Firmengründungen

Ein Turbolader für die kreativen Ideen von Start-ups

Die Axel Springer-Tochter „Plug & Play“ unterstützt junge Unternehmen aus den Bereichen Internet und mobile Anwendungen. Sie bekommen Geld, Arbeitsräume, Mentoren und Reisen ins Silicon Valley.

Foto: Reto Klar

Der eine, Thilo Konzok mit seinen 21 Jahren zum Beispiel, steht am Beginn seiner Berufslaufbahn. Richard Witte, 47 Jahre alt, hat schon einiges erlebt und hinter sich gebracht. Dennoch, Konzok wie Witte wollen beide mit neu gegründeten Firmen durchstarten. Ihre jungen Unternehmen richtig beschleunigen, international weit bekannt und groß machen. Klappt das, wären Konzok, Witte, die Macher sechs weiterer Start-ups und die Axel Springer AG sehr zufrieden.

Axel Springer Plug and Play nennt sich das Experiment, das jetzt in ehemaligen Redaktionsräumen der Bild-Zeitung an der Kreuzberger Markgrafenstraße gestartet ist. Das Medienhaus, das auch die Berliner Morgenpost herausgibt, hat sich dafür mit einem Akteur aus dem Silicon Valley in Kalifornien zusammengetan.

Das Plug and Play Tech Center ist Technologieinvestor und Accelerator – zu deutsch: Beschleuniger – aus der Herzkammer der globalen Computer- und Internetindustrie. Springer und Plug and Play wollen jetzt gemeinsam mit und für Start-ups das Tempo verschärfen.

Der dünne Sound aus Handys wird gerätespezifisch aufgepeppt

Zusammen wurden jetzt acht junge Firmen ausgewählt, ihre Macher in einem Großraum versammelt. Ab 17. Juni 2013, sind es keine zwölf Wochen mehr bis zum 5. September. Dann werden sich alle Start-ups auf einem „Demo Day“ vor potenziellen Kapitalgebern präsentieren. Es ist zweierlei: Tempolauf und Hinarbeiten auf den großen Durchbruch.

Richard Witte, 47-jähriger Musikproduzent und Songschreiber, zum Beispiel will einen neuen Klangstandard für digitale Abspielgeräte etablieren. Eine Art Dolby für iPhone, Samsung Galaxy und Co. Seine Firma heißt Solid Sound. Witte und Mitstreiter haben eine Software entwickelt, die den Klang vor allem preiswerter Kopfhörer verbessert. Der oftmals schlappe Digitalklang wird mittels Computer-Rechenverfahren „aufgefüllt“. „Wir arbeiten schon seit Jahren dran, haben das auch schon vielen Firmen vorgestellt“, erzählt Witte.

Bis hin zu Apple in Cupertino haben sie es geschafft. Dort waren sie durchaus interessiert an der Berliner Entwicklung und fragten: Habt Ihr ein Patent? Hatte Witte damals nicht. Das mit dem Patent hat er mittlerweile nachgeholt. Jetzt soll eine App auf den Weg gebracht werden, mit der Nutzer ihren Kopfhörertyp angeben und so in den Genuss des besseren Sounds kommen. „Unser strategisches Ziel ist ein Lizenzierungsgeschäft nach dem Vorbild von Dolby“, sagt Wittes Mitstreiter Arne Stoldt.

Die Gründer entwickeln neue Verkaufs- und Service-Portale

„Alle Teilnehmer von Axel Springer Plug and Play haben bereits die Gründungsphase abgeschlossen und bringen Prototypen oder markterprobte Geschäftsmodelle mit“, sagt Ulrich Schmitz, Chief Technology Officer bei Axel Springer und zugleich Gründungsgeschäftsführer von Axel Springer Plug and Play. Nun gehe es darum, die Unternehmen mit entscheidenden Schritten voranzubringen und weitere Kunden und Investoren zu überzeugen.

Dafür gibt es für jedes der acht Unternehmen 25.000 Euro, dazu Arbeitsplätze, Mentoren der Berliner Start-up-Szene, das weite Netzwerk der Axel Springer AG sowie die Chance, ins Silicon Valley zu reisen. Im Gegenzug ist Springer an jedem Unternehmen mit fünf Prozent beteiligt. „Für uns“, sagt Thilo Konzok, „ist das natürlich eine Riesenchance.“

Er und seine drei Mitstreiter haben seit ein paar Wochen die Seite ihres Unternehmens Asuum online. Darauf finden sich komponierte Produktfotos, von Möbeln, Accessoires wie Handyhüllen oder Notizbücher, Uhren, Technik. Es ist ein willkürlich erstellter Produktkatalog im Internet. Aber nur auf den ersten Blick.

Ein Start-up hat sich einen Angriff auf Amazon vorgenommen

Die Produkte werden von einer Software ausgewählt. Diese scannt Empfehlungen einschlägiger Design- und Produkt-Blogs. Die Produkte werden beschrieben und wer kaufen will, gelangt per Mausklick zu dem Internetshop, der die Ware am billigsten hat. Klickt sich ein Nutzer durch die Seite von Asuum, merkt sich die Software, was ihn interessiert. Das wiederum verändert die Produktauswahl für den Betrachter, der Online-Produktkatalog wird gleichsam personalisiert.

Asuum folgt dem Netz-Trend zum kuratierten Shopping, wo das Angebot nach Neigung und Geschmack des Kunden angepasst wird. Im Gegensatz zu Amazon oder Zalando, die vor allem ein umfassendes Sortiment versprechen.

Kozok und ein weiterer Gründer haben für ihr Start-up das Studium unterbrochen. „Es gibt einem natürlich noch mal Sicherheit, wenn ein Großunternehmen wie Springer an die Idee glaubt“, sagt Kozok. Gering sind die Erwartungen der Asuum-Macher nicht. Letztlich wollen sie möglichst viele Online-Shopper auf ihre Seite locken – und beispielsweise weg von Amazon. „Unser nächster Schritt: eine App für das iPhone.“

Die nächste Programmrunde des „Beschleunigers“ beginnt im Oktober

Immer häufiger richten Großunternehmen wie Axel Springer Labore für junge Start-ups ein. Die Deutsche Telekom lockt junge Internetfirmen mit hub:raum, Pro7Sat.1 hat ebenso einen Accelerator wie die Immobilienscout-Gruppe. Die Etablierten wollen so natürlich nah an die Trends ran. Start-ups wiederum profitieren von Netzwerken, Kapital und großem Know-how.

Für Raphael Pochhammer, 36, ist die Media-Vermarktungskraft von Axel Springer äußerst attraktiv. Pochhammers Unternehmen heißt Next Social. Das Start-up bietet eine Lösung für alle jene – beispielsweise Firmen oder Promis – die auf ihrer Facebook-Seite etwas verkaufen wollen. „Es wird genau ein Produkt zum Kauf angeboten. Mit unserem Tool kann man direkt per Paypal bezahlen, ohne dass man für den Kauf die Facebook-Umgebung verlässt“, sagt Pochhammer.

Seit Dezember vergangen Jahres ist sein Unternehmen online. Pochhammer sucht Kapitalgeber, um das weitere Wachstum seiner Firma zu finanzieren. Vielleicht schafft er es am 5. September, wenn er sich wie alle anderen zum Abschluss vor Venture-Capital-Gesellschaften präsentiert. Die nächste Programmrunde startet im Oktober 2013.

Informationen zu dem Programm: axelspringerplugandplay.com