„Haben Sie gehört von das eine Mädchen, Frau Freitag? Sie ist gestorben von Energydrinks“, erzählt mir Rosa, als sie zur ersten Stunde den Raum betritt.
„Ja, vallah, aber sie hat nur zwei Dosen getrunken. Wie kann man davon sterben?“ fragt Hamid. „Ich habe neulich fünf Dosen getrunken.“ Hamid ist viel zu groß und leider auch viel zu schwer für sein Alter.
„Aber sie hatte Herzfehler“, sagt Raifat.
„Is trotzdem komisch. Nur zwei Dosen ...“ Hamid wundert sich immer noch. Ich freue mich. Nicht über den Tod des armen Mädchens, sondern darüber, dass meine Schüler nun endlich mal von jemand anderem als mir über die Gefährlichkeit dieser Getränke aufgeklärt werden. In der Zeitung stand, dass das Mädchen 480 Milligramm Koffein zu sich genommen hat – so viel, wie in fünf Litern Cola ist.
„Das war dieses Monster Energy“, sagt Hamid „Das gibt"s hier auch.“ Meine Klasse ist sichtlich verwirrt. Wie kann man an etwas sterben, das legal verkauft wird, und vor allem etwas, was sie selbst jeden Tag trinken? Auf den Dosen steht: „Nicht für Kinder und Schwangere geeignet“, aber welcher Erwachsene greift denn zu einem Erfrischungsgetränk, das „Monster Energy“ heißt? Ich nicht. Das ist ein totales Kinderdesign, mit dem da zum Kauf animiert werden soll. Aber dann steht da drauf, dass Kinder das nicht trinken sollen!
Energydrinks sind sowieso seit ein paar Jahren der letzte Schrei in der Schule. Mir war das gar nicht so klar, aber als wir im Sommer auf Klassenfahrt waren, musste ich feststellen, dass einige meiner Schüler regelrecht abhängig von dem Zeug sind.
Am ersten Tag war super Wetter, wir waren den ganzen Tag draußen. Abends war ich todmüde, aber meine Klasse hellwach. Die ganze Nacht wurde gekichert, gequatscht und versucht, in andere Zimmer zu kommen.
„Das mache ich keine weitere Nacht mit“, sagte mir meine extrem übermüdete Kollegin morgens. „Wie können die nur so lange so wach bleiben?“ „Du, ich glaube, die haben die ganze Nacht Cola getrunken. Ich gehe mal durch die Zimmer und gucke nach.“
In den Zimmern meiner Klasse traf mich der Schlag. Bei den Jungs standen nicht nur mehrere 1,5-Liter-Flaschen Cola, sondern auch ganze Batterien von Energydrinks. Ich konfiszierte jedes koffeinhaltige Getränk und schleppte alles in mein Zimmer. Leider konnte man in der Jugendherberge Cola aus einem Automaten ziehen. Hinter dem Gerät standen schon mehrere Kisten mit Leergut. Hier hatten sich also meine Schüler ihre Koffeindosis besorgt. Beim Mittagessen sprach ich ein absolutes Cola- und Energydrink-Verbot aus.
„Abooo! Neiiin!!!“ – riefen die Schüler entsetzt, hielten sich aber daran, denn es saß immer ein Lehrer in der Nähe des Getränkeautomaten. Schon am Nachmittag meldeten sich die Ersten mit Entzugserscheinungen: „Ich brauche Cola, biiitttteeee!!!“ „Frau Freitag, ich bin sooo müde, bitteee, nur eine Flasche!“ Wir blieben hart. Die zweite Nacht verlief ruhig. Am nächsten Tag jammerte keiner mehr.
Aber auch mit Cola- und Energydrink-Verbot ist so eine Klassenfahrt sehr anstrengend. Ohne meine zwei Liter Kaffee am Tag hätte ich diese Woche auf keinen Fall überlebt!





