Gunnar Berning, Gründer und Geschäftsführer des Dienstleistungs-Marktplatzes Twago, hat sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Die Mitgeschäftsführer Maria Lindinger und Thomas Jajeh führen das Unternehmen künftig allein. Das teilte das Unternehmen mit. Berning, der das Unternehmen 2009 gegründet hatte, werde in den Twago-Beirat wechseln.

Der überraschenden Personalie vorausgegangen ist ein Streit unter den Gesellschaftern über die von Berning geplante Expansion des Marktplatzes in Schwellenländer. Vor allem der an Twago beteiligte Gelbe-Seiten-Verlag Euro Serve Media bestand darauf, die Geschäfte auf die europäischen Kernregionen zu beschränken und dort profitabel zu werden. Der Kurswechsel soll für Berning überraschend gekommen sein, heißt es aus Unternehmen. Man wolle sich jetzt „vor allem auf die europäischen Kernmärkte fokussieren“, teilte Twago mit. Das Unternehmen ist derzeit in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien und Spanien aktiv. Euro Serve Media hält knapp 40 Prozent der Anteile.

Twago ist eine so genannte Outsourcing-Plattform, die IT-Dienstleistungen vermittelt. Unternehmen können auf dem Marktplatz Projekte einstellen, Dienstleister dafür Angebote abgeben. Twago erhält eine Provision. Detaillierte Geschäftszahlen sind nicht bekannt. Für das vergangenen Jahr meldete das Unternehmen ein vermitteltes Projektvolumen von 50,3 Millionen Euro. Fast 300 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Wie viel Twago daran verdiente, ist unbekannt.

2012 soll aber das erfolgreichste Jahr seit Gründung gewesen sein, heißt es in der Pressemitteilung zu Bernings Abgang: „Wir respektieren die Entscheidung von Gunnar Berning, auch wenn wir diese bedauern. Twago war Gunnar Berning – er steht für eine zuletzt sehr erfolgreiche Entwicklung mit dem besten Geschäftsjahr in 2012 seit dem Launch.“

Drastische Stellenstreichungen drohen

Euro Serve Media und Mitinvestor GMPVC German Media Pool hatten nach der Twago-Insolvenz im vergangenen Jahr mit einer Kapitalspritze von mehr als 2,25 Millionen Euro überhaupt erst ermöglicht, dass die Twago-Geschäfte weitergeführt werden konnten. Twago hatte im Frühjahr 2012 Insolvenz melden müssen, nachdem eine geplante Finanzierungsrunde geplatzt war. Mit dem Geld der neuen Gesellschafter hatte Berning gehofft, in außereuropäische Schwellenländer zu expandieren.

Jetzt setzt vor allem Euro Serve Media auf Profitabilität statt Expansion – mit offenbar drastischen Folgen. Ein Großteil der im vergangenen Jahr aufgebauten Stellen soll wieder gestrichen werden, heißt es im Unternehmen. Zum Neustart im vergangenen Jahr zählte das Unternehmen 30 Mitarbeiter, derzeit sind es knapp 60. Offiziell hat sich das Unternehmen bislang nicht zu den drohenden Kürzungen geäußert.

Twago-Sprecher Christoph Burbes verlässt das Unternehmen ebenfalls. „Wenn die Seele eines Unternehmens verloren gegangen ist, ist es Zeit weiterzuziehen“, schrieb er auf Twitter. Burbes war erst Ende vergangenen Jahres vom Online-Werbevermarkter Madvertise zu Twago gewechselt. Ebenfalls auf Twitter bedankte sich Gunnar Berning bei seinem Team: „Es war mir eine Ehre, mit einem so fantastischen Team zu arbeiten.“

Über die Personalien hatten die Branchendienste Branchendienst Silicon Allee und Deutsche Startups zuerst berichtet.

gri