Die Nacht zum Tag der Deutschen Einheit verbringe ich kotzend in einem grünen Badezimmer eines miefigen Ferienhauses in Holland.

Der Abend fing eigentlich sehr gut an: Fräulein Krise köchelt in der Küche, ich zappe mich, auf der viel zu kurzen Couch liegend, durch das holländische Fernsehprogramm und trinke Rotwein. Dann essen wir Huhn in Erdnusssauce. Ab Mitternacht beginnt mein Körper dann, sich des Huhnes wieder zu entledigen. Diesmal Huhn in Rotwein. Würgen, dann ins Bett, dort jammern, dann wieder würgen, dann wieder jammern. Morgens bin ich ausgetrocknet, leer und habe beachtliche Dreadlocks am Hinterkopf.

„Frau Freitag, ich hab geträumt, da wäre ein krankes Kind irgendwo“, sagt Fräulein Krise morgens. „Das war ich! Hast du denn gar nichts gehört? Ich habe mich stundenlang entleibt!“ Nein, Fräulein Krise hatte nichts gehört. Fräulein Krise schläft wie ein toter Stein.

Der Tag der Deutschen Einheit ist in Holland ein ganz normaler Tag. Ein Glück, denn ich brauche einen Arzt. Mein Magen spielt immer noch verrückt und einen weiteren Tag wie diese Nacht überlebe ich nicht.

Nordseestürme und Starkregen haben unseren kleinen Ferienort fest im Griff, trotzdem wagt sich Fräulein Krise hinaus, um einen Arzt zu finden. Nun sollte man meinen, dass das kein Problem wäre, schließlich ist Holland kein Dritte-Welt-Land. Unser Dorf ist klein, aber trotzdem haben sie dort mehrere ausgeklügelte Kreisverkehrsysteme. Überhaupt erinnert mich der gesamte Straßenverkehr in diesem Ort an den Verkehrskindergarten, in den wir in meiner Grundschulzeit immer gingen.

Fräulein Krise geht zu der Zahnarztpraxis, an der wir jeden Tag vorbeilaufen. Dort findet sie heraus, dass Doktor Schleppentau der Dorfarzt ist. Sie ruft ihn an. Doktor Schleppentau ist im Urlaub. Aber Fräulein Krise ist schlau und geht ins Internetcafé und recherchiert dort weiter. Sie ruft den Arzt im nächsten Dorf an. „Haben Sie einen Termin?“ fragt die Sprechstundenhilfe. Natürlich haben wir keinen Termin.

„Können wir nicht einfach so vorbeikommen, meiner Freundin geht es wirklich sehr schlecht.“ erklärt Fräulein Krise. „Ohne Termin – Nein! Auf keinen Fall! Wenn es Ihrer Freundin so schlecht geht, dann fahren Sie doch mit ihr ins Krankenhaus.“

Fräulein Krise taucht wieder ins Internet ab. Sie findet die Seite „Holland für Touristen“. Dort erfährt sie, dass man in Holland immer einen Termin beim Arzt braucht. Und wenn man ins Krankenhaus möchte, dann geht das nur mit Überweisung vom Arzt. Sehr seltsames System. Aber Fräulein Krise lässt nicht locker und findet im dritten Dorf eine Praxis, zu der wir kommen dürfen. Im Wartezimmer ist niemand. Ich komme sofort dran. Die junge Ärztin fragt: „Hat Sie Bauchschmerz? Hat Sie Fieber? Hat Sie Üblichkeit?“ Und jaaaa – Ich habe Üblichkeit. Und wie! Ich sage: „Bitte geben Sie mir eine Spritze, damit sich mein Magen beruhigen kann.“

„Oh, tut mir leid, wir dürfen nicht Spritze geben in Holland“, sagt die Ärztin. Ich bekomme ein Zäpfchen und Schlaftabletten. Sogar zehn Stück. Komisch, diese Holländer.

Irgendwann beruhigt sich mein Magen und das Wetter auch. Ich sehe einen Zusammenhang zwischen dem Sturm draußen und der Übelkeit in mir, aber Fräulein Krise sagt, das bilde ich mir ein. „Man wird nicht krank, weil sich das Wetter ändert.“ Vielleicht war es das Huhn oder der Wein oder die chinesischen Erdbeeren, die ich gar nicht gegessen habe, aber hätte essen können. Wer weiß, vielleicht war es doch das Wetter. So richtig aufklären wird sich das wohl nicht mehr.

Aber eines ist ja mal klar: Für den nächsten Urlaub buche ich nicht nur ein Ferienhaus, sondern mache auch gleich bei jedem Arzt in der Umgebung einen Termin. Man weiß ja nie. Sicher ist sicher.