Och, nö! Zugegeben, es ist ja ein lausiges Wetter, aber deshalb den ganzen Spaziergang virtuell machen? Sich mit einem iPhone in ein Café setzen und dann klicken statt schreiten? Naja, der Vorschlag meines sehr internet-affinen Gegenübers stand ja auch nur ganz kurz im Raum. Als wir den Termin ausmachten, hatten wir vermutlich beide einen schönen Frühlingstag erwartet und nicht Schneegestöber.

Aber nun stehen wir vor dem Postfuhramt an der Oranienburger Straße, und Professor Stefan Groß-Selbeck mahnt zum Aufbruch: „Los, bevor wir hier noch ganz weiß werden.“

Eigentlich hätten wir uns in Kreuzberg treffen müssen, meint er. In der Blücherstraße. Dort, wo Ende der neunziger Jahre in einem Hinterhof etwas passierte, was er – obwohl er nicht dabei war – heute als Initialzündung für eine deutsche Gründerszene betrachtet: die Entstehung des Internet-Auktionshauses Alando.

Multimillionäre in sechs Monaten

Sechs junge Leute waren es damals, die schon nach einem halben Jahr zu Multimillionären wurden. Einfach, weil sie das, was sie aus dem Boden gestampft hatten, weiterverkauften: Für 43 Millionen Dollar an eBay. Das ist bis heute eine der Heldengeschichten in der Berliner Start-up-Szene, der Maßstab, den all die jungen Gründer erreichen wollen.

Stefan Groß-Selbeck sieht nicht aus wie einer dieser bleichen Nerds, die ihr Leben Tag und Nacht vor dem Bildschirm fristen. Er ist ein groß gewachsener Björn-Borg-Typ. Er hat für eBay und das Business-Netzwerk Xing gearbeitet, und jetzt ist der 45-Jährige auf eine andere Seite gewechselt. Er leitet eine Gruppe von Forschern, die herausfinden will, was da gerade in der wachsenden Berliner Starter-Szene passiert, wo es hakt bei Firmengründungen, und er will beraten.

Vor allem aber will er helfen, ein Netzwerk aufzubauen, zwischen Hochschulen, Gründern und Investoren. Denn das, weiß er auch aus seiner eigenen Lebensgeschichte, ist einer der wichtigsten Bausteine. Deshalb hat er vor kurzem eine dreijährige Gastprofessur am Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft angetreten.

Er hat für Berlin geworben

Wie sehr sich das Image Berlins mit seiner neuen internationalen Gründerszene verändert hat, macht er an einer Anekdote aus seinem Berufsleben fest. „Als ich 2008 bei eBay war, wurde gerade nach einem zentralen Standort für Europa gesucht. Ich habe natürlich für Berlin geworben. Deutschland war der größte Markt, wir hatten ein super Team hier, es sprach vieles dafür. Aber eBay entschied sich dagegen. Und zwar mit der Begründung, dass man nach Berlin keine guten Leute kriege. Es könnte gut sein, dass sich eBay heute anders entscheidet. Zumindest gilt das Argument, man kriege keine guten Leute nach Berlin, nicht mehr. Heute kann man Top-Leute aus Silicon Valley nach Berlin transferieren.“

In weiten Schritten stapft Groß-Selbeck durch den Schnee der Hauptstadt, er wirkt sportlich und alert – und trotzdem: Für die Gründerszene der Hauptstadt kann er eher den weisen Opi geben. Die meisten Gründer sind unter oder um die 30. Aber schon bei eBay habe er zu den Ältesten gehört, das sei ein bisschen sein Schicksal.

Doch: „Jungsein ist kein Vorteil an sich und alt sein auch kein Vor- oder Nachteil an sich. Es hilft, jung zu sein, wenn man 28 ist und in ein Start-up eintaucht. Ein bisschen schwieriger ist es, wenn man 45 ist und Kinder hat.“ Groß-Selbeck selbst ist vor vier Monaten zum vierten Mal Vater geworden.

Jede Station ein Ziegelstein

Wenn man sich seinen Lebenslauf ansieht, wirkt er kalkuliert. Jede Station ein Ziegelstein, der sich langsam zu einem Turm aufbaut, dessen Spitze noch nicht erreicht ist. Er selbst wiegelt ab: „Ich glaube, solche Wege ergeben sich Schritt für Schritt. Man muss sich nur entscheiden: dafür oder dagegen. Ich habe mich relativ früh entschieden, nicht Anwalt zu werden. Ich war Referendar, aber ich hatte das Gefühl, dass die Mandanten in der Kanzlei, in der ich gearbeitet habe, einen spannenderen Job hatten als ich. Das hat mich dazu bewogen, ins Management zu gehen.“

Groß-Selbeck wurde in Kiel geboren. Den norddeutschen Tonfall hat er bis heute nicht verloren, obwohl er schon im Alter von zwölf Jahren mit seiner Familie nach Düsseldorf zog. Der Vater war Arzt, aber keines der drei Kinder fühlte sich berufen, die Familientradition (schon der Großvater war Mediziner) aufrechtzuerhalten.

