Privatdetektive haben viel zu tun. Jeder Fernsehzuschauer weiß das. Schon vor dem Frühstück die erste Verfolgungsjagd, kurz vor Mittag dann die Schießerei, und spätestens zum Nachmittagskaffee ist der Fall gelöst. Dass das mit der Realität wenig zu tun hat, liegt auf der Hand. Denn wenn Klaus-Peter Brosinsky seine Zielpersonen observiert, passiert im besten Falle: nichts. Keine quietschenden Reifen, kein Revolverzücken, keine Handschellen. “Viel sehen und nicht gesehen werden. Das ist mein Motto”, sagt er und blickt weiter stoisch auf den Potsdamer Platz. Sein Auftraggeber will es so. Vielleicht sitzt er nun also nur wenige Minuten in seinem Auto, vielleicht werden es aber auch Stunden oder Tage. Durchhaltevermögen, Geduld - das mache einen guten Ermittler aus. “Das ist ein Traumjob, ein Kindheitstraum: Sachen herausfinden, die nicht jeder herausfinden kann”, sagt der Privatdetektiv.

Der 57-Jährige wirkt grau. Als hätte die Straße ihn verwittert. Seine Sätze sind kurz und geben nur so viel preis wie nötig. Man kann sich gut vorstellen, wie er nachts um drei durch Charlottenburg treibt, das Rücklicht des Verdächtigen fixiert und in angemessenem Abstand Fakten sammelt. Mit Fernglas und Fotokamera, eine Zigarette in der Hand. Ansonsten aber fehlen Brosinsky die markanten Eigenschaften: Er hat ein Allerweltsgesicht, er trägt Allerweltsklamotten, er fährt ein Allerweltsauto. Als würde er nicht existieren. Brosinsky passt sich an. Nur kurz, dafür um so leidenschaftlicher, erzählt er dann plötzlich, was er am Abend zuvor getan hat: Er war mit seinen Schützenbrüdern im Aufnahmestudio eines Fernsehsenders, als Kandidat einer Quizshow. Gewonnen hat er nichts, und Moderatorin Sonja Zietlow hat ihn auch nicht interviewt. Leider. Spaß gemacht hat’s trotzdem, sagt Bronsinsky.

Sobald er wieder von seinen Fälle erzählt, fällt er zurück in die Rolle des stummen Beobachters. Keine Orte, keine Namen, keine Zahlen. Das ist er seinen Kunden schuldig. Eine kleine Privatstatistik aus seinen Auftragsbüchern hat er dennoch parat: Bei Seitensprüngen halten sich Männer und Frauen die Waage, da schenken sich die Geschlechter nichts. In anderer Menschen Privatleben herumzuschnüffeln, vor allem wenn es um Liebe und Vertrauen geht, das sei schon heikel - aber in vielen Fällen die einzige Möglichkeit. Immer noch besser, als wenn sich die Betroffenen selbst auf die Lauer legen: “Das geht immer in die Hose, ein Laie bekommt das nicht hin.” Gelegentlich wird es auch für Brosinsky selbst schmerzhaft. Genau dann, wenn seine Observationen die Affäre bestätigen und das Ende der Ehe besiegeln. “Aber davon lebe ich nun mal”, sagt er. Außerdem gebe es ja auch den umgekehrten Fall: wenn seine Ermittlungen ins Leere laufen und der Verdacht des Auftraggebers unbegründet bleibt: “Eine Ehe zu retten, das ist ein Highlight.”

Aber es gibt sie natürlich doch. Diese Fälle, bei denen sogar Magnum oder Matula leuchtende Augen bekommen würden. “Nach einer vermissten Person zu suchen, auch im Ausland, im Mafia-Milieu zu ermitteln oder Betrugsfällen in großen Unternehmen nachzugehen: Da kribbelt es dann”, sagt Brosinsky. Auf die Methoden seiner Fernsehkollegen kann er nicht zurückgreifen. Schließlich benötigt er gerichtsverwertbare Beweise und muss sich wie jede andere Privatperson an Recht und Gesetz halten. Jeder hinterlasse Spuren. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis man einen Verdächtigen gefunden hat. “Man kann immer in eine Falle tappen, und dann geht die Tür zu, und man kommt da nicht mehr heraus”, sagt er. Mit diesen Gefahren müsse er leben, mit diesen Gefahren könne er umgehen. Im Zweifel bricht er seinen Einsatz ab, da brauche es Fingerspitzengefühl und viel Erfahrung. Und wenn er doch erwischt wird? “Immer eine gute Legende parat haben. Den Auftraggeber schützen, alles abstreiten.” Dann wird Brosinsky wieder zum Mann ohne Eigenschaften.

Klaus-Peter Brosinky (57) arbeitete 30 Jahre im Öffentlichen Dienst. Dann sattelte er um, ließ sich umschulen und betreibt seit 2007 seine eigene Detektei. Der gebürtige Wilmersdorfer und Vater dreier Kinder ist Mitglied im Bundesverband Deutscher Detektive und einer von etwa 120 Privatermittlern in der Hauptstadt. Zu seinen Auftraggebern zählen - ganz klassisch - verzweifelte Eheleute. Er beschäftigt sich aber auch mit Stalking-Fällen, Lohnfortzahlungsbetrug oder Betriebsspionage. Mit Fernsehdetektiven kann er nichts anfangen. “Ich halte mich an dem fest, was draußen passiert”, sagt Brosinsky.

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Und alle haben eine Geschichte. Bei Morgenpost Online erzählen sie sie selbst. Wir porträtieren die Metropole und ihre ganz normalen Bewohner, aus der Nähe, persönlich. Berlin hat viele Gesichter. Morgenpost Online zeigt sie und die Überzeugungen, Träume, Hoffnungen, Probleme, Glücksmomente, die das Leben in der Stadt ausmachen. Jede Woche stellen wir eine Person vor.

"Ich bin ein Berliner" erscheint in der Zeitung und Online. Unser Vorbild: "One in 8 Million" von der New York Times . Folgen Sie der Serie auch auf Twitter oder per RSS-Feed . Außerdem gibt es die Audio-Slideshows auch in einer Youtube-Playlist . (v.a. für iPad- und iPhone-Nutzer).