Berliner Start-up

Urlaub als Tatort-Kommissar oder Journalist erleben

| Lesedauer: 5 Minuten
Jürgen Stüber

Als Kommissar ein Verbrechen aufklären, als Journalist über eine DDR-Flucht recherchieren. Das Start-up Tripventure lässt Touristen in Rollen schlüpfen – und Städte mit dem Smartphone entdecken.

Der Reiseführer der Zukunft ist nicht mehr zwischen zwei Buchdeckel gepresst. Und das Computerspiel der Zukunft läuft nicht mehr auf der Konsole. Beides ist auf dem Smartphone gespeichert. Dem Berliner Start-up Tripventure ist es gelungen, Computerspiel und digitalen Reiseführer zu einem neuen multimedial aufbereiteten und inkteraktiven Erlebnis zu verbinden. Die Berliner sind Vorreiter auf diesem Gebiet.

Der Tourist erlebt die Sehenswürdigkeiten in vier, wenn nicht gar fünf Dimensionen, wenn er auf den Bildschirm seines mobilen Internetgeräts schaut. „Augmented Reality“ nennen Experten die neue Technologie – erweiterte Realität. Die neue Software verbindet das Bild der Smartphone-Kamera, die empfangenen Geodaten, Informationen aus dem Internet und die Animationen der Spiele-Software zu einem neuen Ganzen – zu einer neuen Ebene von Wirklichkeit. Zusätzlich führt eine Karte den Nutzer an Sehenswürdigkeiten vorbei durch die fremde Stadt.

„Bei allen Spielen geht es um das mobile Erleben einer virtuellen Geschichte in einer realen Stadt mit Hilfe von Augmented Reality“, sagt Stephan Heck, der Gründer von Tripventure. „Wir haben inzwischen sechs Spiele entwickelt.“ Er möchte mit seinem Angebot für jeden Geschmack etwas bieten: für den Touristen ebenso wie den Hardcore-Gamer, für Kinder wie für Erwachsene. Heck ist sicher, dass die mobilen Online-Spiele jenen auf Konsolen den Rang ablaufen werden. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Umfrage unter Computerspiel-Experten: Zwei Drittel der Befragten stimmte dieser These zu – im Jahresvergleich mit zunehmender Tendenz.

Zick-Zack-Kurs durch Berlin

Bei dem Spiel „Inspector Tripton“ klären Nutzer einen Mord auf, während sie eine Stadt erkunden. Sie schlüpfen in die Rolle des virtuellen Kommissars und lösen auf einer vorgegebenen Route durch die Stadt interaktive Rätsel. Sie befragen virtuelle Verdächtige, die als Avatare auf dem Bildschirm erscheinen und in echte Kamerabilder eingeblendet werden, und stellen Beweismittel sicher, die sie später bei der Aufklärung des Falles brauchen werden.

Währenddessen erhalten sie beim Blick durch die Smartphone-Kamera als Text eingeblendete Informationen über Sehenswürdigkeiten, an denen sie während der Ermittlung vorbei kommen. Dieses Spiel ist für neun Städte verfügbar. In der Berlin-Version beginnt die Stadtführung an der Klosterstraße, führt im Zick-Zack-Kurs vorbei am Roten Rathaus, Gendarmenmarkt und Staatsoper durch die historische Stadtmitte und endet am Brandenburger Tor.

In London wird am Themse-Ufer ermittelt. Der Mord geschieht hier an der Tube Station Waterloo und führt den Ermittler flussabwärts bis zum Kriegsmuseum in der Nähe der Tower Bridge. Weitere Versionen sind für München, Köln und Hamburg sowie für Stockholm, Paris, Rom und Barcelona verfügbar.

An Kinder beziehungsweise Eltern, die ihre Kinder während eines City-Urlaubs beschäftigen wollen, richtet sich das Spiel „Rocco Ratcha“. Auch hier fügen sich, durch die Kamera des Smartphones betrachtet, virtuelle Charaktere oder Gegenstände in die aktuelle Realität ein. Der Spieler übernimmt die Rolle der Küchenschabe Rocco, die für ein Familienfest acht Pizzastücke auftreiben muss. Auch hier gibt es eine Route durch die Stadt mit Stationen, an der Aufgaben zu lösen und die virtuellen Pizzastücke zu sammeln sind. Informationen über Sehenswürdigkeiten werden dabei via Augmented Reality eingeblendet.

Spiele mit Sprylands Tripengine realisiert

Die dritte Spielvariante hat zudem noch einen pädagogischen Ansatz. In „Tod an der Mauer“ geht es um die Flucht einer Familie im Jahr 1962 durch einen Tunnel unter dem Eisernen Vorhang. Dabei wurde der DDR-Volkspolizist Reinhold Huhn erschossen. Der Spieler schlüpft in die Rolle eines Reporters, der den Tod des Polizisten aufklären will. Tatortskizzen sowie Radio- und Fernsehbeiträge wurden in dem Geschichtskrimi mit den Originalschauplätzen verknüpft. Sie sind am Standort des Spielers abrufbar und ermöglichen so eine interaktive Reise in die Vergangenheit.

Dabei wurden echte Schauplätze mit Hilfe von Augmented Reality mit historischen Ereignissen spielerisch und didaktisch verbunden. Sprylab, das Mutterunternehmen von Tripventure, hat dieses Spiel gemeinsam mit dem Bildungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes entwickelt.

Realisiert wurden all die Spiele mit dem von Sprylab entwickelten Programm „Tripengine“. Das kann jeder Anwender auch ohne Programmierkenntnisse bedienen – Hauptsache er hat die Idee für eine Spielstory. Auf der Grundlage einer digitalen Landkarte wird dann das Spiel konstruiert. Es wird bei der Entwicklung Szene für Szene wie ein Puzzle zusammengesetzt und schließlich auf die App von Tripventure hochgeladen. Der Endnutzer kann das Spiel dort kaufen und anschließend auf sein Smartphone oder Tablet herunterladen.

Gewinnspiele für Unternehmen

Das alleine wäre nur ein begrenztes Geschäftsmodell. Deshalb geht Sprylab einen Schritt weiter und kommerzialisiert die Spielidee. Marken-Unternehmen können mit der Tripengine eigene Gewinnspiele entwickeln und gelöste Rätselaufgaben mit Coupons belohnen, die in Geschäften eingelöst werden können. Ferner lassen sich ortsbasierten Spiele nach dem Muster von „Inspector Tripton“ oder „Rocco Ratcha“ in vorhandene Reiseführer-Apps integrieren.

Die darauffolgende Etappe des mobilen Spielens sieht Heck in der Bilderkennung. „Dafür haben heutige Smartphones noch nicht genug Rechenleistung“, sagt der Erfinder. Doch in Zukunft werden die Geräte in der Lage sein, Objekte durch den Abgleich mit Datenbanken zu erkennen und automatisch Informationen darüber in Echtzeit abzurufen. „Das eröffnet Spieleentwicklern ganz neue Möglichkeiten“, sagt Heck.