Groß-Selbeck träumte erst davon, Diplomat zu werden. „Der Reiz war, dass es eine sehr internationale Aufgabe ist. Aber dann hatte ich das Gefühl, dass es in der freien Wirtschaft mehr Entfaltungsmöglichkeiten gibt.“

Jura und Volkswirtschaft studiert

Wir laufen die Torstraße hinunter, unser Ziel, den Rosenthaler Platz, fest im Visier. Groß-Selbeck hat Jura und Volkswirtschaft studiert, und es hört sich schon gut an, wenn man Deutschland, die Schweiz und Frankreich in seiner Ausbildung angeben kann. Zuletzt war er noch am INSEAD in Fontainebleau, eine der wichtigsten und anerkanntesten Business-Schools in der Welt.

Die zehnmonatige Ausbildung allein kostet 43.000 Euro, er konnte sie mit Hilfe eines Stipendiums finanzieren, von der Haniel-Stiftung und der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Eine Horizont- und eine Persönlichkeitserweiterung habe ihm der Aufenthalt in Fontainebleau gebracht.

Die richtige Entscheidung treffen, so sagte er es doch. Als 1998 sechs junge Männer – unter ihnen die Samwer Brüder, die bis heute zu den erfolgreichsten deutschen Internet-Unternehmer zählen – mit Alando Erfolg hatten, war Groß Selbeck in der Unternehmensberatung bei der Boston Consulting Group. „Wir dachten: Wie haben die das denn gemacht? Damals war es auch noch nicht so en vogue wie heute, Unternehmer zu werden. In meiner Generation wollten die meisten in den Neunziger Jahren Berater oder Banker werden.“

„Vieles war ganz schön wild“

Aber mit Alando ging es los. „Das war für viele der eigentliche Startschuss, sich ernsthaft mit dem Internet und digitalen Geschäftsmodellen zu beschäftigen – auch bei uns in der Unternehmensberatung. Plötzlich interessierten sich viele Kunden dafür. Es gab alle möglichen Experimente, vieles war im Nachhinein ganz schön wild.“

Doch zwei Jahre später schon schien das Aus zu kommen. Die sogenannte Internetblase platzte. Nicht erfüllte Gewinnerwartungen, unprofitable Unternehmen, Insolvenzen. Aber Groß-Selbeck hatte Glück, weil er genau in dieser Phase zu eBay ging. Ein ehemaliger Kollege hatte ihn angerufen und gefragt, ob er wechseln wollte. Wieder ein Beispiel für ihn, was aus einem guten Netzwerk heraus passieren kann.

Ebay gehörte zu den wenigen Unternehmen, die in dieser Phase Gewinne machten. „Der Markt war schwach, aber eBay ging es gut.“ Groß-Selbeck war erst für Marketing und Vertrieb zuständig, anderthalb Jahre später wechselte er nach Shanghai, um dort das Geschäft aufzubauen.

Glück gehört dazu

War es Glück? „Sie müssen immer auch Glück haben. Manches, was im Nachhinein so wahnsinnig geplant aussieht, ist gar nicht geplant. Sie müssen immer auf die Chance warten. Aber Chancen kommen auch nicht zufällig, Chancen kriegen sie nur, wenn sie die Voraussetzungen dafür geschaffen haben.“ Groß-Selbeck hatte sie geschaffen.

2004 kehrte er nach Berlin zurück und wurde Deutschland-Chef des Unternehmens. Das hieß 1000 Mitarbeiter und einen Umsatz von etwa einer Milliarde Euro verantworten. 2009 wechselte er zum Business-Netzwerks Xing, wurde dort Vorstandsvorsitzender.

Wann, frage ich ihn, hat er eigentlich seinen ersten Computer gehabt? Er lacht. Seine Hausarbeiten in den Universitäten hatte er noch auf einer elektrischen Schreibmaschine geschrieben. Den ersten Rechner, er überlegt, das müsste um 1990 herum gewesen sein. Erstaunlich, wenn man dann 20 Jahre später so eine Karriere im Netz hingelegt hat. Einen wichtigsten Moment in seinem Berufsleben, gab es so was? „Nee“, sagt er, „alle Antworten wären unsexy.“

Nun stehen wir am Rosenthaler Platz. Groß-Selbecks Frisur sitzt. Er hat darauf verzichtet, die Kapuze seiner Jacke aufzuziehen. „Rund um diesen Platz passiert viel. Hier sind Unternehmen wie SoundCloud, hier in der Nähe sitzen Investoren, hier finden viele Veranstaltungen statt.“

Anlaufstelle der digitalen Szene

Wir entscheiden, gegenüber im Sankt Oberholz etwas zu trinken. Zwar, meint Groß-Selbeck, das Café habe seinen Zenit als Anlaufstelle der digitalen Szene überschritten, aber es sei immer noch ein Treffpunkt, wo die Leute an ihrem Rechner sitzen. Es ist voll, bunt gemischt, jung und alt, viele starren auf ihre Computer. Wir finden gerade noch einen freien Tisch im oberen Stockwerk.

