Die weißen Wände des Berliner Start-ups Anakan sind mit bunten Figuren bemalt, die aussehen, als hätte sie ein Kind mit Bauklötzen gebaut: Die grobkörnigen grünen, blauen und roten Monster stammen aus dem fast 35 Jahre alten Videospiel „Space Invaders“ und sind heute unter Computerspielern Kult. Ein Stück Popkultur, denn mittlerweile sind die Zeiten, in denen monsterähnliche Blöcke über den Bildschirm flimmerten, vorbei. Heute ähneln die Spiele teilweise aufwendigen Hollywood-Produktionen. Und auf dieser Entwicklung beruht die Geschäftsidee des jungen Berliner Unternehmens Anakan.

Die Geschäftsführerin Marie-Laurence Amigues sitzt in ihrem Büro in Berlin-Kreuzberg, durch die große Fensterfront im dritten Stock blickt sie direkt auf die O2 World und die East Side Gallery auf der anderen Spreeseite. Ihre Arbeit fasst die 35 Jahre alte Firmenchefin mit einem Schlagwort zusammen: „Lokalisierung“. So nennt sich die Dienstleistung, die Übersetzer, Tontechniker, Synchronsprecher und Computerspiel-Tester im Auftrag von Anakan den Computerspiel-Herstellern bieten.

„Wir übersetzen Spiele und machen sie auch darüber hinaus tauglich für die Märkte in anderen Ländern“, sagt die junge Französin. Ein Beispiel: Wenn in einem Spiel Fast Food vorkomme, dann könne das in Deutschland etwa ein Brathähnchen sein, in Frankreich ein belegtes Baguette und in Asien eine Nudelsuppe. Neben solchen kulinarischen Fragen stehen die Übersetzer vor allem vor linguistischen Problemen.

Tonstudio profitiert von Kreativen

Die Spanierin Gloria Garcia sitzt in dem hellen Großraumbüro in Kreuzberg an ihrem Computer und hat eine Tabelle auf dem Bildschirm geöffnet. Die Übersetzungen werden in der Regel von freien Mitarbeitern vorgenommen, Garcia koordiniert Aufträge und hat den Zeitplan im Blick. Für größere Projekte planen die Mitarbeiter schon einmal drei Monate ein. Je nachdem in wie viele Sprachen das Spiel übersetzt werden soll, kann eine Lokalisierung auch ein halbes Jahr beanspruchen.

Garcia zeigt auf ihr Display: „Englisch: It ain’t over till the fat lady sings“, steht dort. Sprichwörter und landestypische Redewendungen müssen möglichst elegant in den anderen Sprachraum übertragen werden, erklärt sie. Je nach Kontext erfolgt die Übersetzung. In diesem Fall: Es ist noch nicht aller Tage Abend.

Doch die Übersetzung ist nur der erste Schritt, später vertont die Firma die Texte noch im eigenen Studio. Die Berliner Firma verkauft den Spieleherstellern somit ein Komplettpaket, in dem Audioaufnahmen und Untertitel enthalten sind. Dass es für Lokalisierung von digitalen Spielen einen wachsenden Markt gibt, zeigt die Entwicklung von Anakan. Marie-Laurence Amigues gründete das Start-up im Jahr 2006.

Der Dienstleister Anakan, so das Ziel damals, sollte als junges Tochterunternehmen der in Paris ansässigen Firma ExeQuo, die schon seit 1998 Lokalisierung von Computerspielen betreibt, die Position der Mutterfirma auf dem europäischen Markt festigen. In der Startphase in Berlin wurde es von der Fördergesellschaft Berlin Partner unterstützt.

Die deutsche Hauptstadt war eine eindeutig strategische Entscheidung, sagt die Geschäftsführerin. „Berlin ist der perfekte Standort für unsere Unternehmung, weil es so international und kreativ wie keine andere Stadt in Europa ist“, sagt Amigues. „Vor allem die große Schauspieler-Szene hier hilft uns sehr dabei, gute Synchronsprecher für die Spiele zu finden.“ Von der Internationalität des Standorts Berlin profitiere die Firma auch, wenn es um Übersetzer geht: „Schließlich übersetzen wir die Games in insgesamt 30 Sprachen“, sagt die Französin, die ihren Masterabschluss in Marketing Management in Paris gemacht hat.

Ziel sind Spiele wie Kinofilme

„Gameboy“ steht über der Tür geschrieben, hinter der das Tonstudio und der Schnittraum von Anakan liegen. Vor einem großen Mischpult sitzt Tobias Wenzel, der gemeinsam mit Klaus Trapp die Aufnahmeleitung der Synchronsprecher verantwortet. „Unser Ziel ist es, sofern es das Budget zulässt, Kinoqualität zu schaffen“, sagt der Ton-Experte. Für das von Hersteller Microsoft herausgebrachte Spiel „Halo“ hatte das Büro ein sechsstelliges Budget zur Verfügung, sagt er. Weil das Spiel viele kinoähnliche Sequenzen hat, in denen die Handlung erzählt wird und diverse Charaktere das Geschehen bestimmen, verlief auch das Casting und die Aufnahme der Synchronsprecher dementsprechend aufwendig.

Ganz so komplex sind jedoch nicht alle Projekte, die das Berliner Büro betreut. Stark abhängig ist der Arbeitsaufwand von den insgesamt zehn Plattformen, für die Anakan produziert. Neben PC-Spielen wie „Halo“ und Konsolenspielen für große Branchenriesen wie Sony, Activision, Nintendo, Atari und Eidos zählen dazu auch Projekte für Smartphones, Tablets und sogenannte Browser-Games, die direkt im Internet gespielt werden können – ein stark wachsender Markt. Insgesamt hat das Büro bereits 1800 größere und kleinere Spiele lokalisiert. Neben den Audioaufnahmen für die großen Games übersetzt Anakan auch Untertitel und fügt diese in die Spiele ein.

Unternehmen beschäftigt 600 freie Übersetzer

Das Start-up zählt zu den größten Anbietern dieser Dienste in der Hauptstadt, ist aber nicht der einzige. In Berlin konkurriert die Firma zum Beispiel mit der 2010 gegründeten GlobaLoc GmbH, die ebenfalls auf Lokalisierung von Unterhaltungssoftware spezialisiert ist.

Die Zahl der Mitarbeiter stieg in den vergangenen Jahren rasant an. „Im ersten Jahr hatte die Firma gerade einmal fünf Angestellte“, so die Geschäftsführerin. Heute arbeiten in dem großen Büro an der Spree 30 fest angestellte Mitarbeiter, die Zahl der freien Übersetzer indes liege sogar bei rund 600 Freelancern, die teils regelmäßig, teils sporadisch für Anakan arbeiten.

Und die Firma expandiert weiterhin. Dank neuer Räume könne man sich künftig verstärkt um die Qualitätssicherung der Projekte kümmern. „Erst im Jahr 2012 haben wir ein zweites Büro hier in Berlin bezogen, in dem wir ausschließlich die von uns bearbeiteten Titel testen lassen“, erklärt die Geschäftsführerin. Die Zeichen stehen weiterhin auf Wachstum.