Ein bisschen ist es Magie, was Heike Häcker da hinter der Ladentheke erlebt. Dieser Zauber, wenn gestandene Erwachsene, oft schon im fortgeschrittenen Alter, über die Schwelle des Geschäfts "Ratzekatz" treten. Und erst einmal stehen bleiben. Wenn sie den Kopf in den Nacken legen und die schiere Menge an Spielwaren bestaunen, die sich hier bis unter die Decke stapeln: Gesellschaftsspiele, Puzzle, Puppen, Stofftiere, Bauklötze, Buntstifte, Legoschachteln. Und wenn sie dann plötzlich zwischen all dem modernen Krimskrams ein Stück aus ihrer eigenen Kindheit entdecken. Etwas, das sie nur noch aus ihrer Erinnerung kennen. Den Käthe-Kruse-Stand etwa. Oder das Regal mit den Steiff-Teddys. "Ich habe damals meinen Bären verloren. Gibt's den noch?", fragen sie dann oft.
Fasziniert stand jüngst ein älterer Herr vor den kleinen Raketen, die mit einem lauten Knall explodieren, wenn man sie mit Munition bestückt. "Die kenne ich noch aus meiner Kindheit", sagte er zu Heike Häcker. Die Verkäuferin lächelt in solchen Momenten. Sie hört derlei Sätze häufig. "Gerade die Erwachsenen kriegen hier manchmal sehr große Augen", sagt sie. "Sogar noch mehr als die kleineren Kinder." Heike Häcker ist selbst "ein bisschen nostalgisch". Das ist vielleicht der Grund, weshalb sie so gut zu diesem Beruf passt. Seit 17 Jahren arbeitet die gelernte Einzelhandelskauffrau bei "Ratzekatz". Ihr Wunschberuf war das eigentlich nie. Die gebürtige Berlinerin hatte 1979 beim Fotozubehör des Quelle-Warenhauses begonnen und war dann durch die Abteilungen gewechselt, bis sie bei den Spielwaren hängen blieb. Als Quelle verkauft wurde, versuchte sie sich einige Zeit im Textilgeschäft, merkte aber bald, dass sie keine Freude daran hatte, den Kundinnen eine passende Bluse zum Plisseerock auszusuchen. Der Umgang mit weichen, fließenden Stoffen lag ihr nicht: "Ich bin eher ein Hartwarenmensch", sagt Häcker. Pragmatisch und zupackend klingt das, und das passt auch zu ihrer Arbeit.
Wenn die 49-Jährige morgens um 9.30 Uhr in den Laden kommt, holt sie Ware aus dem Lager und schiebt die Kinderfahrräder nach draußen unter die Markise. Um 10 Uhr wird geöffnet, dann warten meist schon die ersten Kunden an der Tür. Bis zum Feierabend um 19 Uhr bleibt Häcker und ihren Kollegen nur wenig Zeit zum Verschnaufen: Sie bestellen, beraten, räumen aus und wieder ein, versehen das Spielzeug mit Preisen, kassieren und schleppen dazwischen immer wieder die großen Leitern durch das Geschäft, um die Ware ganz oben aus dem Regal herunterzureichen oder dort zu verstauen. "Oftmals fragen wir uns selbst: Wo lassen wir das bloß? Aber irgendwie bekommen wir dann doch alles unter", sagt Häcker. Selbst sie ist von dem vollgestopften Laden manchmal noch überwältigt: "Wenn man jeden Tag herkommt, sieht man das nicht mehr. Aber wenn man mal drei Wochen in Urlaub war und wieder zurückkommt, stellt man erst fest, wie bunt und voll es hier ist." Genauso mögen es aber die wichtigsten Kunden: die Kinder. Und am besten laut, glitzernd, grell. Bei solchen Wünschen ist dann auch Pragmatismus gefragt, ebenso wie Feingefühl, denn oft wollen die Eltern etwas ganz anderes als ihre Sprösslinge. "Gerade in Prenzlauer Berg sind die Vorlieben schon ein bisschen speziell", sagt Häcker.
Vor fünf Jahren ist "Ratzekatz" von Neukölln in die Raumerstraße 7 gezogen. Während früher schrille Plastiksachen gut über den Ladentisch gingen, verstauben sie im neuen Kiez eher mal als Ladenhüter. "Hier muss es oft ökologisch korrekt und pädagogisch wertvoll sein", erklärt die Spielwarenverkäuferin. Sie nimmt es mit Humor, wenn Eltern und Kinder sich nicht einigen können. Oft sucht sie einen Kompromiss, etwa das blinkende Plastikhandy als kleine Zugabe zu den Holzbauklötzen. Oder lenkt die Kleinen mit Bonbons und gutem Zureden ab, wenn eine Diskussion in Tränen endet. Bei hysterischen Schreikrämpfen helfen allerdings auch keine Gummibärchen mehr: "Viele Eltern schnappen sich dann einfach ihre Kinder und verlassen den Laden, weil gar nichts mehr geht", sagt Häcker und schmunzelt. "Da haben wir dann auch keine Chance mehr."
Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Und alle haben eine Geschichte. Bei Morgenpost Online erzählen sie sie selbst. Wir porträtieren die Metropole und ihre ganz normalen Bewohner, aus der Nähe, persönlich. Berlin hat viele Gesichter. Morgenpost Online zeigt sie und die Überzeugungen, Träume, Hoffnungen, Probleme, Glücksmomente, die das Leben in der Stadt ausmachen. Jede Woche stellen wir eine Person vor.
"Ich bin ein Berliner" erscheint in der Zeitung und Online. Unser Vorbild: "One in 8 Million" von der New York Times . Folgen Sie der Serie auch auf Twitter oder per RSS-Feed . Außerdem gibt es die Audio-Slideshows auch in einer Youtube-Playlist . (v.a. für iPad- und iPhone-Nutzer).





