Er hasst Hawaiihemden: diese Schnörkel, diese Falten, dieses Klein-Klein. „So etwas zu malen, grenzt an Strafarbeit. Als ob man einen Roman abschreiben muss”, sagt Götz Valien. Wenn alles nichts hilft, bügelt er das Motiv einfach glatt – und konzentriert sich auf die Filmstars. Schließlich geht es um den Wiedererkennungswert: um die Augen von Kirsten Dunst, die Nase von George Clooney. Oder eben um die Lippen von Gary Oldman. Die malt er gerade für die Premiere von „Dame, König, As, Spion”, dem Oscar-nominierten Agententhriller, der in dieser Woche in den Kinos angelaufen ist. Die gewaltigen Krater, die Valien in seinem Gesicht auftürmt, waren für den Maler kein Problem. Im Gegenteil: „Dieser leicht ironische Schwung seiner Lippen, diese Poren, das hat Spaß gemacht”, sagt er. Doch dieser Spaß ist nicht von Dauer: Nur einen Abend hängt das 63 Quadratmeter große Filmplakat an der Fassade des Kino International an der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain. Dann kehrt es zurück in Valiens Werkstatt – und wird mit weißer Farbe überrollt, damit das nächste Bild entstehen kann. „Eine Sisyphos-Arbeit”, sagt Götz Valien.

Ein Gebläse pumpt Wärme in den Reinickendorfer Hinterhofschuppen, der 51-Jährige schießt mit der Airbrush-Pistole eine letzte Farbschicht auf den Oldman, im Radio dudeln Popsongs. „Ich arbeite im Akkord. Es geht hier darum, dass es effektiv ist, auf den Punkt gebracht”, sagt der gebürtige Salzburger, der zu den letzten Kinoplakatemalern Deutschlands zählt. Oft malt er das gleiche Motiv vier, fünf Mal. Der Blick auf die Vorlage – ein herausgerissener Papierfetzen, mit Klebestreifen auf einer Palette fixiert – ist irgendwann überflüssig. Beim letzten Durchlauf kann er das Bild dann ohnehin auswendig. „Ich fantasiere mich in die Filme hinein, ohne sie gesehen zu haben. Es ist ja meist nicht all zu schwer zu erraten, wie die Drehbücher aufgebaut sind”, sagt Valien. Seine größte Lust ist ein schönes Gesicht. Nicht wenn es besonders ebenmäßig ist, sondern wenn der Ausdruck ein Gefühl der Würde vermittelt.

Bald 20 Jahre arbeitet Valien als freischaffender Künstler in der Werbeagentur von Michael Werner und malt die Hollywood-Werbung nach Vorlage. Durchschnittlich drei Wochen hängen die fertigen Plakate an den Filmtheatern der Hauptstadt: am Kino International vor allem, am Delphi Filmpalast an der Kantstraße in Charlottenburg, am Cinema Paris am Kurfürstendamm oder im Filmpalast Friedrichshain an der Bötzowstraße. Nur einmal im Jahr werden die Leinwände neu bespannt. Bis dahin schichten sich Clint auf Leonardo und Gwyneth auf Scarlett. Zum Schluss wiegt die Leinwand durch die Fassadenfarbe 400 Kilo. „Für mich war die Kinomalerei immer nur ein Brotjob. Aber mittlerweile mache ich das fast ehrenamtlich. Verdienen kann ich damit nichts mehr”, sagt er. Obwohl die Maltechnik für Valien klare Vorteile hat: Der Betrachter merke unterschwellig, dass etwas nicht stimmt mit dem Plakat. Dass es eben kein Foto ist, auch wenn es so tut. Das schaffe Aufmerksamkeit. Den technischen Fortschritt wird das kaum aufhalten, der Digitaldruck wird von Tag zu Tag günstiger. Nur eine gewisse Loyalität treibe ihn noch an: das Wissen, dass seine Kunst ausstirbt, wenn er aufhört. Eine „bittere Bürde” nennt das Götz Valien.

Dabei könnte er längst Millionär sein. Denn Valien malte eines der berühmtesten Gemälde der jüngeren deutschen Kunstgeschichte: „Paris Bar“, diese leere Restaurantszene mit den blütenweißen Tischdecken, dem Schachbrettboden und den vielen Bildern an der Wand. Jahrelang hing es in der gleichnamigen Bar an der Charlottenburger Kantstraße. Valien fertigte es 1991 im Auftrag von Martin Kippenberger an, das beweist eine Signatur. Beim Londoner Auktionshaus Christie’s wechselte es vor zwei Jahren für 2,5 Millionen Euro den Besitzer. Valien sah nichts von dem Geld, er hatte ja bereits bei Fertigstellung 1000 Mark für seine Arbeit erhalten. Er zuckt mit den Schultern: „Diese ganze Geschichte zeigt ja nur, dass ich ein gutes Bild gemalt habe. Punkt.”

Der 51 Jahre alte Maler Götz Valien studierte an der Wiener Kunstakademie altmeisterliche Techniken, bevor er nach Berlin kam, um Drehbücher zu schreiben. In seinem Leben hat er mehr als 3000 Kinoplakate gemalt. Früher benötigt er für eines der bis zu 70 Quadratmeter großen Werbeflächen nur einen Tag, mittlerweile werden es auch schon mal zwei Tage: „Vielleicht bin ich älter geworden, vielleicht werden die Motive aber auch komplizierter”, sagt Valien. Einen großen Traum hat der Künstler: Sein Porträt einer selig lächelnden Angela Merkel, untertitelt mit dem Schriftzug „ANGEL A.“, soll eines Tages im Kanzleramt hängen.

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