Spin-offs

Die neue Start-up-Schmiede der Humboldt-Universität

Die Start-ups der Humboldt-Universität haben ein neues Zuhause. In direkter Nähe zur Humboldt Graduate School bezogen die Gründer das Gebäude der neuen Spin-off-Zone Mitte.

Foto: Jürgen Stüber

Die Gäste erhielten zur Begrüßung ein Orchideenpflänzchen in einem Laborglas. Es wurde im Labor des Start-ups Nextplant gezüchtet und ist nur wenige Zentimeter groß – ein Sinnbild für das neue Gründerhaus der Humboldt-Universität und seine Bewohner, das am Donnerstag in Mitte mit einem Fest eröffnet wurde. Ihre „Seed-Phase“ hat die Pflanze überlebt. Jetzt beginnt ihre Zeit als „Start-up“: Die Orchidee soll ausgepflanzt werden und sich in der Natur behaupten. Zunächst unter geschützten Bedingungen, später aus eigener Kraft.

50 Start-ups aus dem Gründungsservice der HU haben diesen Weg bereits beschritten oder zumindest angetreten. Darunter sind so bekannte Namen wie Barcoo, die App für den Vergleich von Lebensmitteln und anderen Produkten. Zehn Millionen Mal wurde das Programm auf Smartphones heruntergeladen. Nutzer scannen einen Barcode und sehen dann Informationen über das Produkt auf ihrem mobiles Gerät. Momentan arbeitet das im Januar 2009 live gegangene und inzwischen nach Kreuzberg umgezogene Start-up an der Entwicklung einer Monetarisierungsstrategie.

Oder Sofatutor, ein Internet-Videoportal für Nachhilfe, das seit April 2009 online ist: Fast 50.000 Schüler und Studierende haben die Lern-Filme abonniert. Die Plattform konnte schon mehrere Preise einheimsen, unter anderem als Gewinner des Deutschen Bildungsmedien-Preises digita2011.

Mehr als 550 Arbeitsplätze geschaffen

Auch die Berliner Crowdinvestment-Plattform Bergfürst entstand unter dem Dach der HU. „Wir werden noch in diesem Sommer unsere erste Finanzierungsrunde starten“, sagte Mitgründer Dennis Bemmann beim Besuch des Eröffnungsfests im Gründerhaus. „Die Finanzaufsicht prüft momentan die Unterlagen.“

Die HU unterstützt seit dem Jahr 2005 Existenzgründer und hat mit ihrer Initiative mehr als 550 Arbeitsplätze geschaffen. Die dazu eingerichtete Humboldt-Innovation GmbH betreibt bereits seit 2010 ein Gründerhaus im Technologiepark Adlershof mit 52 Arbeitsplätzen. Wegen des großen Andrangs ist jetzt das neue Haus in Mitte dazu gekommen. Dort stehen auf 600 Quadratmetern 32 Arbeitsplätze für derzeit acht Start-ups zur Verfügung. „Bis zu drei Jahre können Start-ups bei uns bleiben“, sagt Humboldt-Innovation-Geschäftsführer Martin Mahn. „Das erste Jahr während des Exist-Gründerstipendiums ist kostenfrei, danach zahlen sie Miete.“ Das Gebäude wurde mit viel Eigeninitiative hergerichtet: HU-Angestellte und Gründer packten gemeinsam an.

Scolibri baut das digitale Klassenzimmer

Jüngstes Mitglied in der Gründerfamilie der Humboldt-Universität ist Scolibri: Die Plattform will Lehrer und Schüler verbinden und versteht sich als Bildungsnetzwerk. „Lehrer und Schüler sind ständig online. Nur in der Schule sind sie offline“, sagt Mitgründer Oliver Wilken. Die App soll diese Lücke schließen und zu einem digitalen Klassenzimmer werden, ein Verwaltungsinstrument für den Lehrer, ein Organisationswerkzeug für die Schüler.

Die Gründer gehen nach einem geschlossenen Test optimistisch in die offene Beta-Phase. „90 Prozent der Lehrer wollen die App nutzen“, sagt Mitgründer Tobias Hönig. Die Plattform wurde beim Start-up-Wettbewerb „TheEuropas im Januar 2013 in Berlin als beste pädagogische App ausgezeichnet.

Tame blendet das Internet-Rauschen aus

„Das Gründerhaus ist für uns fast schon ein Lebensmittelpunkt“, sagt Hönig. „Immer wieder tauschen wir mit anderen Teams wertvolle Tipps oder Ideen aus“, sagt er. Zum Beispiel mit dem Start-up Tazaldoo, das seit 2012 an der Web-App Tame arbeitet, mit der sich die Nachrichtenflut im Internet eindämmen lässt. Ihre Gründer wollten eigentlich Journalisten werden. Doch dann dachten sie sich, es sei besser, ein Werkzeug für Medien zu erfinden, und wurden zu Gründern. Tame zeigt Nutzern des Kurznachrichtendienstes Twitter in Echtzeit, was in ihrem Nachrichtenstrom passiert: welche Themen gerade diskutiert werden, welches die aktivsten Nutzer sind und was die am häufigsten verlinkten Websites.

„Am Tag des Obama-Besuchs in Berlin wurden 30.000 Twitternachrichten zu diesem Thema gesendet“, sagt Mitgründer Torsten Müller. „Diese Menge kann niemand überblicken. Doch Tame filtert die Nachrichten heraus, die in meinem Netzwerk wichtig sind“. Das Tame-Team gehört zu den ersten Gästen im Gründerhaus, wird aber im Herbst für zunächst drei Monate ins Silicon Valley ziehen, um dort an einem vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Accelerator-Programm teilzunehmen.

Shoutr verbindet Smartphones ohne Internet

Shoutr, ein anderes Projekt aus dem HU-Gründerhaus, ermöglicht den Datenaustausch zwischen Smartphones ohne Internetverbindung und Mobilfunk. Was zunächst unmöglich klingt, ist eine spezielle WLan-Technologie, bei der sich die Telefone direkt miteinander in Verbindung setzen. Auf diese Weise können Daten aller Art schnell und kostenfrei übertragen werden. Das Programm ist zunächst nur für Mobiltelelone mit dem Android-Betriebssystem verfügbar. Das Start-up wurde zuletzt mit dem 3. Preis beim Businessplanwettbewerb der Investitionsbank Berlin ausgezeichnet.

Auch ein Start-up, das überhaupt nichts mit dem Internet zu tun haben, dafür aber um so mehr mit Technologie, arbeitet im Gründerhaus. Die Biologinnen Simone Brendel und Christina Lange züchten in ihrem In-vitro-Labor winterharte Orchideen. „Aus jeder Zelle kann eine neue Pflanze werden“, erläutert Christina Lange. Im Laufe eines Jahres wächst unter Laborbedingungen aus einer Zellkultur ein Setzling heran. „Wir haben eine Methode für die Massenproduktion der Pflanzen unter sterilen Bedingungen entwickelt“, sagt die Mitgründerin von nextplant.