Start-ups

Investoren im Silicon Valley zahlen sieben Mal mehr

Zu wenig Kapital – zu viele Vorschriften. So beschreibt der Bundesverband Deutsche Start-ups die Lage vieler Gründer. Es gibt aber auch gute Nachrichten – vor allem in der Berliner Start-up-Szene.

Foto: Jürgen Stüber

Der Bundesverband Deutsche Start-ups fordert einen Abbau regulatorischer Hürden und beklagt einen Mangel an Risikokapital in Berlin. Das sagte der Vorsitzende des im September 2012 gegründeten Verbandes, Florian Nöll, bei der Präsentation des ersten Start-up-Monitors in Berlin. Dem Verband gehören 200 Unternehmen der digitalen Wirtschaft an. Für die in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR) erstellte Studie wurden 454 Gründer online befragt.

"Die Summe der regulatorischen Hürden hat eine Dimension erreicht, die eine Belastung für Start-ups ist", sagte Professor Sven Ripsas von der HWR, der die Studie leitete. Mehr als die Hälfte der Befragten kritisieren das deutsche Datenschutzrecht, weil dieses sich negativ auf die Arbeitsmöglichkeiten der Unternehmen auswirke.

Jeder dritte Befragte bezeichnete das geltende Urheberrecht als behindernd. Allerdings gab die Hälfte an, davon nicht betroffen zu sein. "43 Prozent haben Probleme bei der Beschäftigung von Nicht EU-Bürgern, was besonders bei Start-ups nachteilig ist, die Informatiker suchen", sagte Florian Nöll. Ihm sei der Fall einer Ausländerbehörde bekannt, wo man sich weigere Englisch zu sprechen.

Netzneutralität gefordert

Der Bundesverband Deutsche Start-ups kritisierte Pläne von Internetprovidern wie der Deutschen Telekom, die Netzneutralität zu beschränken und Internet-Bandbreiten zu drosseln. Für 80 Prozent der befragten Unternehmen sei das Internet unverzichtbar für das Geschäftsmodell. Einschränkungen führten zu Wettbewerbsnachteilen, sagte Nöll.

Jedes dritte Start-up leidet der Studie zufolge unter dem Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (Bafin). Start-ups, die Geld für Dritte annehmen, benötigen dafür nach dem Zahlungsaufsichtsgesetz eine Bafin-Lizenz. Zu solchen Finanztransfergeschäften kommt es bei Lieferdiensten oder bei Taxibestell-Apps. Nöll kritisierte "lange Prüfzeiträume und Auflagen" der Behörde, die eine EU-Richtlinie zur Vermeidung von Geldwäsche umsetzt.

"Mir sind 20 bis 30 Fälle bekannt", sagte Nöll. Das Bafin reguliere einen Markt, den sie gar nicht kenne. Das Bafin in Bonn verweist auf den Gesetzgeber. Er habe bestimmte erlaubnispflichtige Geschäfte definiert.

Startkapital von Freunden und Eltern

Die Gründungsfinanzierung von Start-ups ist vergleichsweise problemlos. 77 Prozent nannten Eigenmittel (Ersparnisse, Freunde, Verwandte) als wichtige Finanzierungsquelle. Fördermittel folgen mit 50 Prozent an zweiter Stelle (Ripsas: "Hier muss man die Investitionsbank Berlin mal loben.").

Kapital von Business Angels – das sind private Geldgeber – wird von 46 Prozent der Start-ups als wichtige Kapitalquelle genannt, Risikokapital von 33 Prozent. Inkubatoren und Crowdfunding nannten nur jeweils 16 Prozent.

US-Investoren risikofreudiger

Die Wachstumsfinanzierung ist für Start-ups schwieriger. 34 Prozent brauchen der Studie zufolge mehr als eine Million Euro. 70 Prozent bezeichneten es als schwierig, an VC-Kapital zu kommen. 53 Prozent der Berliner Start-ups gelang die Finanzierung mit ausländischem Kapital.

Start-ups in den USA kommen schneller an Geld als Gründer in Deutschland, wie Sven Ripsas erläuterte. Typische erste Finanzierungsrunden werden in den USA über 7,1 Millionen Dollar abgeschlossen. In Deutschland gehen hier nur 900.000 Dollar über den Tisch, in Großbritannien 2,6 Millionen Dollar. Ripsas erläutert diese Unterschiede damit, dass US-Investoren risikofreudiger als deutsche sind. "US-Investoren akzeptieren eher den Verzicht auf Profitabilität."

Warten auf den Börsengang

"Investoren kommen nicht, weil die Exitkanäle nicht klar sind", erläuterte Ripsas diese Diskrepanz und forderte eine "neue Kultur der Börsengänge". Florian Nöll nannte als Beispiel das Nachbarland Polen, wo es im vergangenen Jahr 88 Börsengänge von Technologiefirmen gegeben habe.

6,5 Monate dauert gewöhnlich eine Finanzierungsrunde, so der Start-up-Monitor. "Start-ups verlieren den Anschluss, wenn sie sich so lange mit Finanzierungsrunden beschäftigen", sagte Sven Ripsas.

Was ist ein Start-up?

Auch die Frage, was überhaupt ein Start-up ist, will die Studie erklären. "Ein Unternehmen, das nach einem funktionierenden Geschäftsmodell sucht, jünger als zehn Jahre ist und nach Wachstum strebt", sagt Ripsas.

Idealerweise wird ein Start-up von einem Team gegründet (76 Prozent). Bei klassischen Gründungen sind das nur knapp 20 Prozent. Start-ups in Zweierteams am erfolgreichsten (39 Prozent).

Frauenanteil beträgt nur 13 Prozent

Die befragten Start-ups sind im Durchschnitt 2,4 Jahre alt und beschäftigen durchschnittlich 12,4 Mitarbeiter. Berliner Unternehmen beschäftigen im Durchschnitt 15,3 Mitarbeiter – sind also 50 Prozent größer als der Durchschnitt. 75 Prozent der Gründer haben einen Hochschulabschluss, acht Prozent sogar promoviert. Der Frauenanteil beträgt nur 13 Prozent.

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