Bei manchen Menschen bestimmt eine einzige Leidenschaft den Lebensweg, und dieser Leidenschaft folgen sie dann selbst an die unterschiedlichsten Orte. Solch ein Mensch ist Xuefeng Han. Seine Leidenschaft führte den 29-Jährigen von einem Kloster in der ostchinesischen Provinz Henan über die Show-Bühnen dieser Welt bis in die ehemalige Schultheiss-Brauerei in Moabit. Hier, im fünften Stock des Backsteinkomplexes, legt er jeden Nachmittag seinen bürgerlichen Namen ab und wird zum Großmeister Shi Yan Xin, der seine Schüler in eine sehr alte, sehr hohe Kunst einführt: Kung Fu.
Seit zwei Jahren leitet Han in der Stromstraße in Moabit zusammen mit seiner Frau Claudia Grapentin-Han das Shaolin Kung Fu Institut. Er unterrichtet traditionelles Kung Fu, wie er es mit 13 Jahren als Kampfmönch in dem Shaolin-Tempel Song Shan lernte, aber auch modernes San Da, außerdem Tai Ji und Qi Gong. Mehr als hundert erwachsene Kampfsportler trainieren bei ihm und Shi Yan Sen, den beiden Meistern des Instituts. Und dann gibt es da noch die 40 Schützlinge, die jeden Tag kurz vor 17 Uhr zum Kinder Kung Fu kommen. Ein paar sind Teenager, die meisten aber noch Grundschüler; die Kleinste ist gerade mal viereinhalb Jahre alt. Sehr diszipliniert sind sie aber alle, denn Disziplin ist Meister Shi Yan Xin sehr wichtig. So freundlich er ist, so nachdrücklich kann er auf der Matte sein. Seine Schüler wissen das, sie warten konzentriert auf Kommandos, üben unermüdlich Sprünge und Tritte. Dabei ist es sehr leise, nur das rhythmische Klatschen der Fußsohlen auf der Matte und ein gelegentliches Stöhnen ist zu hören, durchbrochen von den knappen Befehlen des Großmeisters. Und ab und an auch von einem Kichern.
Diese Strenge hat viel mit Shi Yan Xins Leidenschaft zu tun, denn der Meister will, dass die Kinder seinen Sport ernst nehmen. „Viele kommen nicht, um zu lernen, sondern um Spaß zu haben und zu spielen. Deshalb sage ich ihnen jeden Tag, bevor wir anfangen: Wenn ihr spielen möchtet, bleibt zu Hause oder geht in den Kindergarten.“ Xuefeng Han weiß, was hartes Training bedeutet. Als er mit 13 Jahren dem Shaolin-Kloster beitrat, musste er jeden Morgen um vier Uhr aufstehen und den ganzen Tag trainieren, bis abends um zehn – täglich, ohne Wochenende oder Ferien, drei Jahre lang. In den ersten Wochen, sagt Han, habe er den Schritt bereut und wollte aufgeben. „Aber egal, worum es geht, in einer normalen Schule, beim Kung Fu oder in der Musik – wenn Du nicht richtig Blut, Schweiß und Zeit gibst, kannst Du darin nicht wirklich gut werden.“
Also biss er sich durch, wurde mit 16 Jahren bereits Meister und ein Kung-Fu-Star. Denn wenn die Kampfmönche des Klosters ihre Kunst bis zur Perfektion beherrschen, dürfen sie mit ihren Shows um die Welt touren – und so übernahm Meister Shi Yan Xin vier Jahre lang die offizielle Gruppe des Shaolin-Tempels, reiste um die Welt, bis er 2002 nach Berlin kam und beschloss zu bleiben. Seine Frau Claudia lernte er beim Training im Shaolin-Tempel Deutschland am Kurfürstendamm kennen, sie war seine Schülerin; zwei Jahre später heirateten sie und erfüllten sich 2009 mit dem Institut einen lang gehegten Wunsch.
Sein Lebensweg ist in Berlin vorerst zu Ende, er möchte hierbleiben, wahrscheinlich sein ganzes Leben lang. Seiner Leidenschaft wegen. Denn eigentlich, sagt der Großmeister, sei es ein Fehler gewesen sei, hier zu bleiben und nicht weiter um die Welt zu reisen. „Aber wenn ich sehe, wie meine Schüler Tag für Tag besser werden, dann macht mich das glücklich.“
Xuefeng Han ist Shaolin-Meister der 34. Generation des chinesischen Shaolin-Tempels Song Shan. Er leitete ab 1998 dessen offizielle Show-Gruppe und ging vier Jahre weltweit auf Tournee. In Moabit führt er seit 2009 das Shaolin Kung Fu Institut, wo er als Großmeister Shi Yan Xin sowohl modernes San Da als auch traditionelles Kung Fu, Tai Ji und Qi Gong unterrichtet.
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