„Zum Wetter muss ich ja wohl nichts sagen.“

„Wenn der sich noch so einmal meldet, ohne uns zu erklären, wo wir langfahren müssen, schmeiß ich dieses Scheißnavi aus dem Fenster, das schwör ich.“ Frl. Krise kocht. Wir fahren schon seit Stunden auf der belgischen Autobahn Richtung Holland und der freundliche Navimann weigert sich uns zu sagen, wo wir genau hin müssen. Seit ungefähr 50 Kilometern gibt er außer Plattitüden zum Wetter nichts Gescheites mehr von sich. Ist er krank? Macht er Pause? Ist ihm schlecht? Hätten wir nach Amsterdam abbiegen müssen? Wer weiß es? Wir jedenfalls nicht. Da wir keine Karte dabei haben, müssen wir uns wohl oder übel auf das Navigationsgerät verlassen.

Wir haben Herbstferien und fahren an die Nordsee. Eigentlich ein Grund zur Freude. Ich habe zwölf Brötchen dabei und Äpfel in Stücke geschnitten. Mit jedem gefahrenem Kilometer vergrößert sich meine Entspannung. Ich habe die Schuhe ausgezogen und sitze im Schneidersitz neben meiner Freundin Frl. Krise.

Sie ist nicht besonders entspannt. Sie war bis heute Mittag noch auf Klassenfahrt. Bis kurz vor Aachen habe ich mir angehört, was für einen Terror ihre Schüler gemacht haben, als sie abends ihre Handys abgeben sollten.

„Die durften die von sechs bis acht Uhr abends haben, dann wurden die wieder eingesammelt. Reicht doch. Die können ja ohne ihre Mobiltelefone gar nicht mehr leben. Regelrecht abhängig sind die.“

Abhängig sind wir jetzt auch – von der Routenberechnung des Navigationsgerätes, das vor uns an der Scheibe klebt. Was hat man eigentlich früher gemacht, als es die noch nicht gab? Hat man da nicht einfach auf eine Straßenkarte geguckt? Ging doch auch. Jetzt vertraut man blind diesem Kasten, der uns in Köln grundlos von der Autobahn und durch die gesamte Innenstadt gescheucht hat.

„Es macht wirklich Spaß mit Ihnen zu fahren“, sagt der Mann im Navi plötzlich.

„Aber mit dir nicht! Blöder Mistkerl!“ Frl. Krise meckert mit dem Navi, als wäre das ein Mensch. Dabei hat sie sich extra diesen unsachlichen Navikommentator ausgesucht. Ich kenne nur die unfreundliche Frau, die einem vorwurfsvoll: „Route wird neu berechnet“ vor den Latz knallt, wenn man es gewagt hat, sich nicht an ihre Straßenempfehlungen zu halten.

Ich mag den Navimann. In unregelmäßigen Abständen spricht er zu uns. Jedes Mal, wenn er sagt, wie gern er mit uns fährt, freue ich mich. Mein Lieblingsspruch ist sein meteorologischer Kommentar: „Zum Wetter muss ich ja wohl nichts sagen.“ Das schon fast Politikerdeutsch – das kann alles heißen, denn es passt immer, egal ob es stürmt, schneit oder die Sonne scheint.

Leider bringt uns dieser Satz orientierungsmäßig nicht wirklich weiter. Frl. Krise fährt inzwischen „nach Gefühl“, wie sie sagt – auch eine Methode. Antwerpen kommt und mit der Stadt ein Ring. Man muss ihn je nach Ziel links oder rechts herum befahren. Der Navimann äußert sich nicht dazu. Vielleicht ist das eine erzieherische Maßnahme von ihm. Vielleicht will er, dass wir mehr selbstständig denken, dass wir Entscheidungen zu treffen lernen und Konsequenzen zu spüren bekommen? Vermutlich wäre der Navimann im wirklichen Leben auch gerne Lehrer geworden...

Wir meistern den Ring auch ohne unseren Navimann. „Wir sind richtig!“ sagt Frl. Krise, „Das kenne ich hier!“ Na bitte, geht doch!

„Bleiben Sie sehr lange auf dieser Route!“ lässt sich plötzlich der Navimann vernehmen.

Er scheint zufrieden mit uns zu sein. Wir sind es auch.

„Ist es eigentlich noch weit bis zum Atlantik, Frl. Krise?“, frage ich.

„Atlantik? Frau Freitag! Wir fahren an die Nordsee! Tzzz!“ Frl. Krise ist schwer geschockt.

„Es macht wirklich Spaß mit Ihnen zu fahren“, sagt der Navimann.