Ist ein „O“ sexy? Verrät ein „I“ geheime Botschaften? Macht ein „H“ gute Laune? Barbara Dechant (41) nimmt diese Fragen sehr ernst, überlegt lange und zieht dann einen Vergleich. Mit Buchstaben sei es wie mit Musik: Sie verstärken Stimmungen und prägen unsere Wahrnehmung. Vor allem aber sind sie überall. In Zeitungen natürlich, im Internet sowieso, an Fassaden und Eingängen, als Werbung und Hinweisschilder. Und mittlerweile auch in einer Ausstellung. Die Wiener Grafikdesignerin betreibt mit ihrer Kollegin Anja Schulze (36) in Berlin-Mitte das weltweit einzige Buchstabenmuseum. Noch sprechen die beiden Macherinnen von einem Schaudepot. Weil es nur eine Übergangslösung sein soll und der Platz für die 450 Exponate kaum ausreicht. Aber die Ausstellungsräume im Berlin Carré, einem Einkaufszentrum unterhalb des Fernsehturms am Alexanderplatz, sind schon längst kein Geheimtipp mehr. Vor allem ausländische Gäste kommen, um sich den Friedhof der Neonlettern anzuschauen und auf typografische Spurensuche zu gehen.
Ein Buchstabenmuseum im Einkaufszentrum: Das passt natürlich ganz hervorragend. Zwischen Werbetafeln von „Hanni’s Strumpfboutique”, „Euro Silver Silberschmuck” und der „Zick Zack Nähwelt” stolpert man gleich hinter der Rolltreppe in einen provisorischen Skulpturengarten. Mehr als zwei Meter hoch sind einige Exponate und betteln um Aufmerksamkeit. Im Innern des Schaudepots wird hingegen kräftig inszeniert. In die Dunkelheit hinein strahlen die Neonröhren, hinter der niedrigen Brüstung türmen sich die Zeichen, einige Stücke schweben, während ein elektrisches Knistern den Raum erfüllt. Ein knallbuntes Alphabet-Labyrinth in Licht und Schatten. Erst im Juli 2011 haben zwölf Architektur-Studenten der Hochschule Coburg in das Museum 2500 Arbeitsstunden investiert und das Ausstellungskonzept dramaturgisch aufgehübscht. Jetzt erfährt man zum Beispiel auch etwas über die handwerkliche Leistung, die in den gebogenen Edelgasröhren steckt.
Zu den Lieblingsobjekten von Barbara Dechant und Anja Schulze gibt es allerlei Hintergrundinformationen. Etwa zum „Zierfische”-Schriftzug: Jahrzehnte hing die Leuchtreklame am Frankfurter Tor in Friedrichshain über einem Zoogeschäft und wäre sicherlich im Müllcontainer gelandet, wenn die beiden Buchstabensammlerinnen nicht rechtzeitig zugeschlagen hätten. Oder zum Markthallen-M, ein verschachteltes Ungetüm, das die Viaduktbögen am Alexanderplatz in Mitte schmückte. Und zu Quentin Tarantinos explodiertem E: Der US-Regisseur hatte es beim Dreh seines Kino-Films „Inglourious Basterds” in den Babelsberger Filmstudios in die Luft gejagt. Jetzt hängt es notdürftig geflickt in einem eigenen Raum - und verleiht der Sammlung heimischer Buchstabengeschichte einen Hauch von Hollywood.
Die Beschaffenheit der Zeichen erzählt viel über den Zustand der deutschen Gesellschaft. In den 50er-Jahren schreibt man noch recht unprätentiös den Namen der Branche über das Fachgeschäft: „Lederwaren“ oder „Innendekoration“ steht in geschnörkelter Schulschrift über dem Laden, damit beim Kunden auch ja keine Missverständnisse aufkommen. Später gibt man sich selbstbewusst. Werbetafeln wie „Müller“, „Meier“, „Schmidt“ prangen am Eingang, als ganz und gar undezenter Hinweis auf die eigenen Leistungen und Angebote. Irgendwann dann drängen die Großkonzerne in die Innenstädte – und mit ihnen die ewiggleichen Markenlogos. Von H&M über McDonald’s bis hin zu C&A. „Wenn man mich heute in einer deutschen Stadt aussetzen würde, wüsste ich nicht, wo ich bin. Weil alles gleich ist”, sagt Barbara Dechant. Auch das für sie ein Grund, mit ihrer Sammlung den verblassenden Rest an Individualität über die Zeit zu retten.
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