Nach gut einem Kilometer perlt Schweiß von seiner Oberlippe. Die Anekdoten verlieren an Fahrt, kurze Atemstöße unterbrechen die Geschichten. Ein kleiner Anstieg auf der Lehrter Straße in Berlin-Moabit zwingt Helmut Millan aus dem Sattel, und das 80-Kilo-Gefährt ächzt ein wenig lauter als zuvor. Spätestens jetzt stellt sich die Moralfrage: Muss das wirklich sein? Im 21. Jahrhundert mitten in der Hauptstadt? Während wie zum Hohn die Taxis vorübergleiten? „Aber ja”, sagt Helmut Millan. „Ich hab's mir doch selbst ausgesucht. Und die Rikscha ist nun mal das schönste Fahrzeug für eine Stadtrundfahrt durch Berlin.“

Die Gewissensbisse seiner Fahrgäste gehören für den 52 Jahre alten Schwaben zum Geschäft. Kaum ein Kunde, der sich nicht vergewissert, ob das denn wirklich in Ordnung sei: sich wie ein Pascha durch das Regierungsviertel kutschieren zu lassen, per Menschenkraft. „Ich erzähle dann immer vom Dominikanermönch Johann Tetzel, der im Mittelalter Ablässe für die katholische Kirche verkauft hat.“ Wer sein Gewissen beruhigen wolle, der könne ja einen zusätzlichen Obolus zahlen. Spätestens dann merken die Fahrgäste: Es geht hier nicht um körperliche Ausbeutung. Es geht um die beste Geschichte und um die ungewöhnlichste Route.

Hier Frau Merkel, da der Reichstag, hallo Quadriga. Das Einsteigerprogramm. Ein wenig spöttisch kommentiert von einem Mann, der täglich an den Mächtigen vorbeistrampelt – und dennoch nachsichtig ist. „Für die ist es gar nicht so leicht, allen Interessen gerecht zu werden. Ich würde das nicht machen wollen”, sagt er.

Es geht natürlich auch geheimnisvoller. Dann biegt Helmut in einen Weg, an dessen Ende allenfalls Kleingärten oder Müllkippen zu vermuten sind. Plötzlich aber rollt die Rikscha an einem Gefängnisfriedhof vorbei, und Helmut zeigt amüsiert auf das Grab des Knastdirektors, das durch einen Zaun von den anderen Toten getrennt ist. Selbst im Jenseits gelten klare Verhältnisse, wundert er sich. Genau wie auf der Rikscha: Hinten werden ganz bequem die Fotos geschossen, vorn pumpen zwei Waden die Pedale auf und ab.

Dass ein ursprünglich japanisches Fortbewegungsmittel sein Arbeitsplatz ist, verdankt er ausgerechnet seiner Bandscheibe. Der gelernte Kaufmann konnte nicht mehr sitzen, er wurde arbeitslos, die Bürokarriere gab er auf. Ein Berliner Rikscha-Unternehmer suchte Fahrer, Helmut bewarb sich – und fand auf dem Sattel sein Glück. Später gründete er sein eigenes Unternehmen.

Rikschafahren gegen Rückenschmerzen? „Das funktioniert wunderbar.“ Es stabilisiere, baue Muskulatur auf. „Hab' mir schon überlegt, ob ich da nicht eine Therapie anbiete.“

Und selbst seine Liebe fand er am Lenker: Bei einer Tour – es geht gerade am KaDeWe vorbei – spricht ihn eine Frau an. Sie habe da eine Freundin, die hätte ihn die ganze Zeit beobachtet und würde Helmut gern kennen lernen. Noch am gleichen Abend gehen die beiden aus. „Mittlerweile sind wir seit 2007 verheiratet und haben einen vierjährigen Sohn.“

Ende Oktober ist die Hauptsaison vorbei, doch vor dem Brandenburger Tor ist davon wenig zu spüren. Touristengrüppchen schieben sich über den Pariser Platz, die immergleichen Gaukler geben den sowjetischen Offizier mit Fellmütze. Mittendrin sitzt Helmut Millan auf seiner Rikscha wie auf einem Thron. Es dauert keine zwei Minuten, bis zwei junge Frauen zaghaft fragen. „Zum Checkpoint Charlie?“ Er reicht seinen Fahrgästen die Hand, hilft ihnen in den Fond, zerstreut – wie immer – die Gewissensbisse. Dann rollt er weiter und muss nun nur noch die größte Herausforderung seines Jobs bestehen: „Gleichzeitig atmen und reden, das ist wirklich kompliziert.“

Helmut Millan (52) gründete vor sieben Jahren mit zwei Geschäftspartnern die Firma „Berlin Rikscha Tours“. Der Fuhrpark besteht aus 25 chinesischen Rikschas, Fahrrädern, Tandems und einem Tretgefährt für sieben Personen. Millan ist ausgebildeter Stadtführer und bietet Touren in der ganzen City an – auch in der kalten Jahreszeit dank Schaffell und Glühwein.

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