„Das ist heavy hier“, sagt der neue Kollege und zieht an seiner Zigarette. Wir stehen vorm Schulgebäude und rauchen. Er ist letzte Woche eingestellt worden und hat gerade seine ersten Stunden unterrichtet. „In welchen Klassen warst du denn?“ „In einer Siebten und einer Achten. Puhhh, das ist ja echt anstrengend. Die hören einem ja gar nicht zu. Und die wollen auch nichts lernen.“
„Was unterrichtest du denn?“, frage ich.
„Musik“, sagt er.
„Und was hast du gemacht in den Stunden?“, frage ich. Vielleicht kann ich ihm ein paar Tipps geben. Ich weiß, dass es nicht leicht ist, unsere Schüler zu unterrichten.
„Ich habe mich erst mal vorgestellt und dann wollte ich mit den Schülern Regeln erarbeiten. Regeln zum Verhalten im Unterricht. Aber das hat gar nicht geklappt.“
Den ersten Schülerkontakt mit „sich vorstellen“ und „Regeln erarbeiten“ zu verbringen ist ein typischer Anfängerfehler. Am Anfang der Stunde sagt man kurz wie man heißt und schreibt seinen Namen leserlich an die Tafel und dann sollte man mit dem Stoff anfangen.
„Wie lange bist du denn schon Lehrer?“, frage ich, denn wahrscheinlich hat dieser junge Kollege gerade erst sein Referendariat beendet.
„Ich bin gar kein richtiger Lehrer. Ich habe Musik studiert. Ich bin Quereinsteiger.“
Quereinsteiger heißen die Menschen, die irgendetwas studiert haben und jetzt meinen, dass sie ihr Geld auch als Lehrer verdienen könnten, obwohl sie dazu nicht ausgebildet wurden. Meistens haben die sich in ihrem Bereich mit schlecht bezahlten Jobs eine paar Jahre über Wasser gehalten. Irgendwann fetzt das Freiberuflerdasein anscheinend aber nicht mehr so sehr und man sehnt sich nach einem einigermaßen krisenfesten, und vor allem sozialversicherungspflichtigen Job. Und in den Ferien muss man nicht arbeiten und bekommt trotzdem Geld. Wer würde da nicht zugreifen?
„Und warum willst du jetzt als Lehrer arbeiten?“, frage ich.
„Naja, als Musiker verdient man nicht so viel und ich bin jetzt auch Vater geworden und da dachte ich...“
Es klingelt und wir gehen ins Schulgebäude zurück. Komisch, dass jemand als Lehrer arbeiten darf, obwohl er oder sie das weder studiert, noch einen zweijährigen Vorbereitungsdienst und zwei Staatsexamen absolviert hat. Ist uns die Ausbildung unserer Kinder so egal, dass wir sie von irgendjemandem unterrichten lassen wollen? Ein Musiker versteht bestimmt viel von Musik. Wahrscheinlich sogar mehr, als so mancher Musiklehrer, aber kann ein Musiker auch unterrichten? Wie sagte meine Dozentin an der Uni immer: „Nur die Wolle zu haben reicht nicht. Man muss auch stricken können.“
Würde ich mir die Haare schneiden lassen, von jemandem, der Altenpfleger gelernt hat und jetzt aber mal gerne als Frisör arbeiten möchte? Würde ich in ein Taxi steigen, wenn der Fahrer keinen Führerschein hat? Ist das Unterrichten von Kindern und Jugendlichen eine Fähigkeit, die jeder schon von Geburt an hat? Muss man das nicht lernen?
Kann ich in die Charité gehen und mich dort als Herzchirurgin bewerben? Man würde mich doch fragen: „Haben Sie denn die nötige Qualifikation?“ Und ich würde antworten: „Ach wissen Sie, ich war jetzt jahrelang Lehrerin und das macht mir keinen Spaß mehr. Ich war aber auch schon mal im Krankenhaus und ich gucke sämtliche Arztserien im Fernsehen – von der ‚Schwarzwaldklinik" bis ‚Emergency Room". Das dürfte doch reichen, oder?“





