Ich bin ein Berliner

Siegfried Fischer - der Soldat Gottes

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Es war keine leichte Entscheidung für Siegfried Fischer, seinen sicheren Beamtenjob aufzugeben. Er konnte nicht anders. Er fühlte sich berufen: Ein Soldat Gottes zu werden - bei der Heilsarmee. Ein Porträt mit Audio-Slideshow.

Manchmal schmeckt Liebe nach Grünkohl. Nach Salzkartoffeln und einem heißen Kaffee aus der Thermoskanne. Manchmal, wenn die ersten Frühlingsstrahlen noch zu schwach sind, um einem Obdachlosen genügend Wärme zu schenken. Wenn die Stütze nicht mehr reicht für Brot und Margarine. Wenn wieder mal keiner da ist, mit dem man ein Wort wechseln kann. Wenn man wirklich nicht mehr daran glaubt, dass es irgendwo auf der Welt einen Menschen gibt, dem es wichtig ist, dass man überhaupt am Leben ist.

Wenn man an solch einem Tag an einem Tisch im Café Treffpunkt in der Kuglerstraße am Prenzlauer Berg sitzt, kann plötzlich die Sonne aufgehen. Weil sich jemand neben einen setzt, fragt, wie es geht – und ob man vielleicht einen Teller Grünkohl will.

Siegfried Fischer, Leiter des Heilsarmee-Korps Berlin-Prenzlauer Berg, sorgt dafür, dass jeden Tag für zahllose Menschen immer wieder die Sonne aufgeht. Der Sozialsergeant betreibt mit einem Team von Mitarbeitern das „Café Treffpunkt“ in der Kuglerstraße. Dort ist er für alle „Sigi“. Für alle, die kommen und Hilfe brauchen. Alkoholiker, Drogensüchtige, Wohnungslose. Hier können sie duschen, Kleider wechseln, etwas Warmes essen. Und reden.

Siegfried Fischer kann zuhören. Ihm ist nichts fremd. Er kennt die traurigsten Geschichten. Von Krankheit und Einsamkeit, von Wut, von Schuldgefühlen und Hoffnungslosigkeit. Jeden Tag kommen etwa 80 Menschen ins Café. „Sie haben hier ihr Wohnzimmer“, sagt er.

Siegfried Fischer ist ein Soldat Gottes. Er schöpft seine Kraft aus dem christlichen Glauben, zu dem er selbst in einer schweren Lebenskrise gefunden hat. Und er will auch den Menschen, die zu ihm kommen, etwas vermitteln von der Liebe Gottes. Für viele mag das komisch wirken, altmodisch, naiv. Für all jene, die grinsen, wenn sie die Soldaten der Heilsarmee vor den Kaufhäusern sehen, wie sie da in Uniformen christliche Lieder singen und Suppe verteilen. Die Frauen und Männer von der Heilsarmee lassen sich von dem Spott nicht beirren. Sie helfen einfach.

Das ist nicht immer einfach. Ein Mädchenpensionat ist das Café Treffpunkt nicht. Fischer muss auch schon mal Hausverbot erteilen, weil sich jemand daneben benimmt. Er muss mit Enttäuschungen leben, weil Menschen, die es geschafft haben, vom Alkohol wegzukommen, doch wieder mit dem Trinken anfangen. Ein ungebetener Gast hat auch schon mal gedroht, ihn beim Gottesdienst zu erschießen. Siegfried Fischer lässt sich nicht entmutigen. Und die vielen Menschen, die regelmäßig kommen, die hier ihre Freunde gefunden haben, die reden und lachen können, geben ihm Recht.

Manchmal ist es nur ein Hoffnungsschimmer, den er geben kann. So wie damals, als die aidskranke Frau zu ihm kam. Sie saß in seinem Büro. Sie konnte nur noch weinen. Was sollte er ihr sagen? „An meinem Schrank hängt ein Bibelspruch“, erzählt Siegfried Fischer, „der sinngemäß lautet: Fürchte Dich nicht. Ich bin bei Dir. Ich helfe Dir. Ich nehme Dich an deine Hand'. Ich habe zu der Frau gesagt: ,Guck mal, das hat Gott mir jetzt gerade gezeigt. Das ist jetzt für Dich.' Und die Frau guckte dahin und fragte: ,Wirklich? Kann Gott einen an die Hand nehmen?' – ,Ja', sage ich. ,,das musst Du einfach nur zulassen'. Das sind so Situationen, in denen ich mit Sozialarbeit und Psychologie wahrscheinlich auch nicht viel anfangen könnte.“

Es war keine leichte Entscheidung für Siegfried Fischer, seinen sicheren Beamtenjob aufzugeben. Er konnte nicht anders. Er fühlte sich berufen: Ein Soldat Gottes zu werden. Vor 19 Jahren hat er sich entschlossen, für die Heilsarmee zu arbeiten. Siegfried Fischer, verheiratet und Vater von drei Kindern, ist heute Leiter des Heilsarmee-Korps Berlin-Prenzlauer Berg. Der Sozialsergeant betreibt das „Café Treffpunkt“ in der Kuglerstraße. Dort ist er für alle Sigi. Für alle, die kommen und Hilfe brauchen. Alkoholiker, Drogensüchtige, Wohnungslose. Hier können sie duschen, Kleider wechseln, etwas Warmes essen. Und reden.

Spendenkonto Nr. 40 777 00 bei der Bank für Sozialwirtschaft BLZ 370 205 00, Kennwort: HA-BRLN-PB

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( BMO )