„Aygül, na, wie war's in der Türkei?“ frage ich während meiner ersten Hofaufsicht. Aygül sitzt mit Rosa und Elena auf einer Bank.
„War schön“, sagt sie und grinst.
„Hattet ihr noch gutes Wetter?“ frage ich. ‚War schön' reicht mir nicht. Wenn meine Schüler schon mal verreist waren, dann müssen die schon ein bisschen mehr erzählen. „Ja, war warm.“
„War wie Sommer?“, fragt Rosa. Aygül nickt. Rosa seufzt. „Sommer, hmmmmm!“ „Frau Freitag?“, meldet sich jetzt Aygül und guckt sofort wieder auf den Boden.
„Ja? Was denn?“, frage ich. Sie will mir irgendwas sagen. Etwas beichten. Ihr Blick wirkt schuldbewusst. Sie wird doch nicht anfangen zu schwänzen? Aygül ist eine meiner besten Schülerinnen. Eine Leistungsträgerin. Sie ist immer pünktlich und zuverlässig. Vielleicht will sie auf eine andere Schule und traut sich nicht, mir das zu sagen?
„Hier!“ Aygül zieht den Ärmel ihrer Jacke hoch und hält mir ihren Unterarm entgegen: „Gucken Sie mal!“
Und ich gucke! Und ich kann nicht glauben, was ich da sehe!
„Was ist DAS denn?!“ frage ich entsetzt. Auf Aygüls kleinem Unterarm steht deutlich ihr Name.
„Das war so Hennatattoo am Strand“, erklärt sie und grinst. „Aber dann hat es sich entzündet.“ Und entzündet ist wirklich untertrieben. Ihr Name besteht nur noch aus Entzündung. Als hätte man ihr den Schriftzug mit verschmutzter Nadel und ohne jegliche Farbe auf den Arm geritzt. Auf der Entzündung sind am A und am G schon heftige eiternde Stellen. Ich kann meinen Blick gar nicht abwenden. So etwas habe ich noch nie gesehen. Ich bin vor allem davon fasziniert, dass der Schriftzug so gut zu lesen ist. Vielleicht ein neuer Trend an türkischen Urlaubsstränden: Entzündungstattoos.
„Au Backe Aygül, vielleicht bleibt da ja eine Narbe, dann hast du da dein Leben lang deinen Namen stehen – als Narbe!“ Ziemlich unpädagogisch, was ich da sage, denke ich sofort.
„Ich geh' heute zum Arzt“, teilt mir Aygül schnell mit: „Ich glaube nicht, dass da eine Narbe bleibt.“ „Ich will auch so was!“ ruft Rosa plötzlich. Etwas verwirrt frage ich: „Wie, du willst auch 'Aygül', als Entzündung auf dem Arm stehen haben?“
„Nein, aber so Hennatattoo.“
Wir reden über Tätowierungen, giftige Hennafarbimitate und eitrige Entzündungen im weitesten Sinne. Elena übernimmt den aufklärerischen Part und erzählt von einem Fernsehbericht über die Gefährlichkeit von Urlaubstätowierungen. Gut, dann muss ich das nicht machen.
„Man kann davon sogar Krebs kriegen! Sie hatten so gezeigt, wie der eine Mann so ein Hennatatto bekommen hat und dann hat sich das sooo doll entzündet. Und sie haben gesagt, dass in der Farbe so Krebsstoffe drinne sind!“ Mit aufgerissenen Augen berichtet Elena, was sie im Fernsehen gelernt hat.
Aygül zieht ihren Ärmel wieder runter und guckt auf den Boden. Sie tut mir leid.
„Hey Aygül“, sage ich leise und streichle ihr dabei über den Kopf: „Wird schon kein Krebs sein, bleibt wahrscheinlich wirklich nur eine Narbe.“ Dann klingelt es zum Unterricht und die Mädchen zischen ab in Richtung Sporthalle.
Ich gehe ins Lehrerzimmer. So bringt sich eben jeder etwas anderes aus dem Urlaub mit. Aygül eine fette Entzündung auf dem Unterarm und ich einen schönen Magen-Darm-Virus. Aber der hinterlässt wenigstens keine Narben und gekostet hat der auch nichts.





