An den Heiligen Geist haben sich die Nazis nicht herangetraut. Er thront hoch oben an der Spitze des Triumphbogens über dem Altarraum. Doch schon wenige Meter daneben, dort wo jetzt die Klauen der Reichsadler ins Leere greifen, prangten einst die Hakenkreuze. Sie wurden nach dem Zweiten Weltkrieg entfernt. Das Kruzifix dagegen ist noch heute da - und entspricht durch und durch dem nationalsozialistischen Menschenbild: Es zeigt Jesus als kraftstrotzenden Krieger, der den Tod nicht erleidet, sondern überwindet. In den Reliefs am Taufbecken und an der Kanzel reiht sich ein Wehrmachtssoldat mit Stahlhelm und Uniform unter die Gläubigen. Bevor die Orgel eingebaut wurde, dröhnte sie bei der Verkündung der Nürnberger Rassengesetze. Im Vorraum, den man früher Ehrenhalle nannte, stand bis Kriegsende eine Terrakotta-Büste von Adolf Hitler.
Die Kirche ist der Arbeitsplatz von Hans-Martin Brehm, Pfarrer der evangelischen Gemeinde Mariendorf im Süden Berlins. Hier predigt und tauft er, hier feiert er das Abendmahl. Zumindest zu besonderen Anlässen. Und hier ist der Ort, an dem er diskutiert und erklärt, sich rechtfertigt und um Verständnis wirbt, wieder und wieder. Denn die Martin-Luther-Gedächtniskirche an der Riegerzeile 1a ist das einzige erhaltende Gotteshaus in Deutschland mit einem durchgängigen Bildprogramm der Nationalsozialisten. Das weckt Interesse, schürt Emotionen und wirft viele Fragen auf. "Es gibt Menschen, die das ganz fürchterlich finden und die Kirche am liebsten abreißen wollen", sagt der 59-Jährige. Menschen, die es für abartig halten, ausgerechnet hier, in der "Nazi-Kirche", das Evangelium zu predigen. Es gibt aber auch Menschen, die diesen Ort für ein Geschenk halten. "Weil man noch heute ohne Verklärung zeigen kann, wie es damals war und was passiert, wenn man nicht genau hinsieht", sagt Pfarrer Brehm. Bequem sei das sicherlich nicht. "Es ist immer wieder ein Anstoß, über sich und die eigene Gegenwart nachzudenken und sich Lehren aus der Vergangenheit gefallen zu lassen."
Geplant worden war die die Kirche bereits in den 1920er-Jahren, im zeitgemäßen Bauhaus-Stil. Doch erst die Machtergreifung der Nationalsozialisten brachte den Bau voran. Die Kirchenleitung kooperierte mit den Nazis, im Dezember 1935 wurde die Kirche geweiht. "Aber das war hier keine Nazi-Kirche", sagt Pfarrer Brehm. Die "Deutschen Christen", eine rassistische Strömung des Protestantismus, wären nie Teil der Gemeinde gewesen. Im Gegenteil. Oppositionelle Theologen hätten hier gepredigt, während die Gestapo im Kirchenschiff spitzelte. Zu nationalsozialistischen Massenaufmärschen sei es nie gekommen. Und dann gebe es da ja noch die Geschichte von Johanna und Jochen Klepper. Eine Episode, die wie keine andere die Widersprüche der Kirche zeige: Um die Jüdin Johanna vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu retten, ließ sie sich am 18. Dezember 1938 in der Martin-Luther-Gedächtniskirche trauen. Im vollen Wissen darum, dass sich alle Beteiligten durch die Hochzeit in Lebensgefahr begeben. Ihr Plan ging nur für kurze Zeit auf: Nachdem ihre Flucht aus dem Dritten Reich scheiterte, nahm sich das Ehepaar in Berlin-Nikolassee das Leben.
"Es ist nie das Gebäude selbst, das eine Schuld trägt. Es sind immer die Menschen, die damit umgehen", sagt Pfarrer Brehm. Es sei nun mal Fakt, dass der Widerstand gegen die Nationalsozialisten nicht die prägende Kraft in der evangelischen Kirche gewesen sei. Anpassen, unterwerfen, anbiedern - so hätte die Mehrheit der Christen auf den braunen Terror reagiert. Warum aber sind die Spuren der mörderischen Ideologie nach dem Zweiten Weltkrieg nicht entfernt worden - so wie in allen anderen Kirchen auch? So wie in den Amtsstuben, Konzernen und Wohnzimmern? "Es war wohl eine Mischung aus Nachlässigkeit und Trotz", sagt Pfarrer Hans-Martin Brehm. Man habe - so berichten es Zeitzeugen - nichts verdecken, nichts übertünchen wollen. Um sich bewusst zu machen, dass Geschichte nicht einfach endet. Aber auch um zu zeigen, dass letztlich der nationalsozialistische Geist nicht gesiegt hat.
Hans-Martin Brehm ist 59 Jahre alt und seit 1983 Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Berlin-Mariendorf. Zuvor studierte er Theologie in Berlin und in Göttingen. Er hat ein klares Ziel für die Martin-Luther-Gedächtniskirche: In dem ehemaligen Nazi-Bau soll ein Ort der Begegnung, der Lehre und der Forschung entstehen - ein Projekt, das über die Gemeindegrenzen hinweg wirken soll. Bereits jetzt erinnern Ausstellungen an die bewegte Geschichte des Gebäudes. Zumindest ein Etappenziel hat Pfarrer Brehm erreicht: Die Abrisspläne sind längst vom Tisch.
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