Touristik

Deutschland teilt – demnächst auch Yachten

Das Internet ist zum Reisebegleiter geworden. Websites und Apps, mit denen Nutzer Waren oder Dienstleistungen teilen, liegen im Trend. Ein Beispiel ist der Berliner Bootsvermieter Yachtico.

Foto: Privat

Das Internet ist zum Reisebegleiter und zum Ort des Teilens geworden. Webseiten und Smartphone-Apps, mit denen Nutzer Konsumgüter oder Dienstleistungen teilen können, liegen im Trend. Ein Beispiel ist der Berliner Bootsvermieter Yachtico. Das Unternehmen ist eins von zahlreichen Touristik-Start-ups in Berlin, deren Zahl weiter steigt.

Ob Katamaran, Segelyacht, Motorboot oder Hausboot, im Portfolio des Berliner Start-up Yachtico.com finden sich mittlerweile mehr als 17.000 Boote mit circa 750.000 Angeboten zum Mieten und Chartern. Jeden Monat besuchen nach Unternehmensangaben mehr als 150.000 Nutzer das Portal und suchen dort nach Charter-Angeboten. Motor- und Segelyachten gelten als gute Kapitalanlage. Wer sich zu diesem Zweck ein Boot kauft, muss es vermieten und darf es aus steuerlichen Gründen nicht selber nutzen. Mit der Vermietung kann er eine jährliche Rendite von sechs Prozent oder mehr erwirtschaften. Traditionell wickeln Charteragenturen dieses Geschäft ab. „Dort betragen die Vermittlungsprovisionen aber bis zu 30 Prozent des Mietpreises“, sagt Gründer Ron Hillmann. Yachtico hingegen strebe Provisionen in Höhe von 12 bis 15 Prozent an, wie sie bei der Vermittlung von Ferienwohnungen üblich seien.

Manche Eigner haben Angst vor Vandalismus

Eine einfache Sache und ein schlüssiges Geschäftsmodell, können man meinen, wären da nicht die Eigner, die sich um das wertvolle Boot Sorgen machen und Angst vor Vandalismus haben. Sie muss Hillmann noch überzeugen. Doch er ist zuversichtlich. „Als die Online-Vermietung von Ferienwohnungen in Mode kam, war es genauso.“ Normalerweise werden die Schiffe über die Agentur versichert. Bei der privaten Vermietung muss der Schiffseigner dafür Sorge tragen. Yachtico will dafür ein Paket schnüren, ähnlich wie private Zimmervermittler das tun. „Viele private Bootsbesitzer kennen dieses Geschäftsmodell noch nicht“, sagt Hillmann. Deshalb stammen die meisten Boote im Yachtico-Angebot zurzeit noch von gewerblichen Anbietern.

Ron Hillmann und sein Mitgründer Steffen Brünn sehen privaten Bootscharter als Wachstumsmarkt: „Eine typische Buchung ist das Chartern einer Segelyacht mit fünf bis sechs Schlafkojen in Griechenland oder Kroatien. Im Team sind zehn bis zwölf Mitsegler ohne Führerschein, inklusive Skipper“, so Brünn. Yachtico.com bietet auch exotische Reisen, wie einen Segeltrip auf einem Luxus-Katamaran in Thailand. Ebenfalls beliebt sind inzwischen Familienreisen mit dem Hausboot auf der Mecklenburgischen Seenplatte geworden, durch die Masuren oder in Südfrankreich.

Die Kunden können direkt auf der Seite buchen

Die Kunden finden die Boote auf der Internetseite des Start-up: „Mit Yachtico.com haben wir eine Plattform geschaffen, auf der man sich als Charterkunde ein umfassendes Bild über alle angebotenen Boote verschaffen und diese direkt nach Verfügbarkeitsanfrage über die Seite buchen kann“, so Steffen Brünn, Gründer und Geschäftsführer.

Yachtico will einen Schritt weiter gehen und zu einer Buchungsplattform für Boote werden wie booking.com (für Hotels), wenn nicht gar zu einer Art Airbnb, wo Privatunterkünfte im Internet vermietet werden. Gespräche mit dem privaten Zimmervermittler habe es bereits gegeben, nachdem Airbnb gute Erfahrungen mit der Vermietung von Hausbooten in Amsterdam gemacht hat.

Damit liegt das Projekt im Trend: Alternative Konsumformen gewinnen an Bedeutung und werden immer beliebter. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die der Vermittler von Privatunterkünften, Airbnb, in Auftrag gegeben hat. „Deutschland teilt“ ist sie überschrieben und belegt, dass mittlerweile nahezu alles geteilt wird.

Die Deutschen teilen und mieten gern

Die repräsentative Studie kommt zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung bereits Erfahrung mit alternativen Besitz- und Konsumformen hat: 55 Prozent haben auf dem Flohmarkt und 52 Prozent im Internet Dinge von privat verkauft oder gekauft, 29 Prozent haben ein Auto oder Fahrrad gemietet, 28 Prozent eine Privat- oder Ferienwohnung vermietet oder gemietet,. Jeder vierte Verbraucher mietet selten genutzte Dinge wie Gartengeräte. Geteilter Konsum im Sinne des gemeinsamen Organisierens und Konsumierens über das Internet wird von 12 Prozent der Bevölkerung praktiziert.

Insbesondere unter den 14- bis 25-Jährigen entwickelt sich diese neue Konsumkultur, die durch soziale Netzwerke und das mobile Internet erst ermöglicht wurde. Seine Nutzer teilen Arbeitsplätze (Beispiel Betahaus), Autos (Drive Now), ihre Wohnung (Airbnb), verkaufen im Internet ihren gebrauchten Hausrat (Stuffle), buchen Freizeitaktivitäten (Gidsy) und vermitteln sich gegenseitig Versicherungen (Friedsurance). Warum also sollte das nicht auch mit Yachten klappen, denken sich Hillmann und Brünn.

Das Start-up hat schon 25 Mitarbeiter

Yachtico.com wurde von Steffen Brünn und Ron Hillmann gegründet, die bereits Erfahrung mit Internet-Gründungen und als Business-Angel haben. Hillmann gilt als Urgestein der Berliner Internetszene: Er war Marketing-Leiter der Preisvergleichsplattform Idealo (Axel Springer), machte Online-Marketing für die Wohnungssuchmaschine Immoscout (Deutsche Telekom), arbeitete für den Klingeltonverkäufer Jamba (Rocket Internet) und war beratend für das Berufenetzwerk Xing und den Shoppingclub Brands4Friends (eBay) tätig. Hillmann ist nach eigenen Angaben an „ungefähr 30“ Start-ups beteiligt. Genau weiß er das nicht. Eine Mitgründerin von Yachtico ist auch Yier Bargeld, die Frau des Musikers Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten). Das Start-up beschäftigt im Firmensitz im Berliner Nikolaiviertel (im ehemaligen Wasser- und Schifffahrtsamt) inzwischen 25 Mitarbeiter.

In den kommenden Monaten will Hillmann die Internationalisierung seiner Plattform vorantreiben und vor allem ins Marketing nvestieren. Mit schwarzen Zahlen rechnet er nach einer weiteren Finanzierungsrunde in eineinhalb Jahren. Investoren sind die Investitionsbank Berlin (IBB) und Pressdruck neben weiteren private Investoren (Business Angels).

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