The Factory

Ein neuer Campus für die Gründermetropole

Eine alte Brauerei wird zum Internet-Campus. 20 Millionen Euro kostet das Projekt. Die Investoren sehen die „Factory“ als Meilenstein auf dem Weg Berlins zur Gründermetropole mit Weltrang.

Vier Monate noch, dann soll das Hauptgebäude fertig sein. Bauarbeiter verlegen Stahlmatten für die Betondecke des Dachgeschosses. Weiter unten werden Fenster eingesetzt. Es riecht nach Staub und Zement. Baustellenlampen tauchen die Gewölbe in ein fahles Licht. "Wir haben durch den harten Winter sieben Wochen verloren", sagt Simon Schaefer, der Bauherr. Doch er ist optimistisch, dass sein Start-up-Campus "The Factory" doch noch rechtzeitig fertig wird. Schaefer ist überzeugt, dass Berlin seinen Platz in der Weltklasse der Gründermetropolen finden wird. Die Berliner Dauerdebatte um ausbleibende Exits und fehlende Investoren hält er für verfehlt.

In Nebengebäuden der Factory, einer früheren Brauerei, sind bereits zehn Mieter eingezogen. Der Audiostreamingdienst Soundcloud ist der prominenteste. Versus IO ist eines der erfolgreichsten Unternehmen auf dem Campus. Wunderkinder, das Start-up hinter dem Online-Notizzettel Wunderlist, wird kommen. Und der Firefox-Entwickler Mozilla hat schon mal ein drei Stockwerke hohes Plakat aufhängen lassen, das den Einzug ankündigt.

Das Factory neben der Mauergedenkstätte zwischen Wedding und Mitte soll ein Campus werden, die zentrale Anlaufstelle für Internetgründer in Berlin. Sie soll anders funktionieren als die mehr als 20 Inkubatoren uns Acceleratoren, die es für die Berliner Start-up-Szene in der Stadt bereits gibt. "Die sind notwendig. Aber es sind starre Systeme", sagt Schaefer.

Neue Geschäftsideen durch kurze Wege

"Ich will ein organisches Wachstum des jungen Ökosystems", beschreibt Schaefer sein Alternativkonzept. Und das funktioniert nach seinen Vorstellungen eher durch Unterstützung der Mieter zum Beispiel bei der Suche nach Finanzierungen oder der Beratung durch erfahrene Mentoren als durch Kapitalspritzen. "Das hat so noch keiner gemacht", sagt Schaefer. "Auch die Nähe der Unternehmen auf dem Campus macht es für sie einfacher, neue Geschäftsideen zu entwickeln."

Vielleicht ist es die Biografie, die Schaefer zu einem solchen Querdenker macht: Vor 15 Jahren arbeitete er als Designer und entwickelte mit Felix Petersen, der 2011 die Meinungsplattform Amen gründete, Webseiten. Er arbeitete mit Internetkünstlern zusammen und gründete nach dem Platzen der Dotcom-Blase 2001 eine neue Agentur, ging nach New York, baute dann in die Schweiz für eine Immobilienfirma einen Fernsehsender und eine Hotelkette auf.

2010 entwickelte er ImmoCommerce, eine Online-Plattform, mit der Immobilienmakler ihr Kundenmanagement organisieren können. Bei einer Finanzierungsrunde für ImmoCommerce lernte Schaefer Udo Schloemer kennen, der ihm irgendwann im Jahr 2011 die alte Brauerei am ehemaligen Grenzstreifen zeigte und fragte, ob das nicht ein geeigneter Ort für das geplante gemeiname Projekt Factory sei.

20 Millionen Euro investiert

Das war es wohl. 20 Millionen Euro wollen die Investoren nach Schaefers Angaben in das Projekt stecken. Das Kapital für die Immobilie stammt von Udo Schloemer, Marc Bruchseifer und Sascha Gechter, die wie Simon Schaefer Partner von JMES Investments sind, sowie von dem Filmproduzenten Dario Suter. Die Investmentgesellschaft hält unter anderem in 30 Beteiligungen an Start-ups.

"Wir machen die Factory ohne einen Profitgedanken", sagt der Gründer. Die Immobilie ist das Geschäftsmodell. 14 Euro beträgt die Nettokaltmiete für die Start-up-Büros – Restaurant und Dachterrasse inklusive. Die Factory mit ihren 15.000 Quadratmetern Nutzfläche ist komplett ausgebucht. "Wir haben Anfragen für mehr als 60.000 Quadratmeter", sagt Schaefer.

Google als Sponsor gefunden

Der Suchmaschinenkonzern Google unterstützt das Projekt als Sponsor mit einer Million Euro. So werden Trainingsprogramme, Technologie und Veranstaltungen für junge Unternehmer und Entwickler finanziert. Außerdem bringen sich Google-Experten aus allen Fachrichtungen in einem Mentorenprogramm als Trainer und Ratgeber persönlich ein. "Google teilt unsere Ansichten zur Förderung des internetbasierten Unternehmertums, das den neuen Mittelstand bilden wird", sagt Schaefer.

Bei der Auswahl ist Schaefer an einer harmonischen Kombination innovativer Mieter gelegen. "Sie müssen bereit sein, etwas an die Community zurückzugeben", sagt er. "Die Team sollten sich mögen." In diesem Rahmen ist die Factory branchenoffen. Es müsse ein guter Mix sein, damit sich neue Ideen entwickeln.

New Yorker "Square" wäre ein Wunschmieter

Wenn er sich einen Wunschmieter aussuchen könnte, würde Schaefer die New Yorker Bezahlplattform Square des Twitter-Gründers Jack Dorsey wählen. "Ich bin überzeugt, dass die Pioniere des mobilen Bezahlens irgendwann auch nach Berlin kommen werden", sagt er.

Start-ups von dieser Sorte würden Berlin gut tun. Sie würden wohl auch die Berliner Dauerdebatte um seltene Exits, also profitable Verkäufe von Start-ups an größere Unternehmen, beenden.

Mehr Start-ups mit Umsatz wünschenswert

"Was uns in Berlin am meisten fehlt, sind nicht Ideen, sondern Start-ups, die skalierbare Systeme bauen können, die Umsätze generieren", sagt Schaefer. Sein "Hidden Champion" sei Software Diagnostics aus Potsdam, ein Spin-off des Hasso-Plattner-Instituts. Die Plattform für Risikoanalyse sei umsatzgetrieben und lebe auch von den eigenen Erlösen. "Wenn wir mehr solche Start-ups hätten, dann gäbe es in Berlin auch mehr Exits", glaubt Schaefer.

Hier hat Berlin nach seiner Einschätzung noch viel zu tun. Und dieses Defizit erkläre auch die vielfach kritisierte Abwesenheit von Venture-Capital-Unternehmen (VC) in Berlin. "In den vergangenen beiden Jahren gab es in London Exits mit einem Volumen von acht Milliarden Euro. In Berlin waren es nur 500 Millionen", sagt Schaefer.

"VCs orientieren sich immer an der Größe des Binnenmarktes", sagt er. "Die Investoren werden kommen, wenn die Voraussetzungen dafür geschaffen wurden. Da müssen wir noch Basisarbeit leisten und relevante Unternehmen hervorbringen." Den Factory-Campus sieht er als einen Meilenstein auf diesem Weg.

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