anbieten: Schmuck, Kleidung, Accessoires vor allem. Käufer folgen ihren Lieblings-Shops oder lassen sich von den neu eingeführten Seiten inspirieren, die von Magazinen und Blogs kuratiert werden.
Netzwerken steht im Mittelpunkt
900.000 Anbieter und 30 Millionen Kunden stehen bei Etsy in einem engen Kontakt, sie sind nur einen Mausklick voneinander entfernt und können sich über die handgemachten Produkte austauschen.
In Kontakt stehen auch die Anbieter untereinander, um ihre Shops gegenseitig zu bewerten, sich auszutauschen und den Rat von Mentoren einzuholen. Sie sind in Street Teams zusammengeschlossen. Die Schmuckdesignerin Katja Munoz aus Prenzlauer Berg ist Captain der Berliner Gruppe, der knapp 300 Designer angehören. „Es geht uns vor allem ums Netzwerken, um den Austausch mit erfahrenen Verkäufern und Weiterbildung“, sagt Katja Munoz. „Wir planen jetzt auch Workshops, an denen jeder teilnehmen kann.“
Netzwerken ist wichtig für die selbstständigen Unternehmer, die von den Erlösen ihrer künstlerischen oder handwerlichen Tätigkeit leben wollen. Der Wettbewerb ist hart und die internationale Konkurrenz groß. 3,5 Prozent des Verkaufspreise behält Etsy. Das ist das Geschäftsmodell.
Dawanda starker Mitbewerber in Deutschland
Mitbewerber von Etsy in Deutschland ist die Internetplattform DaWanda. Sie wurde 2006 von Claudia Helming und Michael Pütz in Berlin gegründet – als Klon des ein Jahr vorher gegründeten New Yorker Vorbildes. Wie bei Etsy hat jeder der 220.000 Hersteller einen eigenen Shop, wo insgesamt rund 3,5 Millionen Produkte angeboten werden. Jeden Tag kommen 10.000 neue Produkte hinzu – überwiegend Mode, Schmuck und Spielzeug.
Die DaWanda-Gemeinschaft hat mehr als drei Millionen Mitglieder. Das Unternehmen beschäftigt 150 Mitarbeiter. Das Portal wird monatlich 13 Millionen Mal besucht, die Besucher sehen sich dabei 190 Millionen Seiten an. Jede Minute wird auf DaWanda eine Tasche gekauft, alle 30 Sekunden ein Produkt für Babys und Kinder und alle 20 Sekunden ein Schmuckstück.
Auch Events sollen die Mitglieder untereinander vernetzen: So findet am 28. September die „Lange Nacht des Selbermachens“ statt – mit 100 Workshops in ganz Deutschland. Dawanda, das vor einem Jahr dem Branchendienst Gründerszene zufolge Mitarbeiter entlassen musste, erweitert unterdessen seine Plattform und ergänzte einen Onlineshop für Do-it-Yourself-Artikel.
Warum kommt das Management nach Berlin?
Wenn Etsy nun seine Vorstandssitzung in Berlin abgehalten hat, könnte man einen Zusammenhang mit der Präsenz seines auf dem deutschen Markt starken Mitbewerbers Dawanda vermuten. Das sieht man sowohl bei Etsy als auch bei seinem Hauptinvestor Index Ventures anders. „Etsy ist im vergangenen Jahr in Europa mit 93 Prozent schneller gewachsen als global mit einem Plus von 72 Prozent“, begründet Kati Krause die Exkursion des Managements nach Berlin mit dem starken Europageschäft. Die Vorstandssitzung sei ein Zeichen der Internationalität des Unternehmens. Deutschland sei ein sehr wichtiger Markt für Etsy, lautet die Erklärung des Investors. Index Ventures führte die letzten beiden Investitionsrunden (insgesamt 60 Millionen Dollar) an.