Wie wird sich die Arbeitswelt in Berlin in den kommenden Jahrzehnten verändern? „Die klassische Struktur, dass man nach der Ausbildung in ein Unternehmen reingeht und da bleibt bis zur Pensionierung, das wird es fast nicht mehr geben“, glaubt Groß-Selbeck. „Die Leute werden öfter den Job wechseln, öfter auch zwischen einer angestellten und selbstständigen Tätigkeit. Alles wird flexibler und vernetzt sein. Wo man arbeitet, ist weniger wichtig. Das kann zuhause, aber auch im Cafe sein.“

Er erzählt, vom Konzept des „Cloudworkers“. Es gebe den Trend, dass Daten zunehmend nicht mehr auf dem eigenen Rechner gespeichert werden, sondern im Netz. „Das hat den Vorteil, dass man mit jedem Gerät darauf zugreifen und eben auch von überall arbeiten kann. Und das erleichtert es Firmen, wie zum Beispiel IBM, bestimmte Tätigkeiten in Zukunft nicht mehr von festangestellten Mitarbeitern, sondern von Freelancern, Cloudworkern, ausführen zu lassen. Für die man eine Aufgabe, einen Job ausschreibt, dann können sie sich bewerben und werden entsprechend ihrer Arbeit natürlich auch bezahlt. So lösen sich klassische Arbeitsstrukturen ein Stück weit auf.“

Neue Arbeitsmodelle in der Zukunft

Wenn Groß-Selbeck so etwas sagt, dann bekommt er einen beinahe werbenden Tonfall. Er glaubt an diese neuen Arbeitsmodelle, für die manch ältere Menschen im Berufsleben heute sicher wenig übrig haben. Aber er weiß auch wo Grenzen sind, und er setzt sie selber. Nachdem er jahrelang durch die Welt getourt ist, nimmt er sich jetzt auch eine kleine Auszeit für die gewachsene Familie.

Die Professorenstelle ist nur auf 50 Prozent angelegt („auch wenn ich mehr arbeite“), der Rest soll der Familie gehören. „Bis ich dann sicher auch wieder im Management tätig sein werde und das hoffentlich mit akademischer Tätigkeit kombinieren kann.“

Aber das so viel beschworene Silicon Valley in Berlin, die neue Gründerzeit, wird sie auch Berlin verändern?

„Es gibt wenig harte Zahlen, aber es gibt eine Vielzahl von Gründern.“ Weil in den letzten Jahren viel junge Leute nach Berlin gezogen sind, die etwas aufbauen wollen. Auch weil die Mieten hier im Vergleich zu London, Zürich und Paris günstiger sind. Mittlerweile gebe es auch Investoren, die den neuen Boom unterstützen, aber auch profitieren wollen. Leute, die selber schon mal gegründet haben, dabei erfolgreich waren und entsprechend Geld haben. Und mit diesem Geld wieder neue Firmen finanzieren.

Berlin hat eine enorme Dynamik

Und dann sind da noch die Investoren, die einen Fond aufgelegt haben und das investieren. „Die sind jetzt alle hier. Ich glaube schon, dass das eine Riesenchance für die Stadt ist.“ Berlin habe eine enorme Dynamik. Aber man müsse Geduld haben. „Diese Dinge passieren nicht über Nacht. Die Amerikaner haben ein paar Jahrzehnte Vorsprung. Silicon Valley gibt es seit 60 Jahren, deshalb sage ich, dass man Berlin Zeit geben muss.“

Die größte Idee in der letzten Zeit ist für ihn die Digitalisierung von Bildung. Dass Hochschulen auf der ganzen Welt quasi ihre Vorlesungen im Internet zur Verfügung stellen. „Es gibt seit tausend Jahren Universitäten, seit tausend Jahren stehen da Professoren und machen Vorlesungen. Und nun zum ersten Mal nach tausend Jahren verlassen diese Vorlesungen den Hörsaal und sind für jeden zugängig.“ Es gebe aber noch viele offene Fragen, ob das ein Geschäftsmodell sei. Wie die übliche Frage: Kann man damit Geld verdienen?.

Groß-Selbeck greift nach seinem iPhone. Er muss weg und will ein Taxi bestellen. Ich frage ihn, was er alles online bestellt. Kleider für die Kinder, Kleider für ihn, Bücher, aber die Milch wird noch im Supermarkt gekauft. Wie er denn seine Frau kennen gelernt hat? Auch über das Internet? „Nein“, sagt er. „Die Story kann ich Ihnen nicht liefern.“